Annemarie Findel-Mast Die Jägermeisterin

Es gibt nur einen deutschen Schnaps, der weltweit erfolgreich ist: den Kräuterlikör mit dem Hubertushirschen. Verschwiegene Herrscherin über das geistreiche Imperium ist Annemarie Findel-Mast.
Von Karsten Langer

Hamburg - Genug ist genug. Im November 1997 legte Günter Mast sein Amt als Aufsichtsratschef nieder und kehrte Jägermeister enttäuscht den Rücken. 45 Jahre lang war er dem Betrieb seiner Cousine Annemarie Findel-Mast treu gewesen, fast ein Vierteljahrhundert als Vorstandschef.

Mast räumte seinen Posten allerdings nicht freiwillig. Vorangegangen war ein Streit zwischen ihm und Annemarie Findel-Mast, die zusammen mit ihrer Tochter Susan Buschke alle Aktien der Wolfenbütteler Likördestille hält.

Die Fehde hatte mehrere Gründe. Zum einen hatte Günter Mast nach der Wende 100 Millionen Mark in die blühenden Landschaften gepumpt. Mit dem Geld baute er eine Schnapsfabrik und kaufte außerdem ein Hotel und zwei Schlösser. Das war der Hauptaktionärin offensichtlich zu viel.

Hauptsache, die Zahlen stimmten

Vor allem aber hatte er in einem wesentlichen Punkt versagt: Ihm war es zwei Jahrzehnte lang nicht gelungen, einen Nachfolger zu finden. Günter Mast hatte die Geduld der langmütigen Cousine einfach überstrapaziert.

Die Familienbande waren augenscheinlich nie sonderlich eng gewesen. Dem Vernehmen nach trafen sich die Masts nur einmal im Jahr - zur Hauptversammlung.

Dieses rudimentäre Bekenntnis zur Verwandtschaft reichte für die stillschweigende Symbiose, die über Dekaden reibungslos funktionierte. Cousin Günter durfte schalten und walten wie ein König - Hauptsache, die Zahlen stimmten.

"Ich trinke Jägermeister, weil..."

Obwohl er nie selbst auch nur eine einzige Aktie des Unternehmens besaß, trieb der studierte Volkswirt und passionierte Jäger die Verbreitung der Marke mit dem Hubertushirschen stoisch voran.

Mast bestimmte die Einheitspreise, die für alle Händler galten, Mast kreierte das Layout der Flaschen und ersann den werbewirksamen Spruch "Ich trinke Jägermeister, weil...", der in abertausenden von Variationen durch die deutschen Gazetten geisterte.

Nach seinem Abgang fand man Worte des Lobes, aber auch der Kritik für den ewigen Firmenpatriarchen mit der schnarrenden Feldwebelstimme. "Günter Mast war ein extremer Formalist und hat alle Entscheidungen an sich gezogen", sagte der neue Jägermeister-Chef Hasso Kaempfe in einem Interview mit der "Bunten".

Schlagermove statt Hitparade

Kaempfe hängte in seiner neuen Wirkungsstätte als Erstes die Hirschgeweihe ab. Außerdem beendete er die Werbekampagnen seines Vorgängers und verschaffte der Schnapsmarke als Sponsor des Hamburger Schlagermove ein jugendliches Image. Der Erfolg gibt Kaempfe Recht. Allein 2001 stieg der Auslandsumsatz um 14 Prozent, die Gewinne blieben stabil. Unterdessen erobert Kaempfe sehr erfolgreich den amerikanischen Markt.

So lange die Zahlen stimmen, dürfte auch ihm die Gunst von Annemarie Findel-Mast gewiss sein. Sollte sich Kaempfe allerdings als Sonnenkönig gerieren, könnte ihn das gleiche Schicksal ereilen wie Günter Mast.

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