Dienstag, 10. Dezember 2019

Erivan Haub Menschensammler und Ladenhüter

Während bei Spar der Ausverkauf droht, schafft Tengelmann die Wende. Eine imposante Leistung nach des Vaters Sitte: Erivan Haub hatte einst wider alle Unkenrufe aus der Krämerkette einen internationalen Handelsmulti gemacht. Doch als er unvermeidliche Schnitte scheute, geriet sein Lebenswerk zum Sanierungsfall.

Hamburg - Um ein Haar hätte er sie gar nicht schreiben dürfen, die Erfolgsgeschichte Tengelmann. Die Führung seines Lebensmittelfilialisten traute Firmenpatriarch und Gründerenkel Karl Schmitz-Scholl seinem Neffen, Erivan Karl Mathias Haub, einfach nicht zu. Enterben habe er ihn wollen, verhindern, dass Erivan in den Besitz seines 50-Prozent-Anteils an dem Familienunternehmen und damit an die Tengelmann-Spitze gelangt, so das manager magazin.

Der Menschen-Sammler von Mülheim: Tengelmann-Patriarch Erivan Haub
Ironie des Schicksals: Schmitz-Scholl verstarb, ehe er mit seiner Drohung Ernst machen konnte. Und so setzte Haub von 1969 an ins Werk, was der Onkel nie und nimmer für möglich gehalten hatte. Statt den Laden nach spätestens vier Jahren verkaufen zu müssen, wie Schmitz-Scholl einst prophezeit hatte, forcierte Erivan Haub mit viel Fortune die Expansion des 1867 von den Urgroßeltern unter dem Namen "Wilh. Schmitz-Scholl", kurz Wissol, als Kolonialwaren-Großhandlung etablierten Traditionshauses.

Unter der Ägide des Diplom-Volkswirts, Jahrgang 1932, legte die Tengelmann-Gruppe bis Ende der neunziger Jahre von gut 400 auf annähernd 7000 Filialen zu. Der Umsatz vervielfachte sich in dieser Zeit von etwa 700 Millionen auf rund 25,6 Milliarden Euro. Allein in Deutschland entstanden durch das rasante Wachstum des Mülheimer Konzerns an die 85.000 Arbeitsplätze. Haub wurde dafür vom Magazin "Focus" zum "Jobmacher Nummer eins" der Bundesrepublik gekürt.

Seine - weitgehend eigenfinanzierte - Akquisitionstour startete der Tengelmann-Prinzipal 1971 mit dem Erwerb der Kaisers Kaffee-Geschäft AG. Allein deren Immobilienvermögen überstieg den Kaufpreis von 51 Millionen Euro, wie Haub einmal bemerkte.

Ein Jahr später erstand er die österreichische Löwa-Kette und wagte Ende der siebziger Jahre den Schritt nach Übersee. Für 100 Millionen Dollar leistete sich der Händlerkönig von der Ruhr eine Mehrheitsbeteiligung an der traditionsreichen US-Lebensmittelkette Great Atlantic & Pacific Tea Company (A&P). Unverhoffte Begleiterscheinung: Erst nachdem der Deal perfekt war, entdeckte der neue Eigentümer die mit 270 Millionen Dollar überdotierte Pensionskasse.

Im Verlauf der achtziger Jahre schließlich vervollständigte der Tengelmann-Chef die Liste der Auslandszukäufe durch die Übernahme der niederländischen Hermans Groep, der italienischen Superal sowie durch eine Beteiligung an der ungarischen Skala Coop.

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