Die Malik-Kolumne Gefährliche Worte

Ebit und Ebitda wurden als kaufmännische Vergleichsinstrumente erfunden. Als Führungsinstrumente des Managements missbraucht, hatten sie verheerende Wirkungen: Unternehmenslenker verloren den Zweck ihres Tuns aus den Augen.
Von Fredmund Malik

Kein geringer Prozentsatz an Führungskräften scheint zu glauben, dass die Kenntnis von finanzwirtschaftlichen Mainstream-Kennziffern schon ein Befähigungsausweis sei. Das ist ein gefährlicher Irrtum.

Solange für die Performance-Messung nur Ebit verwendet wurde, war das Risiko von fehlerhafter Führung noch begrenzt. Doch auch diese Kennziffer wurde schon missbraucht.

In unserer Consulting-Praxis am Management Zentrum St. Gallen haben wir spätestens seit dem Jahr 1984 mit Ebit in der Strategieberatung gearbeitet. So neu, wie manche glaubten, war diese Kennziffer nicht, als sie Mitte der neunziger Jahre in Mode kam.

Ebit wurde aber vor dem Anwachsen der Börsenblase selbstverständlich niemals dazu benutzt oder empfohlen, ein Unternehmen zu führen. Diese Kennziffer wurde ausschließlich eingesetzt, um Unternehmen zu vergleichen. Weil jede Firma eine andere Finanzierungs- und Steuersituation hat, war es nötig, ein Brutto- statt ein Netto-Ergebnis zu verwenden, um brauchbare Leistungsvergleiche anstellen zu können. Es mussten also die Zinsen und die Steuern aus dem Ergebnis eliminiert werden.

Die Wiege von Ebit war das so genannte PIMS-Programm (Profit Impact of Market Strategies), ein Strategieforschungsprogramm, das in den sechziger Jahren bei General Electric entwickelt wurde, um die Leistung von unterschiedlichen Geschäftsfeldern beurteilen und vergleichen zu können. Selbstverständlich war immer klar, dass man von einem echten Ergebnis nur nach Zinsen und Steuern sprechen konnte und auch erst danach an eine Dividende zu denken war.

Was also für den Vergleich erfunden worden war, wurde unter dem Einfluss des Shareholder-Values in den neunziger Jahren zu einem Führungsmaßstab - der erste Schritt zur Falschführung.

EBA - Earnings before anything

EBA - Earnings before anything

Die weiteren Schritte waren vorherbestimmt und unvermeidbar: Es kamen Ebitd, Ebitda und so weiter, alles Kennziffern, die aus der Betrachtungswelt von Buchhaltern, Wirtschaftsprüfern und Investmentbankern stammen, für die Führung eines Unternehmens aber völlig unbrauchbar sind. Anlässlich eines Symposiums habe ich mir erlaubt, eine "ganz neue" Kennziffer vorzuschlagen, nämlich EBA - Earnings before anything ... Es dauerte eine Weile, bis die Ironie im Publikum verstanden wurde.

Diese finanzwirtschaftlichen Kennziffern mögen in verschiedenen Fällen ihren Nutzen haben. Sie sind aber untauglich für die Führung eines Unternehmens, für jene Funktion, die das Wirtschaftsergebnis überhaupt erst produzieren muss, bevor es dann bewertet werden kann. Alle finanzwirtschaftlichen Kennziffern sind für die Führung höchst problematisch, weil sie den wirklich wesentlichen Dingen des Managements hinterher laufen.

Aus dem inzwischen großen Vorrat an Kennziffern eignet sich für den Führungszweck im Grunde nur eine einzige: EAE - Earnings after everything. Erst nachdem alle erforderlichen Rückstellungen vorgenommen sind, alle Reserven gebildet wurden, um auch schlechte Zeiten überstehen zu können, kann man von echten Ergebnissen sprechen.

Die eigentliche Fehlentwicklung begann mit der Verwechslung der Betrachtungsweise und Zwecksetzung der Unternehmensführung mit jener der Investoren und ihrer Consultants. Es war gleichzeitig die Verwechslung des realwirtschaftlichen Zwecks eines Unternehmens mit finanzwirtschaftlichen Zwecken von Anlegern. Diese Verwechslung öffnete die Tore für eine geschichtlich einmalige Periode der scheinbar legitimen Bilanzmanipulation, Bilanzfälschung, des Betruges am Publikum und der exzessiven Einkommensgestaltung von Managern.

Damit ging gleichzeitig die systematische Schwächung von Unternehmungen einher, was von nicht wenigen Medien als Beweis besonders fortschrittlicher Unternehmensführung hingestellt wurde - Ebit und Ebitda sahen schließlich gar nicht so schlecht aus. Fürwahr, gefährliche Worte.

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