Bosch Fehlzünders Abendlied

Der ewige Zweite beim Stuttgarter Autozulieferer räumt Ende des Jahres geräuschlos seinen Vorstandsposten. Mitnichten aber gibt Tilman Todenhöfer die Macht vollständig preis. Nach seinem Abgang zieht er im Hintergrund die Fäden.
Von Karsten Langer

Stuttgart - Lange galt er als einzig in Frage kommender Nachfolger von Ex-Konzernlenker Hermann Scholl: Tilman Todenhöfer hatte alle Qualitäten, die ihn für den Chefposten bei Bosch prädestinierten.

Die Befähigung, Bosch zu führen, sprach dem Mann niemand ab. Der Jurist gehörte der Geschäftsführung bereits seit 1993 an. Zuvor arbeitete Todenhöfer mehr als 15 Jahre für die schwäbische Firma im Ausland. Außerdem war er bei Kollegen und Mitarbeitern respektiert und wohlgelitten.

Er war seinem Chef Scholl treu ergeben wie kein Zweiter in der Bosch-Führungsriege. Gespräche begann Todenhöfer gern mit den Worten: "Herr Scholl und ich meinen ..."

Doch dann kam alles anders, und vom freundlichen Tilman Todenhöfer sprach niemand mehr. Franz Fehrenbach erhielt die finale Gunst von F1 - "F1" war einst die interne Bezeichnung für den Vorsitzenden der Geschäftsführung bei Bosch. Der ewige Vize dagegen blieb Nummer zwei in dem konservativen Konzern.

Abgang nach Bosch-Manier

Die Spekulationen über gute Gründe für die Bevorzugung Fehrenbachs waren zahlreich - am Schluss gab man sich mit der Erklärung zufrieden, dass Tilman Todenhöfer schon fast an der konzernüblichen Pensionsgrenze von 60 kratze.

Der Verlierer zog kurz nach der Bekanntgabe der Thronfolgeregelung im Hause Bosch die Konsequenz. Er gab seine Demission nach Vollendung der sechsten Dekade seines Lebens bekannt. Stichtag ist der 17. September 2003, Ende des Jahres verlässt Todenhöfer sein Büro auf der Schillerhöhe endgültig.

Von seinem Abgang macht er nicht viel Aufhebens, getreu der Konzerndirektive, dass es sich nicht schickt, Entscheidungen der Konzernspitze öffentlich anzuzweifeln. Also fügt sich Todenhöfer in sein Schicksal, das auch in Zukunft eng mit Bosch verbunden sein wird.

Einzug ins Zentrum der Macht

Einzug ins Zentrum der Macht

Denn mitnichten endet mit der Karriere als Vorstand seine Karriere bei Bosch. Todenhöfer ist mit Wirkung vom 1. Januar 2004 zum Kommissar der Carl-Zeiss-Stiftung bestellt worden.

Doch soll er dort möglichst niemals die Machtfülle bekommen, die heute mit dem Amt verbunden ist: Die Allgewalt ist nach Ansicht von Amtsinhaber Heinz Dürr (70), der sich aus Altersgründen zurückzieht, angesichts der Größe der Stiftungsunternehmen Carl Zeiss und Schott Glas nicht mehr zeitgemäß. Juristen tüfteln nun an einer neuen Stiftungssatzung, die den ersten Mann mehr unter Kontrolle stellt als heute.

Außerdem wird Todenhöfer zum Jahreswechsel als persönlich haftender Gesellschafter Mitglied des eigentlichen Machtzentrums im Konzern - der Robert Bosch Industrietreuhand KG, jener Gesellschaft, in der nur die handverlesene Führungselite aufgenommen wird.

Todenhöfer wird's recht sein. Im Unternehmen bleibt sein Einfluss erhalten und obendrein hat er mehr Zeit für seine Frau, die in Spanien lebt. Ihretwegen hatte er seinen Job bei Bosch Mitte der Siebziger geschmissen und war für 17 Jahre auf die iberische Halbinsel gezogen.

Mit seiner Rückkehr in den sonnigen Süden hat der umtriebige Schwabe auch das letzte Zugeständnis in seinem Leben beseitigt: Das Wetter, bemerkte der Noch-Bosch-Vize kürzlich lakonisch, sei in Spanien einfach besser als in Stutgart.