Sonntag, 20. Oktober 2019

Familie Moeller Der Patriarch und der Schwiegersohn

Jahrzehntelang lief es für den Anlagenbauer Moeller wie am Schnürchen. Doch als Patriarch Gert Moeller mangels familiärer Alternativen seinem Schwiegersohn die Macht übertrug, schlingerte der Konzern fast in die Pleite. In letzter Not hat Moeller jetzt sein Erbe verkauft.

Hamburg - Die Geschichte, die sich viele Jahre in und um Bonn abspielte, hat Soap-Opera-Charakter. Unerklärlich eigentlich, warum noch kein TV-Regisseur diese Familiensaga verfilmt hat. Stoff bietet sich genug: Ein traditionsreiches Unternehmen, ein Patriarch, dessen Gutmütigkeit fast keine Grenzen kennt, Töchter, die kein Interesse am Geschäft haben und ein Schwiegersohn, der raffiniert das drohende Machtvakuum ausnutzt und mit Grossmannsucht das 104 Jahre alte Erbe nahezu in den Ruin treibt.

Kurz gesagt: Es geht um die Moeller-Gruppe. Die ist immer noch Europas drittgrößter Hersteller von Komponenten für die Industrieautomation und weltweit drittgrößter Konzern für Gebäudeautomation. An 350 Standorten, über die ganze Welt verteilt, wird mit knapp 11.000 Mitarbeitern 1,1 Milliarden Euro jährlich umgesetzt. Ein Unternehmen, das bis vor kurzem noch Gert Moeller (80) allein gehörte - und nun - nach zweijähriger Investorensuche an die US-Finanzierungsgesellschaft Advent International verkauft wurde.

Die hektische und langwierige Suche nach einem solventen Käufer wurde durch den wirtschaftlichen Niedergang der Firma ausgelöst. Die Eigenkapitalquote fiel zwischenzeitlich auf bedrohliche sieben Prozent, die Bankverbindlichkeiten beliefen sich auf über 300 Millionen Euro, die Pensionsverpflichtungen auf rund 200 Millionen Euro. Es bestand dringender Handlungsbedarf, um nicht in die Insolvenz zu schlittern.

Töchter - uninteressiert am Unternehmen

Die Schuld am Abstieg der Unternehmensgruppe trägt, so sind sich Beobachter einig, die Eigentümerfamilie. Dem harmoniebedürftigen Patriarchen Gert Moeller wird das Versäumnis angelastet, das Treiben des Schwiegersohns, den Moeller als Chef eingesetzt hatte, viel zu spät gestoppt zu haben. Moellers Motiv: Der Familienfrieden war dem studierten Physiker wichtiger als das Wohlbefinden der Firma. Moellers Töchter - Eva, Ilse und Barbara - hatten schon frühzeitig ihr Desinteresse an dem Werk von Generationen bekundet - und kamen so als Geschäftsführer nicht in Frage.

Als Gert Moeller 1991 das Zepter an seinen Schwiegersohn Emil Seidel abgibt, floriert das Unternehmen prächtig. Eine beeindruckende Eigenkapitalquote von 45 Prozent, zeitweise dreistellige Millionengewinne - Verluste wurden bis zu diesem Zeitpunkt nicht gemacht. Die Produkte aus dem Markt für elektrische und elektronische Geräte zur Energieverteilung und Automation von ehemals Klöckner-Moeller wurden für ihre Qualität gepriesen.

Als Seidel die operative Verantwortung übernimmt, ist es mit dem Firmenfrieden vorbei. Mehrere Verwaltungsräte gingen oder wurden gegangen, fünf Geschäftsführer nahmen ihren Hut oder wurden heraus gemobbt. Dass es Seidel überhaupt auf den Chefsessel schaffte, schreiben Beobachter der Überredungskunst seiner Frau Ilse gut. Diese hatte sich auch dafür eingesetzt, dass Seidel mit einem Kredit der Firma 6,5 Prozent der Gesellschaftsanteile erwerben darf.

Seite 1 von 3

© manager magazin 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung