Familie Schlecker Knüppeln, knausern, kontrollieren

Mit Discountpreisen für Pulver und Pasten, Puder und Parfums gelang der Familie des schwäbischen Metzgers Anton Schlecker der Aufbau eines stattliches Drogerieimperium. Geholfen hat dabei eine schlichte Unternehmensphilosophie.
Von Christian Keun und Karsten Langer

Hamburg - Ihr Ruf als Arbeitgeber ist nicht der beste. Großzügigkeit, besondere Fürsorglichkeit gar, sind vermutlich das Letzte, was Gewerkschafter und viele der Mitarbeiter den Schleckers nachsagen würden.

Als Herrscher über ein mittlerweile europäisches Drogerieimperium wurden Christa und Anton Schlecker häufig kritisiert.

Vor rund fünf Jahren bekamen sie es schwarz auf weiß und im Namen des Volkes: Das Stuttgarter Landgericht erließ Strafbefehl gegen Herrn und Frau Schlecker - je zehn Monate auf Bewährung und eine Million Euro Geldstrafe lautete das Urteil damals. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass das Unternehmer-Ehepaar viele seiner Beschäftigten schlichtweg betrogen hatte. Bis 1995 gaukelten die beiden hunderten Verkäuferinnen die Zahlung von Tariflohn vor, speisten sie tatsächlich aber mit weniger ab.

"Geradezu berüchtigt"

Das hat sich erst Mitte 2001 geändert. Da konnte die frisch aus der Taufe gehobene Mega-Gewerkschaft Verdi einen ganz besonderen Erfolg feiern: Schlecker unterzeichnete einen Anerkennungstarifvertrag, der bundesweit gilt. Bis dato hatte der Drogeriediscounter in Gewerkschaftskreisen als "geradezu berüchtigt" gegolten.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Das unter anderem deswegen, weil Anton Schlecker selbst Niederlagen zu seinem Vorteil ummünzt. "Die zu Beginn der Ermittlungen und noch in der Anklageschrift erhobenen Vorwürfe konnten im erheblichen Umfang nicht aufrecht erhalten werden", räsonierte er vollmundig nach der Urteilsverkündung. Weder die Niederlage vor Gericht noch die gegenüber der Gewerkschaft kratzen an seinem Selbstbewusstsein. Anton Schlecker ist eben kein Mensch, der aufgibt.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Diese ausgeprägte Charaktereigenschaft ist es auch, die ihn so mächtig gemacht hat. Denn die Niedrigpreise, die Schlecker so gern für sich reklamiert, fallen nicht vom Himmel. Sie wollen knallhart kalkuliert sein.

Zum Beispiel, indem mancher Laden Kosten sparend lange von nur einer Angestellten geleitet werden musste. Oder in Filialen keine Telefone installiert wurden, die ohnehin nur für Privatgespräche missbraucht würden, wie Schlecker argwöhnte. Das rächte sich später. Auch Diebe hatten erkannt, dass die Filialleiterinnen die Polizei nicht telefonisch um Hilfe bitten konnten. Die Zahl der Überfalle nahm schlagartig zu.

Das gesunde Misstrauen gegenüber den menschlichen Schwächen seiner Mitarbeiter nahm Schlecker zum Anlass, ein rigoroses Kontrollsystem zu installieren. Um die so genannten Inventurverluste zu minimieren, werden sowohl Bezirksleiter als auch Filialleiter dazu angehalten, regelmäßig die Taschen der Kollegen zu überprüfen. Weitere Kontrollen betreffen die Bargeldbestände der Kassen, die Spinde und die Privatfahrzeuge. Auch die Kameras in den Läden werden zur Beaufsichtigung der Mitarbeiter eingesetzt.

Vom Metzgermeister zum Massendiscounter

Durch seine beharrliche Knauserigkeit hat sich der heute 58-jährige Sportwagenliebhaber in Schwindel erregendem Tempo bis an die Spitze des deutschen Einzelhandels emporgearbeitet. 1965 stieg der damals mit 21 Jahren "jüngste Metzgermeister der Republik" in das schwäbische Fleischwarenunternehmen des Vaters ein. Noch im selben Jahr gründete er am Stadtrand von Ehingen sein erstes eigenes SB-Warenhaus.

Den entscheidenden unternehmerischen Schritt - weg von Aufschnitt und Schnitzel - wagte Schlecker 1975, nachdem die Preisbindung für Drogerieartikel gefallen war. In einem neuartigen Discountmarkt bot er fortan Pulver und Pasten, Puder und Parfums an. Zwei Jahre später betrieb er schon über hundert solcher Läden.

Das Schlecker-Prinzip

Niedrige Fixkosten

Schleckers Expansionsstrategie ist so einfach wie wirkungsvoll: Wenn Einzelhändler in Kleinstädten oder unattraktiven Bezirken der Metropolen schließen, steht Schlecker Gewehr bei Fuß.

Er mietet zu Dumpingpreisen, verzichtet auf hohe Umsätze und drückt durch eine dünne Personaldecke die Fixkosten.

Das schlichte System hat sich bezahlt gemacht. Heute nimmt Schlecker für sich in Anspruch, die Nummer eins in der Drogeriemarkt-Branche zu sein und zu den 25 größten Handelsunternehmen Europas zu gehören. Mehr als 200 Millionen Euro an Barmitteln, munkeln Insider, weise die Bilanz alljährlich aus.

"2003 soll Kostendeckung erreicht sein"

Selbst in der unsicheren Sparte E-Commerce soll der Herr der Drogisten Erfolg haben: der Onlinehandel floriert, heißt es. Erst Anfang Juni machte die Website mit Discountpreisen für Neuwagen auf sich aufmerksam. Verantwortlich für den Erfolg sind unter anderem seine Kinder Lars und Meike. Die haben schon vor Jahren den Web-Auftritt mitgeplant und -gestaltet.

"2003 soll, Abschreibungen fürs Lager inbegriffen, bereits Kostendeckung erreicht sein", zeigte sich Schlecker Anfang vergangenen Jahres gegenüber der "Lebensmittelzeitung" optimistisch. Um die Online-Expansion voranzutreiben, soll demnächst ein neues Logistikcenter im baden-württembergischen Berg eröffnet werden.

Schleckers unstillbare Umtriebigkeit könnte für seine Verkäuferinnen letztendlich von Vorteil sein: Die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass die Eheleute Schlecker mal wieder überraschend im Laden auftauchen und staubige oder gar unaufgefüllte Regale monieren.

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