Thomas Middelhoff Die neuen Leiden des alten Bertelsmann

Vor fast eineinhalb Jahren überwarf sich der damalige Bertelsmann-Chef mit dem Firmenpatriarchen in Gütersloh. Monatelang plante er im Stillen seine Rückkehr in die Führungsverantwortung. Nun plötzlich ist Middelhoff wieder präsent - mehr, als ihm lieb ist.

München/London/Santa Barbara - Gerade in der Medienindustrie, wetterte der Redner, liefen "häufig alle wie eine Lämmerherde in die gleiche Richtung", den deutschen Medienunternehmen fehle "ein mutiges Programm zur strategischen Neuausrichtung". Auf dem "Zukunftsgipfel" der Münchner Medientage trat eine Persönlichkeit auf, die viele schon für einen Mann der Vergangenheit gehalten hatten. Es war Thomas Middelhoff (50), einst, zu Zeiten der New Economy, Vorstandschef des Medienriesen Bertelsmann.

Im Juni 2002 knallte es, der Vorzeigemanager, der aus dem betulichen Medienhaus einen Senkrechtstarter in die Zukunft machen wollte, überwarf sich mit der Eigentümerfamilie. Firmenpatriarch Reinhard Mohn erklärte ihn zur Unperson und übte sich in beredtem Schweigen, wenn es um den früheren Vertrauten ging. Viele der Internetprojekte, die Middelhoff auf den Weg gebracht hatte, verglühten im Fegefeuer der Konsolidierungen.

Monatelang wurde es still um den einstigen Shootingstar. Viele glaubten schon, auch seine Talente - das unternehmerisch Visionäre, die nicht uncharmante Selbstdarstellung in den Medien und die kühle Ratio - seien nichts als Blendwerk gewesen.

Mal hieß es, er solle die Deutsche Telekom führen, dann, er organisiere künftig das Weltwirtschaftsforum in Davos. Im Juni dieses Jahres dann tauchte Middelhoff tatsächlich wieder auf, als Partner des angelsächsisch-arabischen Private-Equity-Unternehmens Investcorp. Nicht umsonst empfahl er vergangene Woche auf den Münchner Medientagen den deutschen Verlagen, Zukunftsinvestitionen durch Private-Equity-Beteiligungen zu ermöglichen.

Seit dem Comeback bei Investcorp steht Middelhoff im Rampenlicht, und es ist erstaunlich, auf wie vielen Baustellen gleichzeitig er die Schaufel schwingt: Der Medienexperte mit exquisiten internationalen Kontakten wurde in das Board of Directors der New York Times berufen; für die Leipzig 2012 GmbH, bei der er einen Aufsichtsratsposten hat, soll er bis Mitte November eine neue und integre Führungsfigur finden, die dem Olympia-Projekt nicht wieder skandalöse Schlagzeilen beschert; nebenher ist er Zeuge in einem Prozess in Kalifornien, in dem zwei ehemalige Bertelsmann-Manager dem Medienkonzern ans Eingemachte wollen.

Mehr als genug zu tun - Interviewanfragen des sonst überhaupt nicht Medienscheuen werden abschlägig beschieden. Mit einem Seufzer seiner Assistenten: "Es ist schon sehr viel zurzeit."

Verwickelt in einen unberechenbaren Prozess

Verwickelt in einen unberechenbaren Prozess

Vor allem der Prozess im kalifornischen Santa Barbara ist prekär. Seine früheren Vertrauten Jan Eric Buettner und Andreas von Blottnitz wollen Vereinbarungen in ihren Arbeitsverträgen mit Bertelsmann so verstanden wissen, dass ihnen ein Anteil an AOL Europe zusteht. 2000 hatte Middelhoff die Bertelsmann'sche 50-Prozent-Beteiligung an dem Internetprovider mit 6,5 Milliarden Dollar Gewinn verkauft. Von der Summe fordern die beiden jetzt die Hälfte.

Die zwei Manager haben nicht viel gegen Bertelsmann in der Hand, wie der SPIEGEL feststellt, eine schriftliche Zusage dieser Art hat es nie gegeben. Dennoch ist der Ausgang des Prozesses völlig offen, das amerikanische Rechtswesen zu unberechenbar. Zwar sitzt Middelhoff nicht auf der Anklagebank. Aber bekämen Buettner und von Blottnitz Recht, wäre Middelhoffs Ruf beschädigt.

Vor allem kostet das Verfahren Zeit und Nerven. Die ganze Woche über musste er sich bereithalten, wurde immer wieder verhört und von den Anwälten vorbereitet. Möglicherweise wird er zu zusätzlichen Gerichtsterminen in der kommenden Woche einbestellt.

In Leipzig wird die Zeit knapp

Derweil tickt die Uhr in Leipzig. Über den Nachfolger von Dirk Thärichen, den bisherigen Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft, der über Stasi-Vergangeheit und Korruptionsvorwürfe fiel, soll in der nächsten Aufsichtsratssitzung am 19. November entschieden werden. Bis dahin einen Nachfolger zu finden, wird nicht leicht.

Viel lieber würde sich Middelhoff auf seine Aufgaben bei Investcorp konzentrieren, neue Beteiligungen in der Medienbranche auszuhandeln. Aber vielleicht hat er bei den Münchner Medientagen ja einen der früheren Kollegen überzeugen können.

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