Finanzamt Wenn der Steuerfahnder klingelt

Boris Becker haben sie das Fürchten gelehrt, Peter Graf und Gerhard Mayer-Vorfelder: Wenn die Steuerfahnder vor der Tür stehen, gibt es kein Entrinnen. Denn die Bluthunde des Fiskus schnüffeln so lange, bis sie ihre Opfer zur Strecke gebracht haben.

Hamburg/Berlin - Wenn der frühe unangemeldete Besuch in einer Firma sich als Steuerfahndung vorstellt und den richterlichen Durchsuchungsbeschluss vorlegt, wird es ungemütlich.

Höflich, aber bestimmt beginnen die Mitglieder des Teams mit der Durchsuchung der Geschäftsunterlagen. Sie sichten persönliche Papiere, blättern in den elektronischen Dateien und stellen Fragen um Fragen. Das für sie Interessante - einschließlich der Festplatten - nehmen sie mit in ihre Dienststelle im Finanzamt.

"Wir treten nur in Erscheinung, wenn Anhaltspunkte für den Verdacht einer Steuerstraftat oder Steuerordnungswidrigkeit vorliegen. Wir müssen Sachverhalte ermitteln", erläutert Michael Thelen, Leiter der Steuerfahndung in Hamburg. Die Diplom-Finanzwirte treten dann als Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft auf und haben Polizeibefugnisse.

"Wir tragen allerdings keine Waffen. Im Gegensatz zu Polizisten, die bei einer Durchsuchung nur gezielt Material für die Anklage beschlagnahmen, können wir jedoch schon an Ort und Stelle alle Unterlagen genau sichten und auswählen."

"Man kann auch Existenzen zerstören"

"In Deutschland gibt es etwa 2000 Steuerfahnder", sagt Dieter Ondracek, Bundesvorsitzender der Deutschen Steuer-Gewerkschaft (DSTG) in Berlin. Er selbst stand als solcher im Einsatz, ehe er oberster Interessenvertreter der Beschäftigten in den Finanzverwaltungen des Bundes und der Länder wurde.

Auf die Fahnder entfallen, wie aus den Statistiken des Bundesfinanzministeriums hervorgeht, durchschnittlich 46.000 Fälle pro Jahr. Ihre Arbeit führt zu zusätzlichen Steuereinnahmen in Milliardenhöhe, hohen Geldbußen und -strafen und natürlich auch Freiheitsentzug für die Überführten.

"Die Tätigkeit in der Steuerfahndung erfordert ein sehr hohes Verantwortungsbewusstsein, denn man taucht bei den Ermittlungen tief in die Lebensumstände des Verdächtigen ein und kann somit auch Existenzen zerstören", sagt Michael Thelen. "Wir stellen die Unschuldsvermutung an den Beginn unserer Arbeit und prüfen gezielt. Wir dürfen nicht ins Blaue ermitteln."

"Wenn es nicht anders geht, holen wir die Polizei"

"Wenn es nicht anders geht, holen wir die Polizei"

Die Karriere in der Steuerfahndung beginnt mit einer umfassenden Ausbildung zum Finanzbeamten oder zur Finanzbeamtin im gehobenen Dienst. "Am Praxisanfang steht der mehrjährige Einsatz in einer Veranlagungsstelle", sagt Thelen. Dann kann der Wechsel in die Abteilung für Betriebsprüfungen erfolgen. Das heißt Außendienst - "für mindestens zwei Jahre", wie Ondracek ergänzt.

Nächster Schritt wäre die Versetzung in die Bußgeld- und Strafsachenstelle. "Die Arbeit in diesem Bereich vermittelt Fachkenntnisse, die für eine spätere Tätigkeit als Fahnder unerlässlich sind", erklärt Thelen.

Der Leiter der Hamburger Steuerfahndung macht keinen Hehl daraus, dass die Arbeit in seinem Bereich mit höheren Belastungen verbunden ist als beispielsweise in einer Lohnsteuerstelle. "Es gibt Nachteinsätze, Überstunden sind keine Seltenheit. Und wir stoßen auf Feindseligkeit, wenn wir auftauchen. Die Leute empfinden uns als Aggressor und reagieren auch entsprechend."

Die Teams müssen dann beruhigend wirken und jegliche Eskalation verhindern. "Wenn es nicht anders geht, dann holen wir die Polizei", berichtet Thelen. Wenn massiver Widerstand abzusehen ist, lässt sich die Steuerfahndung auch vom Mobilen Einsatzkommando begleiten.

"Wir können bis zu zehn Jahre zurück ermitteln"

Steuerfahnder treten niemals allein auf. Zur Sicherheit ist stets mindestens ein Kollege oder eine Kollegin gleichsam als Zeuge dabei. "Die gesamte Verantwortung für ein Verfahren trägt aber immer einer allein", betont Thelen. Entsprechend gut ausgebildet müssen die Zuständigen sein. Mathematische Begabung, analytisches Denken, Disziplin, Beharrlichkeit und natürlich Integrität sowie eine stabile Persönlichkeit werden verlangt. Ein Drittel der Truppe Thelens sind Frauen.

Steuerfahndung besteht darin, Berge von Dokumenten aufmerksam zu sichten, Daten exakt zu vergleichen und Widersprüche bei finanziellen Transaktionen aufzudecken. "Wir sind Historiker", sagt Thelen und weist darauf hin, dass sich das Aktenstudium auf eigentlich abgeschlossene Geschäftstätigkeiten bezieht. "Wir können bis zu zehn Jahre zurück ermitteln."

Breiten Raum nimmt die elektronische Datenverarbeitung ein. Hierin müssen die Steuerfahnder auf dem neuesten Stand sein. Sie können bei ihrer Arbeit auf modernste Programme und Techniken zurückgreifen. Eine bereits gelöschte Datei ist für sie kein Problem. "Die Steuerfahndung ist besser und weiß mehr, als man glaubt", beschreibt der Steuer-Fachanwalt Robin L. Fritz in Frankfurt/Main die Qualität der Fahndungsmethoden.

Horst Heinz Grimm, dpa

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