Parmalat Milch-König Calisto Tanzi verhaftet

Der Firmengründer und Verwandte sollen das Unternehmen um 1,7 Milliarden erleichtert haben. Nachdem die Finanzpolizei den Ex-Finanzdirektor Tonna verhört hatte, wurde Tanzi im Zentrum Mailands festgenommen. Tonna hatte seinen Ex-Chef belastet. Nun werden auch milliardenschwere Konten auf Cayman Island geprüft.

Mailand - Im Zuge der Ermittlungen wegen Bilanzfälschung beim insolventen italienischen Lebensmittelkonzern Parmalat Finanziaria SpA  ist Firmengründer Calisto Tanzi festgenommen worden.

Der 65-Jährige sei auf Anordnung der Staatsanwaltschaft am Samstag im Zentrum Mailands von der Finanzpolizei in Gewahrsam genommen worden, meldet die italienische Nachrichtenagentur ANSA. Dies sei vor den Augen zahlreicher Passanten geschehen. Tanzi werde betrügerischer Bankrott und Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Allerdings sei noch nicht Anklage erhoben worden.

Der medienscheue Unternehmer, der in diesem Monat den Chefposten bei Parmalat geräumt hatte, werde über Nacht in Polizeigewahrsam bleiben und am Sonntag verhört. Ein italienisches Insolvenzgericht hatte wenige Stunden vor seiner Festnahme den wichtigsten operativen Teil von Parmalat für insolvent erklärt.

Ex-Finanzdirektor Tonna belastet Tanzi

Tanzi befinde sich in einer Kaserne der italienischen Finanzpolizei und werde in eine Haftanstalt überstellt, hieß es in der ANSA-Meldung weiter. Die Ermittler hatten in den vergangenen Tagen nach Dokumenten gesucht, die die Behauptung des früheren Finanzdirektors Fausto Tonna über Bilanzfälschungen stützten. Einem Pressebericht zufolge wurden die Bilanzen des Konzerns seit 15 Jahren gefälscht. Am Mittwoch hatte Tanzi noch mitgeteilt, er halte sich im Ausland auf, wolle aber nach Italien zurückkehren.

Tanzi zweigte nach Presseberichten hunderte Millionen Euro auf Privatkonten ab. Wie die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" berichtete, soll er 500 Millionen Euro veruntreut haben. Der Tageszeitung "La Repubblica" zufolge handelt es sich sogar um eine Summe von mehr als 600 Millionen Euro.

Insgesamt habe die Familie Tanzi die Konten des Konzerns um 1,7 Milliarden Euro geplündert, berichtete "La Repubblica" unter Berufung auf Behördenangaben weiter. Die Tanzi vorgeworfenen Delikte könnten mit bis zu 15 Jahren Haft geahndet werden.

Ein Konto auf Cayman Island

Durch den Insolvenzstatus des Konzerns haben die Gläubiger des Unternehmens nun 120 Tage Zeit, um ihre Zahlungsforderungen vorzulegen. Am Mittwoch hatte Parmalat Gläubigerschutz beantragt.

Das französische Unternehmen Danone dementierte am Samstag italienische Presseberichte, wonach es an Parmalat interessiert ist. Die Zeitung "La Stampa" hatte berichtet, Danone  sei an der Übernahme der Käse- und Jogurtproduktion interessiert.

Parmalat hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, dass durch die Bank of America bei einer Parmalat-Tochter auf Cayman Island (Bonlat Financing Corp) offenbar eine Bilanzfälschung in Höhe von fast vier Milliarden Euro aufgedeckt worden sei. Nach Angaben aus Justizkreisen beläuft sich das Loch in der Buchführung mittlerweile auf sieben Milliarden Euro, Presseberichten zufolge sogar auf bis zu zehn Milliarden Euro.

Tanzis kometenhafter Aufstieg begann 1961

Tanzis kometenhafter Aufstieg begann 1961

In Mailand und Parma ermittelt die Staatsanwaltschaft unter anderem wegen des Vorwurfs des Betrugs und der Bilanzfälschung. Am Mittwoch hatte die Polizei das Haus Tanzis durchsucht.

Der Firmengründer konnte jedoch nicht verhört werden, da er sich im Ausland aufhielt. Tanzi hatte 1961 in der Nähe von Parma seine erste Fabrik zum Pasteurisieren von Milch eröffnet und danach durch umfangreiche Firmen-Übernahmen ein Firmen-Imperium geschaffen.

Tanzi hat zwar die Unternehmensleitung abgegeben, doch kontrolliert seine Familie über die Holdinggesellschaft Coloniale und mehrere Vertreter im Vorstand den Konzern weiterhin. Das Unternehmen ist in etwa 30 Ländern tätig und beschäftigt rund 35.000 Mitarbeiter. Im Rahmen der Untersuchungen hat die Staatsanwaltschaft rund 20 gegenwärtige und frühere Mitarbeiter sowie Wirtschaftsprüfer ins Visier genommen.

Regierung erlässt Parmalat-Dekret

Das in den größten europäischen Bilanzskandal verwickelte Unternehmen wird derzeit von Insolvenzverwalter Enrico Bondi geführt.

Bondi muss bis Ende Januar Vorschläge zur Rettung des Konzerns und der Arbeitsplätze vorlegen. Die italienische Regierung hat eigens für Parmalat ein Dekret erlassen, das dem Unternehmen vorerst Gläubigerschutz gewährt.

Zudem sollen landwirtschaftliche Zulieferbetriebe vor Auswirkungen der Parmalat-Krise geschützt werden. Unbestätigten Medienberichten zufolge sollen andere Konzerne bereits an der Übernahme einzelner Parmalat-Teile Interesse geäußert haben.