Lkw-Maut Der Truck-Stopper

Bisher absolvierte Michael Rummel eine tadellose Karriere. Als Geschäftsführer des Mautkonsortiums Toll Collect aber scheint er überfordert. Sein Zweckoptimismus wirkt bizarr, seine Ignoranz lässt Spediteure verzweifeln. Seine Vorgesetzten lassen ihn gewähren – wie lange noch?
Von Karsten Langer

Klaus Mangold gilt als seriös. Der DaimlerChrysler-Vorstand, der nach erfolgreicher Karriere Ende des Jahres seinen Dienst beim Automobilkonzern quittiert, schwärmte über das deutsche Mauterfassungssystem: "Mit Toll Collect bekommt Deutschland eines der weltweit modernsten und intelligentesten Systeme." Das war vor einem Jahr.

Seitdem sind Monate vergangen. Monate der Hoffnung und des quälenden Zweifels, auch Monate des Verzweifelns - vor allem für die deutschen Spediteure. Heute, so viel ist sicher, würde Mangold, der unterdessen als Vertreter der "Invest-in-Germany GmbH" im Namen der Regierung für den Standort Deutschland wirbt, diese Worte nicht mehr in dem Mund nehmen.

Denn die Unzulänglichkeiten des Mauterfassungssystems sind unübersehbar, der Start um mindestens zwei Monate verschoben und die Konsortialpartner DaimlerChrysler Services, Deutsche Telekom und der französische Autobahnbetreiber Cofiroute bis auf die Knochen blamiert.

Allein Michael Rummel, Geschäftsführer von Toll Collect, glaubt unbeirrbar an den Erfolg des labilen Systems. "Wir erfüllen den Vertrag, an uns scheitert die Einführung nicht", wiederholte Rummel noch drei Monate vor dem geplanten Starttermin Ende August gebetsmühlenartig, nachdem erste Zweifel an der termingerechten Einführung des Systems laut wurden. "Technisch und organisatorisch" liege man "voll im Zeitplan", Toll Collect sei ein "ehrgeiziges Projekt, an dem die besten Firmen der Welt arbeiten". An der Funktionalität der Technik ließ Rummel keine Zweifel aufkommen.

Fehler im System

Seit 17 Jahren ist der promovierte Jurist in unterschiedlichen Funktionen bei DaimlerChrysler tätig. Zuerst in Stuttgart angestellt, ging Rummel 1990 zur Dienstleistungsgesellschaft Interservices - heute DaimlerChrysler Services - nach Berlin. Seit 2002 ist Rummel Geschäftsführer der DaimlerChrysler Mobility Management GmbH und der Toll Collect GmbH.

Inzwischen ist aus dem Topmanager ein einsamer Rufer in der Wüste geworden. Trotz seiner Appelle verweigert das Herzstück des Mauterfassungssystems beharrlich seinen Dienst. Die Mehrheit der von Siemens VDO und Grundig hergestellten On Board Units (OBUs) funktioniert nach Angaben der Spediteure nicht. Entweder fliegen die Sicherungen raus oder der unscheinbare Kasten bringt die gesamte Bordelektronik der Lkw's zum kollabieren. Abrechnungen sind fehlerhaft, Online-Terminals, die alternativ auf Tankstellen oder Autobahnraststätten installiert wurden, laufen langsam oder gar nicht.

Als die Bundesbahn im März 1995 die Siemens-Software für ein neues Leitsystem scharf schaltete, fiel wegen eines Programmierungsfehlers der gesamte Verkehr im Bahnhof Altona flach. Ein Aufschrei der Empörung folgte, die Verantwortlichen entschuldigten sich vieltausendmal. Und heute?

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Zweckoptimist Michael Rummel schaltet auf Durchzug und überzieht die Republik mit Durchhalteparolen. Die Tücken des Mautsystems scheint er nicht zu registrieren, nicht die Warnungen der Gutachter und am allerwenigsten die Hilferufe der Spediteure.

Die immense Nachfrage nach OBUs, die die kühnsten Erwartungen übertraf, sei Grund für die Verschiebung des Starts, so Rummel kürzlich gegenüber der "Berliner Morgenpost". Außerdem seien "Rechtsfragen im Vergabeverfahren" schuld an den Verzögerungen gewesen. Kein Wort fiel zu technischen Schwierigkeiten, kein Wort zur misslichen Situation, in die Rummel den gutgläubigen Verkehrsminister Stolpe gebracht hat.

"Beratungsresistent" nennen Managementtrainer, die Führungskräfte coachen, derlei Verhalten. Im Zweifel ist nach gestellter Diagnose die Karriere der betreffenden Person zu Ende.

Kein Machtwort, nirgends

Im Falle Rummel jedoch nicht. Offensichtlich mit Rückendeckung von höchster Instanz stellt der Toll-Collect-Geschäftsführer zwei deutsche Vorzeigebranchen öffentlich bloß. Trotzdem haben sich weder die Deutsche Telekom  noch DaimlerChrysler  noch die Bundesregierung bisher zu öffentlicher Kritik durchringen können.

Der Minister mag mächtig mit den Zähnen knirschen, weil der furiose Start des deutschen Vorzeigesystems ein Rohrkrepierer war; laut geworden ist er bisher nicht. Auch DaimlerChrysler-Lenker Schrempp und Telekom-Chef Ricke haben sich Kommentare zur Causa Rummel bisher verkniffen.

Das könnte sich ändern, wenn die Gnadenfrist für das Mautsystem Anfang November ausläuft. Dann müssen die Fakten für Rummel sprechen. Sollten die Fehler im System so zahlreich sein wie im Moment, dürfte auch die Schonfrist für Rummel ein Ende haben.