Die Malik-Kolumne Beyond which limits?

Viele moderne Manager suchen ständig nach "neuen Herausforderungen" und "dem ultimativen Kick". Doch die aufregende Phrase entpuppt sich bei näherer Betrachtung als leere Worthülse. Denn die wirkliche Stärke eines Entscheiders ist nicht tollkühner Heldenmut, sondern nüchternes Kalkül.
Von Fredmund Malik

Dass Wirtschaftsunternehmen keine Glückfindungs-, Wellness- und Selbstverwirklichungshorte sein können, haben die gewöhnlichen Menschen mit den Rezessionsjahren endgültig begriffen. Dass sie es gar nicht sein sollen, ist von klarsichtigen Leuten immer vertreten worden, auch wenn sie zeitgeistkonform häufig verächtlich gemacht wurden.

Es verwundert aber doch, dass der Selbstverwirklichungs-Wahn(-sinn) neu auftaucht, diesmal besonders gut maskiert und dort, wo man ihn am wenigsten erwarten würde: nicht bei gewöhnlichen Leuten, sondern bei einer bestimmten Art von Manager(lein) - einem Typus, der sich besonders leistungsorientiert und dynamisch wähnt. Man erkennt sie zuverlässig daran, dass sie mit Vorliebe von Herausforderungen reden; dass sie vermelden, immer "neue Challenges zu brauchen".

Vielen Executive Searchern scheint das ein klares Eignungsmerkmal zu sein - sie sehen nicht, dass man daran ihre eigene Inkompetenz erkennt. In den Berichten an ihre Auftraggeber findet sich unter den Gründen für die Bewerbung eines Kandidaten und als Empfehlung bemerkenswert häufig, XY suche eine "neue Herausforderung", die er in der zu besetzenden Stelle sehe. Und regelmäßig begründen Manager, wenn sie in den Medien befragt werden, den Antritt einer neuen Position mit dem Hinweis auf die Herausforderung, die sich ihnen biete.

Ausgewachsene Egomanen

Manchmal mag das nur gedankenloses Gerede sein. Schlimm genug, wenn es vor Kameras geschieht und inakzeptabel für Führungskräfte, von denen zuvorderst erwartet werden muss, dass sie denken, bevor sie reden. Häufig genug aber sind das nicht gute Manager, sondern schlichtweg Egozentriker - darunter "ausgewachsene" Egomanen - auf einer speziellen Art von Selbstverwirklichungstrip - und meistens in Kombination mit einem Hang zu Visionen.

Nicht, was das Unternehmen braucht, interessiert sie, sondern was sie selbst brauchen. Nicht die Aufgabe ist ihr Bezugspunkt, sondern ihre eigenen Bedürfnisse. Es kümmert sie nicht, ob sie den Herausforderungen, nach denen sie lechzen, auch gewachsen sind und also Ergebnisse erzielen werden. Mit der ihnen zumeist eigenen Mischung aus Naivität und Arroganz, ganz im Geist der Zeit, fühlen sie sich zu allem fähig - wenn es sie nur "herausfordert", als ob ein inneres Gefühl der Herausforderung ein Befähigungsnachweis wäre.

Sie brauchen den "Kick", wenn möglich einen, für den sich die Medien interessieren. Im Verbund mit den Visionen, an denen sie häufig auch leiden, hinterlassen sie meistens nach kurzer Zeit ihren Nachfolgern halberledigte Aufgaben oder einen Scherbenhaufen - während sie selbst bereits wieder zu den "neuen Ufern" anderer Herausforderungen unterwegs sind. Noble Adressen aus der Schweizer Finanzwelt, der internationalen Telekomszene und dem New-Economy-Kindergarten lassen grüßen.

Spätpubertäre Peinlichkeiten

Spätpubertäre Peinlichkeiten

Ein repräsentatives Beispiel: ein Spitzenmanager einer wichtigen Organisation, der der staunenden Öffentlichkeit via Fernsehen verkündete, er brauche immer neue Herausforderungen; und mehr noch: wenn er (wörtlich) nicht feuchte Hände habe, dann mache ihm die Aufgabe schon keinen Spaß mehr, dann müsse er sich nach Neuem umsehen.

Ach, wie das auf manche Kommentatoren wirkte, wie sie diese Formulierungen liebten und darin dem Inbegriff modernen Managements zu begegnen glaubten - und nicht merkten, dass sie lediglich Hand reichten für die Verbreitung von spätpubertären Peinlichkeiten und die Bemäntelung eines veritablen Desasters.

Denn: Ist es denkbar, dass "feuchte Hände" nicht ein Zeichen für besondere Kompetenz sein könnten, sondern für das genaue Gegenteil: für hoffnungslose Überforderung? Was wäre von einem Piloten zu halten, der - vor lauter Herausforderung - ob eines Interkontinentalfluges feuchte Hände bekommt? Oder von einem Chirurgen, der zu schwitzen beginnt, weil er die Operation als Herausforderung empfindet? Würde man ihnen nicht empfehlen, noch so lange weiterzuüben, bis sie ihre Aufgaben ohne Überreaktion ihrer Schweißdrüsen und Sonderproduktion von Adrenalin ruhig und gelassen - eben professionell - erledigen können?

Nicht Erlebnisse, Ergebnisse zählen

"Beyond the limits" ist in Ordnung, aber nur für Leute, die Limits als solche zunächst einmal zu erkennen vermögen, und dann - mit der nötigen Umsicht und mit klarem Verstand für die Risiken - daran gehen, zu überlegen, wie man sie allenfalls überschreiten könnte. Viele auch der Besten sind trotzdem daran gescheitert.

Von Reinhold Messner, der wie kein Zweiter bisher Grenzen im Alpinismus überschritten hat, nicht nur einmal, sondern regelmäßig, kann man vor allem lernen, wie man Risken vermeidet, wenn sie tödlich sind, und wie man "within limits" bleibt. Seine wirkliche Stärke ist nicht Heldenmut, sondern nüchternes Kalkül.

In den vergangenen Jahren ist es Mode geworden, beeindruckende Bilder von Extremsituationen im Alpinismus in der Werbung und Selbstdarstellung einzusetzen - bezeichnenderweise von Wirtschaftsprüfungsfirmen, Consultingorganisationen, im Investmentbanking und in der New Economy - dort wo die Scherbenhaufen am größten sind. Extremes Felsklettern, gefrorene Wasserfälle und Motive aus dem Höhenbergsteigen sind gut für die Aufmerksamkeit - beyond limits ... Da ich selbst ein Leben lang diesen Sport in den höheren Schwierigkeiten betreibe, bin ich der Sache nachgegangen: Ich habe keinen einzigen Manager einer solchen Organisation kennen gelernt, der auch nur näherungsweise an die Motive der großspurigen Werbung herangekommen wäre.

Man darf sich durchaus gelegentlich herausgefordert fühlen, solange man das nicht mit fachlicher Kompetenz verwechselt. Ich empfehle aber Skepsis und genaue Prüfung, wenn Manager besonders betont von den "Challenges" reden, die sie brauchen und suchen. Es ist auch nichts einzuwenden gegen Herausforderungen, denen man sich stellt und Erlebnisse, die man sucht - privat, bei Extremsportarten, auf der Autorennpiste, im Outdoor-Biwak. Unternehmen aber brauchen nicht Erlebnisse, sondern Ergebnisse. Sie sind nicht dazu da, für Adrenalinkicks und feuchte Hände ihrer Manager zu sorgen.

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