Attentat Ministerin Lindh ist tot

Die ganze Nacht war die schwedische Außenministerin Anna Lindh operiert worden, nachdem ein Messerstecher am Mittwoch ein Attentat auf sie verübt hatte. Dennoch starb die leidenschaftliche Euro-Verfechterin heute Morgen an inneren Blutungen.

Stockholm - Die schwedische Außenministerin Anna Lindh ist am Donnerstag an den Folgen des Messer-Attentats vom Vortag gestorben.

"Ich habe die traurige Information erhalten, dass Schwedens Außenministerin Anna Lindh am Morgen um 05.29 Uhr an ihren Verletzungen gestorben ist", erklärte Schwedens Ministerpräsident Göran Persson. "Schweden hat eine seiner bedeutensten Vertreterinnen verloren."

Die Ärzte des Karolinska-Krankenhauses in Stockholm, wo Lindh nach dem Anschlag operiert worden war, hatten bis in den Morgen hinein vergeblich versucht, das Leben der 46-Jährigen zu retten. Die zweifache Mutter hatte durch mehrere Messerstiche schwere innere Blutungen und Schäden an der Leber erlitten. Der Attentäter wird weiterhin gesucht.

Die Ärzte teilten mit, Lindh sei an den starken Blutungen gestorben, die die Verletzungen an wichtigen Arterien im Unterleib und der Leber verursacht hatten.

Die Polizei sucht noch immer nach dem Attentäter

Zunächst sei Lindh von 17 Uhr am Mittwochnachmittag bis 1 Uhr in der Nacht operiert worden. Nach einer einstündigen Pause sei die Operation dann fortgesetzt worden. Als Lindh ins Krankenhaus eingeliefert worden sei, sei sie bei Bewusstsein gewesen.

Ein Unbekannter hatte die Außenministerin am Mittwoch in einem Kaufhaus in Stockholm attackiert. Polizeikräfte aus ganz Schweden wurden zusammengezogen, um nach dem Täter zu suchen. Er soll nach Polizeiangaben etwa 1,80 Meter groß sein. Die Polizei fand die Armee-Jacke, die Kappe und das Messer des nach dem Attentat geflüchteten Angreifers. Videoaufzeichnungen aus dem Kaufhaus, in dem sich der Vorfall ereignete, werden von Experten ausgewertet.

Zusammenhang mit Euro-Referendum?

Auf die Motive des Angreifers gab es zunächst keine Hinweise. Die Sozialdemokratin Lindh ist in der Regierung eine der stärksten Befürworterinnen eines Beitritts zur Euro-Zone, über den die Schweden am Sonntag in einem Referendum abstimmen. In Meinungsumfragen führen die Euro-Gegner derzeit mit einem Vorsprung von rund zehn Prozentpunkten. Die beliebte Politikerin ist seit 1998 Außenministerin. Die Juristin ist mit einem früheren Minister verheiratet und hat zwei Söhne.

Die Zeitung "Dagens Nyheter" zitierte einen Polizeisprecher, der von einem gezielten Vorgehen des Angreifers sprach. "Das war keine spontane Wahnsinnstat." Der stellvertretende Sicherheitschef Kurt Malmström sagte, es habe "keine Bedrohungslage" gegeben - offenbar eine Fehleinschätzung.

Das Referendum wird nicht verschoben

Erinnerungen an Attentat auf Olof Palme

Der Anschlag weckt Erinnerungen an die Ermordung von Schwedens damaligem Ministerpräsidenten Olof Palme im Februar 1986. Er war nach einem Kinobesuch durch zwei Schüsse eines Attentäters in der Stockholmer Innenstadt getötet worden. Der Mord gilt als nicht aufgeklärt.

Auch bei diesem Anschlag war ein Mann plötzlich aufgetaucht und konnte im Anschluss unerkannt entfliehen. Der Schwede Christer Pettersson wurde später in erster Instanz verurteilt, in der Berufung aber wegen Verfahrensfehlern bei der Identifizierung durch die Palme-Witwe freigesprochen.

Kritik am Geheimdienst

Schwedens Ministerpräsident Göran Persson hat den Tod der schwedischen Außenministerin Anna Lindh als "ungeheure Tragödie" für ihre Familie und für ganz Schweden bezeichnet. Der bei seiner Erklärung mehrfach gegen Tränen kämpfende Persson sagte weiter: "Anna Lindh hat uns verlassen. Die Familie hat die Mutter und Gefährtin verloren. Die Sozialdemokratie hat einen ihrer tüchtigsten Politiker verloren. Die Regierung hat eine befähigte Ministerin und eine gute Kollegin verloren. Schweden hat sein Gesicht nach draußen in die Welt verloren."

Der schwedische König Carl XVI. Gustaf teilte mit, er sei zutiefst bestürzt. In ersten Medienkommentaren wurde der schwedische Geheimdienst Säpo heftig kritisiert, weil Lindh trotz der politisch angespannten Lage kurz vor der Euro-Volksabstimmung keine Leibwächter bekommen habe.

Das Referendum wird nicht verschoben

Die schwedische Regierung entschied, die für diesen Sonntag geplante Volksabstimmung über die Einführung des Euro nicht zu verschieben. "Wir ermutigen jeden Wähler an der Abstimmung teilzunehmen", sagte Ministerpräsident Göran Persson, nach einer Besprechung am Donnerstag Mittag.

Anna Lindh galt als Befürworterin einer Euro-Einführung. Es sei wichtig, dass der demokratische Prozess nicht durch einen Gewaltakt unterbrochen werden dürfe, sagte Persson. Er kündigte an, dass alle Aktivitäten der Ja- und Nein- Kampagnen bis zur Volksabstimmung eingestellt werden. Allerdings solle es eine abschließende Debatte im Fernsehen geben.

Eine Verschiebung des Referendums wäre die schlechtere Alternative gewesen, sagte Persson. Er äußerte sich nicht dazu, wie der Mord an Lindh die Abstimmung beeinflussen könnte. Nach jüngsten Umfragen sind die Gegner mit etwa 47 Prozent nach wie vor in der Mehrheit. Allerdings gibt es immer noch viele Unentschlossene.

Thierse drückt Bedauern aus

Der deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) hat am Donnerstag die Bundestagsberatungen kurzzeitig unterbrochen, um sein Bedauern über den gewaltsamen Tode der schwedischen Außenministerin Anna Lindh auszudrücken. "Ich kann nur unseren Abscheu vor dieser Tat ausdrücken und den Angehörigen unser Mitgefühl aussprechen", sagte Thierse.

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