Gordon Brown Tony Blairs Nachfolger

"Jetzt werde ich Premier, nach sechs Jahren bist du dran." Das, so will es die Legende, soll Tony Blair vor Jahren dem heutigen britischen Finanzminister Gordon Brown im Restaurant Granita versprochen haben. Unterdessen hat Blair den Tiefpunkt seiner strahlenden Karriere erreicht. Und Labour feiert Brown als neuen Hoffnungsträger.

Bournemouth - Viele kennen ihn noch als "Loony Gordon", ein Außenseiter, der an den Fingernägeln kaut, Sohn eines verarmten Kalvinisten-Pastors, vor drei Jahren vollkommen überraschend verheiratet. Der britische Finanzminister Gordon Brown (52) ist linkisch und blickt meist düster drein. Statt sich als Student die Zeit, wie Tony Blair, in einer Rockband zu vertreiben, wurde er der jüngste Geschichtsdozent an der Universität von Edinburgh.

Dennoch, auf dem Labour-Parteitag im südenglischen Seebad Bournemouth wird der gebürtige Schotte gefeiert wie ein Held. Denn er weiß, was die Genossen hören wollen. Der Begriff "New Labour", einst die Kampfparole gegen das eigene Sozialistenimage, taucht in seiner Rede erst gar nicht auf. Dafür zählen Eifrige das Wort "Labour" in seinem Vortrag 63-mal.

Das klingt dann so: "Wir besiegen die Konservativen nicht, indem wir sie imitieren oder uns hübscher darstellen. Wir besiegen sie mit Labour-Politik und Labour-Reformen, die in den Traditionen der Labour-Partei verwurzelt sind!" Minutenlanger Applaus.

Meisterleistung der Schönfärberei

Nicht nur vor Genossen, auch in den Medien des Landes beherrscht er die Selbstdarstellung immer geschmeidiger. So schaffte er es, die Sparprogramme der ersten Regierungsjahre, die er weitgehend unverändert von der konservativen Vorgängerregierung übernommen hatte, als Ausfluss sozialdemokratischer Werte einzuordnen - eine Meisterleistung der Schönfärberei.

Dennoch, Medien wie Parteivolk lieben den Musterknaben, der in seiner Schulzeit mehrere Klassen überspringen durfte. Immerhin hat er eine Arbeitslosenquote von 5,2 Prozent und ein stetiges Wachstum um die 2,5 Prozent vorzuweisen.

Jährlich gehen 10.000 Staatsdiener zu Privatfirmen

Noch immer versilbert Brown britische Staatsbetriebe, jährlich wechseln rund 10.000 Gemeindeangestellte zu Privatfirmen. Und seine Finanzpolitik zeichnet sich durch eine Qualität aus, die man hier zu Lande schmerzlich vermisst: Die meisten steuerlichen Änderungen werden bis zu zwei Jahre vor Inkrafttreten bekannt gegeben. Man kann damit planen, egal, ob man die Maßnahmen begrüßt oder nicht.

Von einem Wirtschafts-"Wunder" kann jedoch nicht die Rede sein. Der Beginn der Regierungszeit fiel 1997 in einen Boom, Brown konnte sparen, ohne die Konjunktur abzuwürgen. Die härtesten Einschnitte ins Sozialsystem hatte Margaret Thatcher längst seziermesserscharf erledigt.

Inzwischen ist Brown dabei, zu einer antizyklischen Politik zurückzukehren. Mit großzügigen staatlichen Ausgaben und steigender Staatsschuld hält er die Wirtschaft am Laufen, die vor allem von ihrem überdurchschnittlichen heimischen Konsum lebt.

Derweil hat der Internationale Währungsfond die Wachstumsprognosen für dieses Jahr um 0,3 auf 1,7 Prozent gesenkt. Die hymnischen Regierungsvorhersagen von drei und 3,5 Prozent für die beiden kommenden Jahre hält kein unabhängiger Beobachter mehr für realistisch.

Ein heimlicher Deal unter Gentlemen

Ein heimlicher Deal unter Gentlemen

Dennoch fallen auf dem Parteitag die kritischen Fragen an den Finanzminister moderat aus. Blair, mehr als eine Amtszeit lang von überschäumenden Zustimmungswerten getragen hat viel Vertrauen verspielt. Browns neue Rolle, zumindest in Bournemouth, ist die des Gegenpols zum Sündenbock Blair.

Da passt es, dass der Privatsender Channel 4 das Fernsehspiel "The Deal" zeigt, in dem eine alte Legende über New Labour auflebt: Granita. Gesichert ist, dass sich am 31. Mai 1994 Blair und Brown im Restaurant Granita im Londoner Stadtteil Islington zu einer Unterredung trafen. Alles weitere ist offiziell nie bestätigt worden.

Beide waren damals Aspiranten für die Parteiführung, Labour-Chef John Smith war kurz zuvor gestorben, aber noch nicht beerdigt. Im Granita beschlossen sie, dass Blair das Parteizepter ergreifen solle. Brown würde die eigenen persönlichen Ambitionen zurückstellen und den Rivalen unterstützen.

Ein pragmatischer Deal. Denn Blair war der Medienliebling, der die Wechselwähler gewinnen konnte. Brown bekam die Rolle, die Parteilinken bei der Stange zu halten. Im Gegenzug versprach Blair, nach sechs Jahren als Premier seinen Platz für Brown zu räumen. So weit die Folklore.

"Mit Brown hätten wir bessere Chancen"

Die sechs Jahre sind um. Brown ist eine potenzielle Bedrohung geworden, erst recht, da Blairs Lack blättert. Der frühere Freund und Mitstreiter hält die Reden eines Parteiführers. Delegierte sprechen offen aus: "Mit Brown hätten wir bessere Chancen auf einen weiteren Wahlerfolg." Nur der Premier selbst macht nicht den Eindruck, sich auch nur im Entferntesten Gedanken über das Ende seiner Amtszeit zu machen.

Die nächste Wahl in Großbritannien steht 2006 an. Bis dahin wird sich der Hype wieder legen. Bis dahin wird sich herumgesprochen haben, dass auch Browns Bilanz nicht so strahlend ist, wie mancher denkt.

Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich wächst messbar. Die Folgen der Privatisierungen sind kollabierende öffentliche Verkehrssysteme und eine kränkelnde Gesundheitsversicherung. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation könnten in Großbritannien jährlich 25.000 Menschen weniger an Krebs sterben, wenn die Krankenhäuser die Kapazitäten hätten, sie früh genug zu behandeln.

Doch die Kritik trifft nicht Brown allein - schließlich ist Blair Premierminister. Politisch, das wird in der gegenwärtigen Stimmungslage gern vergessen, sind die beiden nicht auseinander zu dividieren.

Für die größten Porbleme des Landes müssen sie gemeinsam geradestehen: In den früheren Industriehochburgen greift die Armut um sich, in manchen Ballungszentren ist jeder zweite Gastarbeiter arbeitslos - ein soziales Pulverfass, das sich immer wieder in Straßenkämpfen entlädt. Und in den Schulen des Königreichs ist das Niveau inzwischen so schlecht, dass jeder fünfte Brite nicht imstande ist, sein Wechselgeld zu zählen.

Die Verantwortung tragen beide. Und nach seinen überoptimistischen Wachstumsprognosen wird auch Browns Glaubwürdigkeit leiden. Ob Blair das Granita-Versprechen einlöst und mit welchen Folgen, wird sich nicht an Sachfragen entscheiden.

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