Boeing Der Chef stürzt ab

Zu viele Fehler hat sich der Flugzeugkonzern in der jüngsten Vergangenheit geleistet: Militärspionage, Korruption und nicht zuletzt Hilflosigkeit gegenüber dem schärfsten Konkurrenten Airbus. Jetzt zog Boeing-Chef Phil Condit die Konsequenz. Sein Nachfolger ist ein reaktivierter Rentner.

New York - Boeing-Chef Phil Condit ist zurückgetreten. Das Konzern-Direktorium hat nach Unternehmensangaben entschieden, dass für die Boeing-Führung eine neue Struktur notwendig ist.

Condit begründete seinen Schritt mit der Absicht, Kontroversen zu beenden. Sein Nachfolger wurde mit sofortiger Wirkung der 67-jährige ehemalige Boeing-Präsident und Vize-Verwaltungsratschef Harry C. Stonecipher.

Stonecipher, der 2002 bereits in den Ruhestand gegangen war, wird Präsident und Unternehmenschef. Den Posten des Verwaltungsratschefs, den Condit bisher in Personalunion innehatte, übernimmt der 62-jährige Lewis E. Platt, ein ehemaliger Chef und Verwaltungsratsvorsitzender des Computerkonzerns Hewlett-Packard. Condit war seit 1996 Boeing-Konzernchef und seit 1997 zusätzlich Vorsitzender des Verwaltungsrates.

Stonecipher zählt zu den bekanntesten amerikanischen Luft- und Raumfahrtunternehmern. Er hatte unter anderem den großen US-Rüstungskonzern McDonnell Douglas geleitet, der 1997 von Boeing übernommen wurde.

Platt lobte Condit. Dieser habe uneigennützig erkannt, dass sein Rücktritt gut für das Unternehmen sei. Platt hob jedoch auch hervor, dass "Veränderungen gemacht werden mussten". Der Verwaltungsrat sei einstimmig der Meinung, dass das Unternehmen die richtige Transformationsstrategie betreibe. Boeing sei in ausgezeichneter finanzieller Verfassung, versicherte er.

Trotzdem gaben Boeing-Aktien  vorbörslich nach. EADS-Aktien notierten dagegen am Nachmittag in Paris bei 19,00 Euro - ein Plus von 4,4 Prozent.

Skandale in Serie

Erst vor einer Woche hatte Boeing Finanzchef Mike Sears entlassen. Sears habe konzerninterne Regelungen verletzt, als er mit der ehemaligen Regierungsbeamtin Darleen Druyun über eine Beschäftigung bei Boeing sprach, hieß es zur Begründung.

Für Boeing ist es nicht der erste Skandal in diesem Jahr. Im Juni wurden zwei frühere Manager der Verschwörung, des Diebstahls und der Industriespionage verdächtigt. Sie sollen im Kampf um einen Multimilliarden-Auftrag bei der Konkurrenz geheime Unterlagen gestohlen haben.

Die Boeing-Verkehrsflugzeugsparte leidet seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 unter einem drastischen Auftragsschwund. Außerdem gewinnt der europäische Konkurrent Airbus rasant neue Aufträge und macht Boeing inzwischen die globale Spitzenposition streitig.

Die Turbulenzen kommen für das Unternehmen zur Unzeit. Die Branchenkrise belastet den Flugzeugbauer stark. Erst kürzlich musste die Prognose für das laufende Jahr nach unten korrigiert werden. Außerdem sollen von einem unabhängigen Team zehn bis fünfzehn der größten Projekte geprüft und gegebenenfalls gestrichen werden.

Einziger Lichtstreif am Horizont ist die Verteidigungspolitik von US-Präsident George W. Bush. Gerade wurden erhöhte Militärausgaben für das Fiskaljahr 2004 beschlossen. Das Pentagon erhielt dabei freie Bahn für das Leasen von 20 Flugzeugen des Typs Boeing 767 und den Kauf weiterer 80 für das Betanken von Militärjets in der Luft.

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