Mittwoch, 16. Oktober 2019

Familie Moeller Der Patriarch und der Schwiegersohn

2. Teil: Ehe zerbrochen, Kündigung

Für Seidel, den nahestehende Personen als grossmannsüchtig beschrieben, war weniger das operative Geschäft wichtig, als mehr der mit der Position verbundenen Zuwachs an Ansehen und Macht. Gern wird die Anekdote erzählt, dass Seidel in Bonn und Umgebung mit einem Jahrzehnte alten Jaguar spazieren fuhr - die teuren Reparaturen des Oldtimers musste die Firma bezahlen. Außerdem schätzte es Seidel, als Patron des Golfhotels "Clostermanns Hof" bei Bonn zu wirken, das damals ihm und seiner Frau gehörte. Statt sich um den kränkelnden Mittelständler zu kümmern, flog Seidel an Wochenende nach Budapest, um seine Doktorarbeit nachzuholen, oder er kümmerte um seine zahlreichen Ehrenämter.

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Die wirtschaftliche Kompetenz von Seidel wird rückblickend stark in Frage gestellt. Ohne groß zu überlegen, kaufte er eine Firma nach anderen, kostete es was es wolle. Das Problem: Die Investments erwiesen sich als Sanierungsfälle. Die unüberlegte Einkaufstour hatte verheerende Folgen. Die Eigenkapitalquote sank dramatisch, Verbindlichkeiten türmten sich auf.

Firmenpatriach Gert Moeller dämmerte allmählich, wen er sich da an Bord geholt hatte. Um Seidel schließlich abzuservieren, engagierte Moeller die nächste schwierige Persönlichkeit. In den Gesellschafterausschuss berief der Firmenpatriarch den ehemaligen Diehl-Manager Gerd Gassner.

Dauerquerelen mit Gassner

Mit vereinten Kräften gelang es schließlich, den ruppigen Seidel herauszukomplimentieren. Förderlich war der Umstand, dass die Ehe zu Ilse Moeller zerbrochen war. Ilse ist mittlerweile mit einem finnischen Diplomaten ehelich verbunden.

 Riesiges Gebilde: Die Moeller-Gruppe ist an 350 Standorten vertreten
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Mit Gassner wurde es nicht wirklich besser. Weil Finanzchef Jörn Möller die Firma angeblich bei Banken schlecht gemacht hatte, bekam dieser prompt sein Kündigungsschreiben in die Hand gedrückt. Der Personalverantwortliche Franz-Karl Ritter verabschiedete sich wenig später - entnervt von Dauerquerelen mit Gassner.

Geglückt ist hingegen der komplette Abschied von Chef-Spieler Emil Seidel. Die Sippe kaufte ihm vor zwei Jahren die restlichen Gesellschaftsanteile wieder ab. Doch auch hierbei entbrannte Streit. Mit dem kolportieren Betrag von zehn Millionen Euro waren längst nicht alle verstanden. Vor allem die beiden jüngeren Schwestern von Ilses Ex-Mann erzürnte dieser großzügige Preis.

Danach kehrte eine gewisse Ruhe ein. Die neue Geschäftsführung, bestehend aus Sprecher Theo Kubat, Finanzmann Robert Gärtner und Technikchef Sven Bartsch, bemühte sich nach allen Kräften, Gassners Imponiergehabe zu ertragen.

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