Familie Moeller Der Patriarch und der Schwiegersohn

Jahrzehntelang lief es für den Anlagenbauer Moeller wie am Schnürchen. Doch als Patriarch Gert Moeller mangels familiärer Alternativen seinem Schwiegersohn die Macht übertrug, schlingerte der Konzern fast in die Pleite. In letzter Not hat Moeller jetzt sein Erbe verkauft.
Von Martin Scheele

Hamburg - Die Geschichte, die sich viele Jahre in und um Bonn abspielte, hat Soap-Opera-Charakter. Unerklärlich eigentlich, warum noch kein TV-Regisseur diese Familiensaga verfilmt hat. Stoff bietet sich genug: Ein traditionsreiches Unternehmen, ein Patriarch, dessen Gutmütigkeit fast keine Grenzen kennt, Töchter, die kein Interesse am Geschäft haben und ein Schwiegersohn, der raffiniert das drohende Machtvakuum ausnutzt und mit Grossmannsucht das 104 Jahre alte Erbe nahezu in den Ruin treibt.

Kurz gesagt: Es geht um die Moeller-Gruppe. Die ist immer noch Europas drittgrößter Hersteller von Komponenten für die Industrieautomation und weltweit drittgrößter Konzern für Gebäudeautomation. An 350 Standorten, über die ganze Welt verteilt, wird mit knapp 11.000 Mitarbeitern 1,1 Milliarden Euro jährlich umgesetzt. Ein Unternehmen, das bis vor kurzem noch Gert Moeller (80) allein gehörte - und nun - nach zweijähriger Investorensuche an die US-Finanzierungsgesellschaft Advent International verkauft wurde.

Die hektische und langwierige Suche nach einem solventen Käufer wurde durch den wirtschaftlichen Niedergang der Firma ausgelöst. Die Eigenkapitalquote fiel zwischenzeitlich auf bedrohliche sieben Prozent, die Bankverbindlichkeiten beliefen sich auf über 300 Millionen Euro, die Pensionsverpflichtungen auf rund 200 Millionen Euro. Es bestand dringender Handlungsbedarf, um nicht in die Insolvenz zu schlittern.

Töchter - uninteressiert am Unternehmen

Die Schuld am Abstieg der Unternehmensgruppe trägt, so sind sich Beobachter einig, die Eigentümerfamilie. Dem harmoniebedürftigen Patriarchen Gert Moeller wird das Versäumnis angelastet, das Treiben des Schwiegersohns, den Moeller als Chef eingesetzt hatte, viel zu spät gestoppt zu haben. Moellers Motiv: Der Familienfrieden war dem studierten Physiker wichtiger als das Wohlbefinden der Firma. Moellers Töchter - Eva, Ilse und Barbara - hatten schon frühzeitig ihr Desinteresse an dem Werk von Generationen bekundet - und kamen so als Geschäftsführer nicht in Frage.

Als Gert Moeller 1991 das Zepter an seinen Schwiegersohn Emil Seidel abgibt, floriert das Unternehmen prächtig. Eine beeindruckende Eigenkapitalquote von 45 Prozent, zeitweise dreistellige Millionengewinne - Verluste wurden bis zu diesem Zeitpunkt nicht gemacht. Die Produkte aus dem Markt für elektrische und elektronische Geräte zur Energieverteilung und Automation von ehemals Klöckner-Moeller wurden für ihre Qualität gepriesen.

Als Seidel die operative Verantwortung übernimmt, ist es mit dem Firmenfrieden vorbei. Mehrere Verwaltungsräte gingen oder wurden gegangen, fünf Geschäftsführer nahmen ihren Hut oder wurden heraus gemobbt. Dass es Seidel überhaupt auf den Chefsessel schaffte, schreiben Beobachter der Überredungskunst seiner Frau Ilse gut. Diese hatte sich auch dafür eingesetzt, dass Seidel mit einem Kredit der Firma 6,5 Prozent der Gesellschaftsanteile erwerben darf.

Ehe zerbrochen, Kündigung

Für Seidel, den nahestehende Personen als grossmannsüchtig beschrieben, war weniger das operative Geschäft wichtig, als mehr der mit der Position verbundenen Zuwachs an Ansehen und Macht. Gern wird die Anekdote erzählt, dass Seidel in Bonn und Umgebung mit einem Jahrzehnte alten Jaguar spazieren fuhr - die teuren Reparaturen des Oldtimers musste die Firma bezahlen. Außerdem schätzte es Seidel, als Patron des Golfhotels "Clostermanns Hof" bei Bonn zu wirken, das damals ihm und seiner Frau gehörte. Statt sich um den kränkelnden Mittelständler zu kümmern, flog Seidel an Wochenende nach Budapest, um seine Doktorarbeit nachzuholen, oder er kümmerte um seine zahlreichen Ehrenämter.

Die wirtschaftliche Kompetenz von Seidel wird rückblickend stark in Frage gestellt. Ohne groß zu überlegen, kaufte er eine Firma nach anderen, kostete es was es wolle. Das Problem: Die Investments erwiesen sich als Sanierungsfälle. Die unüberlegte Einkaufstour hatte verheerende Folgen. Die Eigenkapitalquote sank dramatisch, Verbindlichkeiten türmten sich auf.

Firmenpatriach Gert Moeller dämmerte allmählich, wen er sich da an Bord geholt hatte. Um Seidel schließlich abzuservieren, engagierte Moeller die nächste schwierige Persönlichkeit. In den Gesellschafterausschuss berief der Firmenpatriarch den ehemaligen Diehl-Manager Gerd Gassner.

Dauerquerelen mit Gassner

Mit vereinten Kräften gelang es schließlich, den ruppigen Seidel herauszukomplimentieren. Förderlich war der Umstand, dass die Ehe zu Ilse Moeller zerbrochen war. Ilse ist mittlerweile mit einem finnischen Diplomaten ehelich verbunden.

Mit Gassner wurde es nicht wirklich besser. Weil Finanzchef Jörn Möller die Firma angeblich bei Banken schlecht gemacht hatte, bekam dieser prompt sein Kündigungsschreiben in die Hand gedrückt. Der Personalverantwortliche Franz-Karl Ritter verabschiedete sich wenig später - entnervt von Dauerquerelen mit Gassner.

Geglückt ist hingegen der komplette Abschied von Chef-Spieler Emil Seidel. Die Sippe kaufte ihm vor zwei Jahren die restlichen Gesellschaftsanteile wieder ab. Doch auch hierbei entbrannte Streit. Mit dem kolportieren Betrag von zehn Millionen Euro waren längst nicht alle verstanden. Vor allem die beiden jüngeren Schwestern von Ilses Ex-Mann erzürnte dieser großzügige Preis.

Danach kehrte eine gewisse Ruhe ein. Die neue Geschäftsführung, bestehend aus Sprecher Theo Kubat, Finanzmann Robert Gärtner und Technikchef Sven Bartsch, bemühte sich nach allen Kräften, Gassners Imponiergehabe zu ertragen.

Wie doch noch der Verkauf glückte

Die kreditgebenden Banken wollten diesem Treiben schließlich nicht mehr länger tatenlos zusehen - und forderten die Zufuhr von liquiden Mitteln. Als dies die Familie verweigerte, wurde der Tonfall der Bankvertreter schärfer. Entweder ihr nickt die Käufersuche ab, oder wir drehen den Geldhahn zu - hieß das Motto.

Fast zwei Jahre wälzten immer wieder andere Konkurrenzunternehmen oder Finanzierungsgesellschaften die Bücher von Moeller - und verwarfen einen Einstieg. Hoffnung tat sich auf, als die Private-Equity-Gesellschaft Citigroup Venture Capital mit Moeller in diesem Frühling eine Grundsatzvereinbarung über einen Kauf abschloss. Die EU-Kommission gab ihr Plazet, und doch der Deal kam dennoch nicht zu Stande. Wie es hieß, habe eine der Gläubigerbanken ihr Veto eingelegt.

Mitte Dezember stieg schließlich der US-Investor Advent International ein. Die 20 Banken mit der Commerzbank  als Konsortialführerin verzichten auf einen Teil der Außenstände. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Beobachter halten es aber durchaus für wahrscheinlich, dass die Altgesellschafter für ihre Firma dennoch kaum noch Bares erhalten haben.

Am Hungertuch jedoch wird Gert Moeller nicht nagen müssen. Umso mehr dürfte ihn mit Verdruss die Erinnerung an die vergangenen Jahre erfüllen. Vielleicht verwünscht er sogar die Entscheidung, das Erbe seines Vaters fortgeführt zu haben, statt von Anfang an dem Schreiben zu frönen. Denn nichts fasziniert Gert Moeller so sehr wie die schöngeistige Literatur. Und das Hobby hat gegenüber dem Beruf einen entscheidenden Vorteil: Es muss nicht auf wirtschaftlichem Erfolg angelegt sein.

Folgerichtig hat Moeller sein Märchenbuch "Jörgs große Reise" nicht für die Massen geschrieben. Der Band war eine Auftragsproduktion, die meisten gedruckten Exemplare gab Moeller unentgeltlich weiter.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.