Karl und Theo Albrecht Billigheimer der Nation

Im Reich der Billig-Supermärkte regieren sie als die ungekrönten Discount-Könige. Heute beschert das Aldi-Imperium den verschwiegenen Brüdern Karl und Theo Albrecht einen sorgenfreien Lebensabend.
Von Christian Keun und Karsten Langer

Hamburg - Absehbar war er nicht, dieser fulminante Aufstieg der Brüder Albrecht von kleinen Krautern zu "Discountern mondiale". Doch gerade darin liegt ja der besondere Charme veritabler Erfolgsgeschichten: Sie gleichen einem Gipfelsturm aus dem Stand - ohne Netz und doppelten Boden. In diesem Fall sprechen wir am besten von der Ruhrpott-Variante des amerikanischen Traumes.

Es sind die viel zitierten einfachen Verhältnisse, unter denen Karl Albrecht, Jahrgang 1920, und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Theodor ("Theo") aufwachsen. Der Vater, ein ehemaliger Bergmann, verdingt sich als schlecht bezahlter Bäcker in einer Brotfabrik, nachdem er sich "unter Tage" eine Staublunge zugezogen hat. Die Mutter unterhält im Essener Arbeiterviertel Schonebeck einen kleinen Lebensmittelladen.

Beide Albrecht-Sprösslinge treten nach dem Besuch der Mittelschule in die Fußstapfen der Mutter. Theo absolviert seine Lehre zum Lebensmittelhändler im elterlichen Laden, Karl in einem renommierten Feinkostgeschäft. Der Krieg unterbricht auch ihre Berufslaufbahnen und verschlägt den Jüngeren einstweilen nach Afrika zu einer Nachschubeinheit, der Ältere fristet sein Soldatendasein an der Ostfront. Kein ungewöhnliches Schicksal für die damalige Zeit.

Wirtschaftswunderjahre nach Aldi-Fasson

Einen ersten Wendepunkt im Leben der beiden Heimkehrer markiert das Jahr der Währungsreform. 1948 schaffen die Brüder Albrecht ihren persönlichen Neuanfang, indem sie die erste eigene Lebensmittelhandlung gründen und diese rasch zu einer kleinen Kette ausbauen. Ihre Geschäftsidee: im Gegensatz zum damals florierenden Konsum, der noch mit Rabattmarken arbeitete, die gesammelt und am Ende des Jahres abgerechnet wurden, gewährten die Brüder den Preisnachlass sofort.

Außerdem verkaufte man Butter zu Niedrigstpreisen. Der Legende nach mussten die Angestellten die begehrte Ware jeden Abend in den Keller tragen. Die Brüder Albrecht waren zu geizig, um sich Kühltheken anzuschaffen.

Die Geschäftsidee bewährte sich und war Auftakt einer nachgerade stürmischen Expansion. Denn in den folgenden zehn Jahren schießen im gesamten Ruhrgebiet weitere Filialen wie Pilze aus dem Boden: Im Ganzen über 300, die Umsatzschwelle von 100 Millionen Mark wird schon bald überschritten.

Ihre eigentliche Bestimmung aber finden die "Revier-Höker" erst zu Beginn der sechziger Jahre. In Dortmund eröffnen sie 1962 den ersten Aldi-Markt: Spartanisch eingerichtet, mit einem stark gestrafften Warenangebot und konkurrenzlos niedrigen Preisen. Ohne Wenn und Aber verschreiben sich Karl und Theo von nun an der Discount-Idee ("Albrecht-Discount") und mutieren zu den "Billigheimern der Nation" - pardon, zum preiswertesten Wettbewerber der Republik.

Die Stiftung Warentest mischt mit

Die Stiftung Warentest mischt mit

Denn hohe Qualität für wenig Geld zeichnet Aldi aus. Das bestätigen nicht nur Blindverkoster und Warentester, sondern auch die stetig wachsende Kundenschar.

Produkte, die bei der über alle Zweifel erhabenen deutschen Qualitätskontrollinstitution Stiftung Warentest eine schlechtere Note als "befriedigend" erhalten, fliegen aus dem Sortiment. Das beschränkt sich auf 600 (Aldi Süd) beziehungsweise 750 (Aldi Nord) Artikel. Der Vorteil: es gibt weniger Waren, die schlecht werden können, es gibt weniger Organisation und - die Kunden sind zufriedener.

Das jedenfalls ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für qualitative Marktanalysen Rheingold, die die Illustrierte "Stern" in Auszügen veröffentlichte. Demnach ist die Kundschaft bei Aldi vor allem glücklich, weil der Discounter nach Kundenmeinung übersichtlich, fair und preiswert ist. Es sei nicht länger Zeichen von Armut, bei Aldi einzukaufen. Im Gegenteil: wer bei Aldi konsumierte, lebte preisbewusst, qualitätsbewusst und lasse sich nicht von Werbung beeinflussen.

Auch als Fachhändler ganz vorn

In die wird bei den Albrechts so gut wie kein Geld gesteckt. Aldi beschäftigt keine PR-Agentur, und auf eine Pressestelle wird auch verzichtet. Das Faltblatt "Aldi informiert" nebst der wöchentlich erscheinenden Anzeige in den Tageszeitungen reicht dem Kunden aus, um über die Sonderangebote in Kenntnis gesetzt zu werden. Lapidar wird vermerkt, dass die Angebote nur in begrenzter Stückzahl verfügbar sind. Die Folge: Schnäppchenjäger reihen sich schon früh am Morgen in die Schlangen vor den schmucklosen Kaufhallen ein, um eines der begehrten Produkte, meist Computer oder elektrotechnische Geräte, zu ergattern.

Einer der Nebeneffekte dieser Politik der Aktionsverkäufe: Fast in sämtlichen Sparten, in denen bis vor kurzem Fachhändler die größten Warenmengen umsetzten, findet sich Aldi auf einem der vordersten Plätze. So rückte der verschwiegene Discounter auf den ersten Platz unter den deutschen PC-Händlern auf. Im vergangenen Jahr kauften 60 Prozent aller Deutschen ihre Computer bei den Brüdern aus Essen.

Pfennigfuchser und Geheimniskrämer

Pfennigfuchser und Geheimniskrämer

Über das Privatleben des prominenten Geschwisterpaars ist dagegen noch immer so gut wie nichts bekannt. Die Publikumsabstinenz der Brüder, ihre Verschwiegenheit, wenn es ums Geschäft, gar um Zahlen geht, ist mindestens so legendär wie ihre Dumping-Preise. Dabei seien die Albrechts durchaus nahbare und zuvorkommende Menschen, korrekt und höflich, leicht im Gespräch, wie der frühere Aldi-Manager Dieter Brandes zu berichten weiß.

Den Gedanken - sollten sie denn je mit ihm gespielt haben - diese Haltung nach außen zu tragen, verwerfen sie spätestens 1971, als Theo Opfer einer Entführung wird. Das Drama dauert 17 Tage und findet erst mit der Zahlung von sieben Millionen Mark Lösegeld ein halbwegs glimpfliches Ende.

Die Protagonisten der Aldi-Story ziehen sich anschließend völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Ihr Unternehmen dagegen entwickelt sich zum Global Player. Nicht nur in Deutschland, das die Brüder Albrecht Anfang der sechziger Jahre in eine Nordhälfte unter der Obhut Theos und eine Südhälfte unter der Leitung Karls aufgeteilt haben, bauen sie das Filialnetz auf bis heute über 3500 Läden aus.

Mit Aldi um die halbe Welt

Parallel dazu expandiert Aldi ins europäische Ausland ebenso wie in die USA und zuletzt nach Australien. Dank einer neuen Offenlegungspflicht wissen Konkurrenten und andere Interessierte unterdessen sogar recht genau, wie viel Geld die Albrechts in ihrem Handelsimperium umsetzen: Weltweit stolze 31,9 Milliarden Euro, die ihnen im Jahr 2000 Hochrechnungen zufolge einen Gewinn von gut 500 Millionen Euro beschert haben sollen. Im vergangenen Jahr soll der Umsatz nach Schätzungen der "Lebensmittelzeitung" noch einmal zweistellig gewachsen sein, während der Gewinn vor Steuern um etwas fünf Prozent stieg.

Seit 1994 betrachtet Karl Albrecht den Trubel um seine Discountkette aus der Zuschauerperspektive. Er hat die operative Führung an die familienfremden Manager Ulrich Wolters und Horst Steinfeld abgegeben. Auch Sohn Karl Albrecht junior soll sich dem Vernehmen nach aus der Geschäftsführung zurückgezogen haben. Bei Aldi Nord dagegen hält Theo - notgedrungen - nach wie vor alle Fäden selbst in der Hand: Im Gegensatz zum großen Bruder hat er es versäumt, rechtzeitig geeignete Nachfolger aufzubauen.

Zwar sitzen die Söhne Theo junior und Berthold im Verwaltungsrat der Essener Aldi Einkauf GmbH & Co. OHG. Der Vater bleibt aber lebenslang Vorsitzender der einflussreichen Markus-Stiftung in Nortorf, die immmer noch über das Wohl und Wehe von Aldi Nord herrscht. Theo hat also noch eine Weile zu tun, ehe der leidenschaftliche Golfer sich dem gemeinsamen Hobby so intensiv widmen kann wie Bruder Karl.

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