ABB Ein Mann räumt auf

Vor einem Jahr übernahm Jürgen Dormann den Chefposten bei ABB. Der vermeintliche Thron sei ein Schleudersitz, unkten seine Feinde mit Häme. Doch Dormann mistete den defizitären Mischkonzern rigoros aus. Die Bilanz seiner bisherigen Arbeit straft die Nörgler Lügen.
Von Karsten Langer

Zürich - "Geht nicht, gibt's nicht" - eigentlich müsste dieses Motto das bisherige Schaffen von Jürgen Dormann übertiteln. Denn Dormann ist ein Workaholic, auch wenn er das nicht gerne eingesteht. Und er verfolgt beharrlich seine Ziele, bis er sie erreicht hat - gegen alle Widerstände, wenn es sein muss.

Seit gut einem Jahr nun ackert "Magic Dormann", wie ihn seine Bewunderer gerne nennen, an der Spitze des schwedisch-schweizerischen Technologiekonzerns ABB . Wie immer, wenn Dormann eine Aufgabe angeht, macht er seine Sache gründlich. "Viel Feind, viel Ehr'", mag ein weiteres Motto seiner effizienten Arbeit lauten.

Ein Großteil der Führungsspitze musste gehen, und auch ein Drittel der Belegschaft schafft jetzt nicht mehr im Namen des Mischkonzerns, der keiner mehr sein will. Stattdessen soll sich das Unternehmen mit den profitablen Sparten Energie- und Automationstechnik begnügen. Bei all der Umbauerei habe es "keine betriebsbedingten Kündigungen gegeben", beschwichtigt Dormann stets - ein hartgesottener Manager, der die Klaviatur der Führungsinstrumente meisterhaft beherrscht.

Zwei Leidensgenossen in Tat und im Geiste

Denn tatsächlich hat er in der Mehrzahl die Mitarbeiter samt Unternehmen veräußert - nicht nur die maladen, sondern auch die profitablen. Unter anderem die Finanzierungssparte, die an General Electric ging, um den immensen Schuldenberg zu bewältigen. Die Eigenkapitalquote liegt unterdessen bei vier Prozent, eine Steigerung, die in Relationen zur jüngeren Vergangenheit nicht auszudrücken ist - bei Dormanns Antritt lag sie bei Null.

Seine Hausaufgaben hat Dormann gemacht. Die Erwartungen der Börse sind erfüllt und auch die Erwartungen fast aller Analysten. Einige wenige trauen seinen Prognosen nicht, aber die Kritiker sind in der Minderheit. Bei der Sanierung von ABB habe er ein "Tal der Tränen durchschritten", wie er in einem Interview mit dem mananger magazin im Winter vergangenen Jahres nüchtern feststellte. Sein Leiden gemindert haben seine treuen Zuarbeiter, Dinesh Paliwal leitet die gößten Sparten, Peter Smits verantwortet den Bereich Technologie.

Die Verantwortung aber hat Dormann allein getragen. Als der frühere Aventis-Chef am 5. September vergangenen Jahres den Schweden Jörgen Centerman ersetzte, wusste er nicht wirklich, worauf er sich einließ. Obwohl Dormann seit 1998 Mitglied im ABB-Verwaltungsrat und seit November 2001 Vorsitzender des Gremiums war, war ihm der Besorgnis erregende Zustand des Konzerns in seiner ganzen Tragweite nicht klar.

Regiment mit harter Hand

Acht Tage nach seinem Amtsantritt bestätigte er die Ertragsprognose, zwei Wochen später folgte eine Gewinnwarnung - Gift für das schon erschütterte Vertrauen der Börse. "Ich musste mich auf die Einschätzung meines Teams verlassen", begründete Dormann später seinen Missgriff. Welcher der Manager dieses Team später auf Grund der voreiligen Prognose verlassen musste, ist nicht überliefert. Viele werden aller Wahrscheinlichkeit nicht übrig geblieben sein. Denn Dormann hat schon oft bewiesen, dass er im Zweifel mit harter Hand regiert.

Einen Namen machte sich der Topmanager mit der Sanierung von Hoechst. 1994 übernahm Dormann nach rund 21 Jahren im Unternehmen das Kommando im Frankfurter Stammhaus und setzte einen radikalen Umbau in Gang. Nach nicht einmal zwei Jahren im Amt hatte Dormann einen tief greifenden Wandel herbeigeführt. Durch eine ganze Reihe von Verkäufen und Joint Ventures steigerte er die Eigenkapitalrendite von zehn auf 15 Prozent.

Getreu seiner Devise, sich dort verabschieden zu müssen, wo man nicht weltweit zu den ersten drei gehöre, fokussierte Dormann Hoechst auf die Kerngebiete Gesundheit und Landwirtschaft. Einen "bewusst gesteuerten Strukturwandel" wird er diesen Prozess später nennen, der freilich auch die Belegschaft von einst rund 190.000 Mitarbeitern auf die Hälfte schrumpfen ließ.

Erfolgreicher Sanierer

Dormanns geradezu leidenschaftlicher Drang an die Weltspitze kulminierte vor knapp vier Jahren in einem Mega-Merger, der zugleich das Ende des Traditionshauses besiegelte. Am 15. Dezember 1999 verschmolzen Hoechst und die französische Rhône-Poulenc zu Aventis . Die Führung übernahm Dormann - an seiner Seite Jean-René Fourtou, der gegenwärtig versucht, den maladen Medienkonzern Vivendi Universal  wieder auf die Beine zu bringen. Im März vergangenen Jahres gab Dormann überraschend die Aventis-Führung ab und wechselte in den Aufsichtsrat.

Der Rest ist Geschichte - eine Erfolgsgeschichte, wenn sich die Zeichen der Zeit bewahrheiten. Gegenwärtig steuert Dormann den mit acht Milliarden Dollar verschuldeten Konzern aus der Krise. Allein im nächsten Jahr muss ABB knapp zwei Milliarden Dollar Schulden zurückzahlen. Dormann ist guten Mutes, dass er die Vorgaben erfüllen kann. Gegenwärtig verhandelt er über den Verkauf der Öl- und Gastechniksparte und des Gebäudetechnikgeschäfts.

Außerdem ist das bisher schon 2,3 Milliarden Dollar teure Abenteuer mit den US-Asbest-Sammelklagen gegen die ABB-Tochter Combustion nahezu ausgestanden, die jährliche Kostenlast um 800 Millionen Dollar gesenkt. Allein in Deutschland baut ABB 1900 der 16.600 Stellen ab.

Die Krise des Konzerns habe ihn "nicht unberührt gelassen", sagte Dormann kürzlich. Aller Voraussicht nach wird der 63-Jährige so lange weitermachen, bis die Sanierung erfolgreich beendet ist. Insofern ist für Dormann ABB noch lange nicht Geschichte. Im Gegenteil. Der gegenwärtige Zustand des Unternehmens ist Dreh- und Angelpunkt für seine Zukunft.