Die Malik-Kolumne "Und dann erfanden die Assyrer das Team"

Die Entwicklung der "Teamarbeit" wird in Managementseminaren oft zu einer Leistung von historischem Ausmaß erhoben - eine Mode. Tatsächlich sind teamfähige Mitmenschen der Normalfall. Wer Einzelleistungen unnötig in das Team-Korsett zwängt, verspielt das Potential seiner Mitarbeiter.
Von Fredmund Malik

Zu den aktuellen Modewörtern gehören Team und Teamarbeit, und wer besonders zeitgeistkonform sein will, stellt sie in einen polaren Gegensatz zur Einzelleistung, die alles verkörpert, was schlecht und "out" ist, während Teamarbeit gut und "in" ist.

Teamarbeit ist einer der am häufigsten verwendeten Begriffe im Management. Fast ausnahmslos ist das Wort positiv gemeint: Teams und Teamarbeit werden nicht nur als unter gewissen Umständen notwendige Form des Arbeitens angesehen, als eine von mehreren möglichen, sondern als einzig wünschenswerte. Teams gelten ganz grundsätzlich und generell als dem Einzelnen überlegen. Das Team wird per se als gut, effizient, kreativ und erfolgreich angesehen. Das klingt alles ganz schön; die Richtigkeit dieser These steht aber auf brüchigem Grund.

Nicht, dass Teamarbeit nicht gebraucht würde. Das war aber schon immer so. Was ist daran so neu, dass es besonderer Betonung bedarf; und was ist daran so schwierig, dass es besonders zu lernen und zu üben ist? Und wie lässt sich der damit verbundene, fast mittelalterliche Dogmatismus begründen, der darin die einzige Form brauchbaren Arbeitens zu erblicken beliebt?

Prähistorische Jagdrudel waren Teamarbeiter

Seit es Menschen gibt, gehört Zusammenarbeit zu den Selbstverständlichkeiten des täglichen Lebens. Was heute Team genannt wird, ist die Grundeinheit jeglichen Sozialgebildes schlechthin. Es ist nachgerade das konstitutive Element des Sozialen, nämlich die Kooperation von Menschen in unterschiedlichen Variationen zur Bewältigung des Lebens, seien es die verschiedenen Formen der Familie, das prähistorische Jagdrudel, die Stammesgemeinschaft, die bäuerliche Hofgemeinschaft, der Handwerksbetrieb und die Dorfgemeinschaft. Niemand hätte ohne Kooperation überleben können; Robinson gibt es nur im Roman.

Aus diesem Grunde war es auch für niemanden ein Problem, im und als Team mit anderen zusammenzuarbeiten. Niemandem musste das gelehrt werden; niemand musste es besonders lernen. Das Leben als solches spielte sich im Team ab; Leben war Teamarbeit. Daher ist Teamarbeit und das, was neuerdings als soziale Kompetenz bezeichnet wird, auch den Historikern keinerlei Erwähnung wert. Ich bin noch nie auf Passagen gestossen wie: "...und dann erfanden die Assyrer das Team ...".

Was also sind die Änderungen, die es notwendig zu machen scheinen, dass die banalste Selbstverständlichkeit der letzten Jahrtausende plötzlich als so wichtig und vor allem als so schwierig erscheint, dass man sie besonders lernen muss, und dass sie als Kriterium für Karriere, ja für berufliche Brauchbarkeit schlechthin angesehen wird? Sind die Menschen plötzlich soziale Analphabeten und kommunikative Crétins geworden? Oder haben wir ein Übermaß an Autisten? Kaum.

Niemand fährt Auto im Team

Unsinnige Lern- und Organisationsformen

Vielleicht haben wir heute, als Folge jahrzehntelanger Schulversuche, eine größere Zahl von Leuten in den Organisationen, die nicht gelernt haben, etwas alleine zu Ende zu bringen, weil sie sich zu oft in einer Lern- oder Erfahrungsgruppe verstecken konnten. Vielleicht haben wir auch mehr von denen, die in der Schule den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg zu wenig deutlich verspürt haben, weil sie nie richtig beurteilt wurden, und daher bloßes Durchkommen schon als besondere Leistung betrachten. Pädagogische Fehlentwicklungen haben Spuren hinterlassen, und Menschen, die dadurch geschädigt wurden, müssen heute mühsam dazulernen. Aber sie sind eine Minderheit.

Was ganz sicher zugenommen hat, sind unsinnige Organisationsformen und Arten der Arbeitsteilung, die fast jedes produktive Arbeiten verhindern oder jedenfalls unmenschlich erschweren. Wer zum Beispiel in einer - meistens viel zu schnell und unüberlegt eingeführten und nicht zu Ende gedachten - Matrixorganisation zu arbeiten hat, muss ein Übermass an Teamfähigkeit haben, wie es nur selten anzutreffen ist und in der Regel auch durch noch so viel Ausbildung nicht geschaffen werden kann. Es ist daher viel besser, effektiver und wirtschaftlicher, die Organisation zu ändern. Organisation hat nicht den Zweck, die Arbeit den Menschen schwierig zu machen. Im Gegenteil.

Wenn man Menschen nicht leistungsbehindernde Organisationen zumutet, wird man schnell feststellen, dass die meisten ohne größere Probleme recht gut zusammenarbeiten können - eben weil das zu den ganz normalen Fähigkeiten gewöhnlicher Leute zählt - und gar keine besondere Notwendigkeit besteht, Teamarbeit zu trainieren.

Niemand fährt Auto im Team

Niemand käme auf die unsinnige Idee zu verlangen, dass Menschen im Team Auto fahren, ein Musikinstrument oder Schach spielen sollen. Man weiss, dass Aufgaben dieser Art mit Aussicht auf Erfolg und Effizienz - gar Brillanz - nur von Einzelpersonen erfüllt werden können, und auch noch so viel Teamtraining nicht einmal zu mittelmässigen Leistungen führen würde. Dass die Aufführung einer Symphonie Teamarbeit erfordert, ist klar und muss keinem Musiker erklärt werden. Daraus folgt aber nicht, dass die Trompete von einem Team geblasen wird. Selbst das schwierigste und anspruchsvollste Instrument, die Orgel, ist - mit gutem Grunde - so gebaut, dass sie von einem Organisten allein gespielt werden kann. Das gilt, notabene, für alle Arten von Musik.

Würde man im Management mit derselben Sorgfalt die Stellen und Aufgaben gestalten, wie die guten Komponisten die einzelnen Stimmen anlegen, wäre Teamarbeit kein Thema, oder - präziser - man dürfte sich darauf verlassen, dass gewöhnliche Menschen all das ganz selbstverständlich schon mitbringen, was sie brauchen, um zusammenzuarbeiten. Teamarbeit wäre kein Problem. Auch mit noch so viel Ausbildung wird man aber das Gegenteil nicht schaffen: die Fehler im Job-Design und in der Organisation durch Teamtraining zu kompensieren.

Was Menschen also im Allgemeinen können müssen um zusammenzuarbeiten, darf unter vernünftig gestalteten Bedingungen weitgehend vorausgesetzt werden. Wie sieht es aber mit der wirklich herausragenden Leistung aus? Ist nicht die echte Spitzenleistung - der grosse kreative Wurf - Sache des Teams, und würde dort noch immer die gewöhnliche Teamfähigkeit gewöhnlicher Menschen genügen? Oder muss nicht hier nun die besondere Ausbildung ansetzen?

Und die wirklich große Leistung ?

Und die wirklich große Leistung ?

Dieser Gedanke ist faszinierend genug, um seine Gültigkeit zu prüfen. Ob man das Ergebnis als überraschend ansieht oder nicht, hängt davon ab, wie sehr man sich mit dem Wirken und den Leistungen so genannter "großer" Menschen befasst hat.

Praktisch alle großen Leistungen, vor allem das, was man Durchbrüche zu nennen pflegt, waren die Leistungen einzelner Menschen, manchmal Einzelner mit Helfern, aber so gut wie nie von Teams. Das gilt für sämtliche Kunstrichtungen: weder gibt es in der Musik Teamkompositionen noch Werke der Weltliteratur, die in Teams entstanden wären; weder ist Teammalerei bekannt noch haben die grossen Bildhauer im Team gearbeitet.

Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Meinung gilt das auch in so hohem Maße für die Wissenschaft, dass man es ernst nehmen sollte. Die bedeutenden Werke der Philosphie, der Mathematik, der Natur- und der Geisteswissenschaften sind, von ganz wenigen Ausnahmefällen abgesehen, von Einzelnen geschaffen worden. Was äußerlich wie Teamarbeit aussieht und durch Gemeinschaftspublikationen scheinbar dokumentiert ist, erweist sich bei genauer Prüfung so häufig als Einzelleistung, dass der Teamgedanke auch hier fragwürdig wird.

Das Team ist ein Tool unter vielen

Teams sind Tools, genauso wie die Einzelarbeit. Weder darf man eine dieser Arbeitsformen einseitig ausklammern, noch darf man sie heroisieren. Wie man zu arbeiten hat, welches die optimale Form ist, muss von der Aufgabe bestimmt werden und nicht von Dogmen. Aufgaben müssen in der Welt der Organisationen so gestaltet werden, dass sie von gewöhnlichen Menschen (weil es andere nicht gibt), die gewöhnliche Fähigkeiten haben (weil sie keine anderen mitbringen), erfüllt werden können.

Wer Ergebnisse erzielen will, muss beides beherrschen: Teamarbeit und Einzelleistung, jedes dort, wo es passt. Wer Karriere machen will - oder vielleicht besser: nachhaltig Leistung erbringen will, und wer als Führungskraft auf das Vertrauen und die Achtung anderer Menschen angewiesen ist, muss es sich versagen, mit Schlagwörtern zu operieren und auf Modewellen hereinzufallen.

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