Die Malik-Kolumne Darf man Fehler machen?

"Aus Fehlern wird man klug", lautet ein weit verbreiteter Irrglaube unter Managern. Unternehmen, die ihren Führungskräften großzügig Verfehlungen zugestehen, verfolgen allerdings die falsche Strategie. Denn Fehler sind nicht nur dumm, sondern auch verantwortungslos und unprofessionell.
Von Fredmund Malik

Immer wieder treffe ich Manager - auch hochrangige - die mir mit offenkundigem Stolz berichten, dass man in ihrer Firma Fehler machen dürfe. Sie tun es mit der sichtbaren Überzeugung, dass das ein Beweis besonderer Fortschrittlichkeit sei.

Früher habe ich mit solchen Leuten ernsthaft diskutiert. Heute stelle ich ihnen ein paar Fragen: Würden Sie in ein Flugzeug steigen, wenn sie wüssten, dass diese Airline stolz darauf ist, dass die Piloten Fehler machen? Würden Sie Ihre Frau, Ihre Kinder oder Eltern in ein Krankenhaus bringen, in dessen Leitbild steht, dass man Fehler machen darf? Und würden Sie die Medikamente eines Pharmaunternehmens kaufen, das das Fehlermachen hochhält?

Die Antwort darauf ist ausnahmslos: Ja, so habe ich das nicht gemeint. - Nun, wie denn dann? Es ist bemerkenswert, wie viel Unsinn sich in den letzten Jahren in die Managementlehre einschleichen konnte, und wie unkritisch Führungskräfte sein können - immerhin Leute, denen volkswirtschaftliche Ressourcen anvertraut sind und das Schicksal von Menschen.

Ein Freibrief ist gefährlicher Schwachsinn

Manche kommen sich dann ganz weise vor, wenn sie differenzieren: Fehler darf man machen, aber nie denselben zweimal. Das ist - zugegeben - schon etwas besser. Aber es ist noch immer Unsinn. Es gibt Fehler, die man überhaupt nicht machen darf, auch nicht ein einziges Mal. Wie oft darf ein Apotheker ein falsches Medikament aushändigen?

Häufig wird eine andere Variante bemüht: Fehler darf man machen, aber man muss aus ihnen lernen. Nach allem bisher Gesagten kann man auch das nicht gelten lassen. Es nützt dem Patienten wenig, wenn eine Krankenschwester aus ihrem Fehler lernt, nachdem sie ihn mit einer verwechselten Spritze umgebracht hat.

Dass in einer Welt, in der es Menschen gibt, immer Fehler vorkommen werden, ist eine Tatsache, mit der man leben muss. Daraus aber einen Freibrief zu machen, darauf stolz zu sein und das als besonderen Managementfortschritt anzusehen, ist gefährlicher Schwachsinn. Fehler darf man nicht machen - das ist die Maxime, die im Management zu gelten hat, und das ist die Basis, von der prinzipiell auszugehen ist.

Sorglose Managementgurus

Sorglose Managementgurus

Selbstverständlich muss man in einem Unternehmen experimentieren dürfen, Das hat aber mit dem "Fehler machen dürfen" im vorherigen Sinne überhaupt nichts zu tun. Man tut es unter kontrollierten Bedingungen.

Ebenso ist klar, dass Fehler dort in Kauf genommen werden müssen, wo man es mit Anfängern zu tun hat, wo Leute ausgebildet und eingearbeitet werden. Aber auch das geschieht in aller Regel abgesondert vom laufenden Geschäft, unter Aufsicht und Anleitung, bis man einigermaßen sicher sein kann, dass eben keine Fehler mehr vorkommen.

Für alle Berufe einer modernen Gesellschaft, vom Herzchirurgen über den Wirtschaftsprüfer bis zum Busfahrer gilt, dass Fehler nicht vorkommen dürfen. Nur eine bestimmte Sorte von scheinbar hochmodernen und trendigen, in Wahrheit aber einfach dummen Managementgurus glaubt offenbar, dass das alles für sie nicht gelte, dass sie sich die Sorglosigkeit ihrer kindlichen Sandkastenphase ein Leben lang leisten könnten.

Fehler darf man nicht machen

Sie scheinen in einer Welt zu leben, in der es weder Professionalismus noch Sorgfaltspflicht gibt. Sie haben wohl auch noch nie von Haftung und Schadenersatz gehört. Und leider gibt es Manager, denen es entweder an Verstand oder an Zivilcourage fehlt, solchen Leuten das Handwerk zu legen. Ja, schlimmer, sie machen diesen Unfug auch noch nach und führen ihn in ihren Unternehmungen ein.

Fehler darf man nicht machen - das muss die Grundlage sein. Von hier aus kann man dann den Grundsatz zu lockern beginnen und differenzieren: Wann, wo, von wem und unter welchen Umständen dürfen Fehler gemacht werden und welche dürfen überhaupt nicht vorkommen? Alles andere ist die Verdrängung von verantwortungsbewusstem Management durch Zeitgeist, Mode und Einfalt.

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