Wall Street Dürfen's noch ein paar Millionen mehr sein?

Weil er unter immensem Druck der Börsenaufsicht steht, gibt sich New-York-Stock-Exchange-Chef Richard "Dick" Grasso nach dem Skandal um seine fantastischen Bezüge von 140 Millionen Dollar nun gnädig: Er verzichtet auf 48 Millionen Dollar - von denen allerdings bislang niemand wusste.

New York - Bereits vor zwei Wochen hatte die New Yorker Börse das Gehalt ihres Chefs offen gelegt - und entfachte damit unter den US-Amerikanern einen Sturm der Entrüstung: 139,5 Millionen Dollar an Pensionsbezügen, Sparbeträgen und sonstigen Ansprüchen hatte sich Grasso auf einen Schlag auszahlen lassen. Jetzt kam heraus: Das war noch längst nicht alles.

Erst als die Börsenaufsicht SEC am Dienstag den Druck auf Grasso und die NYSE so stark erhöhte, dass diese sämtliche Details über den Deal offen legen mussten, platzte nach einem Bericht der "New York Times" die Bombe: Wundersamerweise habe die Börse bei Grasso noch eine weitere Rechnung über zusätzliche 48 Millionen Dollar an Bonuszahlungen offen.

Die will Grasso nun zurückgeben. Freiwillig, wie er betont. "Diese Institution sollte sich nicht mit Gesprächen über die Zahlungen an ihren Chef beschäftigen müssen", sagte Grasso. Der Druck auf den "Retter der Wall Street" muss derzeit gewaltig sein.

Der Chef der Börsenaufsicht SEC, William Donaldson, hatte bereits wenige Tage nach Bekanntwerden der Summe von 140 Millionen Dollar einen geharnischten Brief an seinen Amtsnachfolger Grasso geschickt, in dem er mehr Details über die Auszahlung forderte. Anfang der Woche meldeten selbst Investoren und NYSE-Mitgliedsfirmen scharfe Kritik an.

Der richtige Führer zur richtigen Zeit?

Gestern schlug dann für Grasso die Stunde der Wahrheit: Der Börsenchef und der NYSE-Aufsichtsrat mussten erklären, wie die astronomische hohe Summe zu Stande kam - und brachten verblüffende Details ans Tageslicht.

So verdiente Grasso von 1999 bis 2002 80,6 Millionen Dollar - ohne Boni. Denn laut NYSE erhielt der Chef zusätzlich 51,6 Millionen Dollar an Pensionszahlungen. In seinem Glanzjahr 2001 erhielt der Börsenchef 30,55 Millionen Dollar - während die NYSE im selben Zeitraum ganze 31,8 Millionen Dollar an Gewinn verbuchen konnte.

Grasso kann die Aufregung über dieses Missverhältnis nicht verstehen: Aufgabe der Börsenführung sei nicht etwa, deren Gewinne zu maximieren, sondern den Wert der Mitgliedsunternehmen zu steigern. Und deswegen sei Grasso auch der "richtige Führer zur richtigen Zeit" für die NYSE gewesen, pflichtete sein Verwaltungsvorstand H. Carl McCall ihm bei - schließlich habe Grasso in seiner Dienstzeit den Marktwert der an der NYSE notierten Firmen mehr als verdoppelt.

Warum er die zusätzlichen 48 Millionen Dollar nicht angegeben hatte, auch dafür hatte Grasso eine mehr oder weniger schlüssige Erklärung: Schließlich sei dies eine Zahlung, die er erst in Zukunft erhalten werde.

Angesichts dieser verblüffenden Denkweise dürfen sich die Amerikaner noch auf einiges gefasst machen. Schließlich sei auch die 48-Millionen-Zahlung erst auf hartnäckige Nachfrage der SEC publik geworden, sagte Charles M. Elson, Experte für Corporate Governance an der University of Delaware, der "New York Times": "Sie werden sich wundern, was da noch alles kommt."

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