Helmut Greve "Kaufen, bauen, nie verkaufen"

Auf zwei Trümmer-Grundstücken gründete er 1950 das Fundament seinen Immobilienreichs. 80-jährig plant Helmut Greve weiter ein Projekt nach dem anderen und spendet großzügig, wo er nur kann - und trifft dabei auf einigen Widerstand.
Von Martin Scheele

Wenn er will, liegt ihm die Welt zu Füßen. Eine Welt, in der Menschen auf Stecknadelgröße und Lastwagen auf Matchbox-Modell schrumpfen. Eine Welt, in der seine Besitztümer in einem Blickwinkel liegen. Eine Welt, die er, hier oben im 17. Stockwerk seiner Hamburger Konzernzentrale, mittels seines ellenlangen Messingfernrohres heranzoomen kann.

Unten in der Eingangshalle des Turms ist Schlichtheit Trumpf. Der Pförtner wirkt in der kahlen riesigen Halle etwas verloren, eine große Tafel zeigt an, wer hier alles gemietet hat. Das Schild des Hausherrn ist dabei nicht größer als die der Mieter. Hier also residiert er, der Professor Dr. Helmut Greve (80), Hamburger Immobilienkaufmann und Mäzen.

Irgendwann in den neunziger Jahren schuf er den verspiegelten Wolkenkratzer, zu deren Seiten sich ein Kranz aus Backsteinzeilen auftürmt. Drumherum Parkplätze, Betonflächen. Innen drin hat sogar eine Passage Platz gefunden. Ein Supermarkt, Weinladen, Reinigung und Schuhmacher: Helmut Greve muss zum Einkaufen nicht vor die Tür gehen. Das Ganze liegt idyllisch an einem Seitenarm der Alster, erstreckt sich quasi als Stadt in der Stadt. Passenderweise taufte der gebürtige Hamburger Ende der Neunziger Jahre sein Reich "AlsterCity".

Staatsexamen mit Prädikat

Zu diesem Zeitpunkt ist Greve längst Milliardär. Mindestens 20 Einzelfirmen, darunter die "Dr. Helmut Greve Bau und Boden AG", mit einem Umsatz im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich, gehören zu seinem Imperium. Das Geschäftsziel: Das Errichten von Bürohäusern und Einkaufszentren.

Vor über 50 Jahren war diese Entwicklung keineswegs abzusehen. Angefangen hatte der Marineoffizier a. D. ohne großen Besitz, nur mit zwei Trümmer-Grundstücken, die ihm sein Vater hinterließ.

Schon während des Studiums der Rechts- und Staatswissenschaften - er legte das erste juristische Staatsexamen mit Prädikat ab - und der anschließenden Promotion gründete er erste Immobilienunternehmen und erwarb Grundstücke. Von Anfang an seiner Seite: Ehefrau Hannelore, mit der er seit 1944 verheiratet ist.

Das Erfolgsgeheimnis der Greves

Denn bei fast allen Verhandlungen, ob in der Nachkriegszeit oder heute, treten sie zusammen auf. Ein eingespieltes Duo, dessen Arbeitsbereiche genau festgelegt sind. "Mein Mann konnte die Verhandlungen strategisch gut führen, ich fühlte heraus, was der andere wollte", schilderte Hannelore Greve einmal in einem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt". "Geschäfte machen will jeder, aber gut sind sie nur, wenn man auch die Interessen des Gegenübers berücksichtigt, wenn beide Seiten zufrieden sind." In einem Satz: "Er ist der kühle Rechner und Denker, ich habe das Gespür, was man am besten drauf bauen konnte."

Auch im Auftreten ergänzen sich beide Partner. Der Hanseat Greve, Mitglied der christlichen Gemeinschaft der Mennoniten, erscheint dezent im dunklen Anzug. Seine Ehefrau trägt gern mal farbige Kleider und ungewöhnliche Hüte.

Der Mutter dreier Töchter reichte irgendwann der Job an der Seite ihres Mannes nicht mehr aus. Sie hatte immer schon ein Faible für englische Stilmöbel und eröffnete 1969 ein entsprechendes Einrichtungshaus, das heute ihren Namen trägt und zu den größten seiner Art in Deutschland zählt. Das Geschäft mit der farbigen Beton- und Metallfassade liegt in der öden Wohn- und Geschäftsstadt City Nord.

Den Bau dieser dem damaligen Zeitgeschmack entsprechenden Betonwüste, in der Konzerne wie Esso , RWE-DEA  oder Hamburg-Mannheimer ihren Sitz haben, prägte ihr Ehemann als Investor entscheidend mit, wobei er - manchmal zu seinem Leidwesen - an die städtischen Vorgaben hinsichtlich der äußeren Gestaltung gebunden war.

"Alle Überschüsse ins Geschäft gesteckt"

Rein auf Hamburg blieb ihr gemeinsames Wirken jedoch nicht begrenzt. Nach wie vor schießen überall in der Bundesrepublik Bürogebäude, Seniorenbauten oder Einkaufszentren aus dem Boden. Dass der wirtschaftliche Erfolg auch in mageren Zeiten keinen Schaden nimmt, dafür steht das Geschäftsgeheimnis der Greves. "Wir haben den Grund und Boden selbst gekauft, wir haben unsere Objekte selbst gebaut - und wir haben sie nie verkauft", skizziert der Honorargeneralkonsul von Ungarn. Sein Frau fügt hinzu: "Wir waren immer sparsam und haben alle Überschüsse wieder ins Geschäft gesteckt".

Das Einrichtungshaus für englische Stilmöbel von Hannelore Greve

Das Einrichtungshaus für englische Stilmöbel von Hannelore Greve

Foto: MARTIN SCHEELE
Gegenüber der Alster-City liegt ein Bootsverleih

Gegenüber der Alster-City liegt ein Bootsverleih

Foto: MARTIN SCHEELE
Ein Eingang der Alster-City

Ein Eingang der Alster-City


Das Einrichtungshaus von Hannelore Greve und die Alster-City: Bitte klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.

Dass Erfolg sich aber nicht nur an rein wirtschaftlichen Kennzahlen festmacht, müssen die Beiden mit zunehmender Zeit erfahren. Denn viele Architekten verneinen die Frage, ob Greves Bauten zur ästhetisch wertvollen Architektur zählen. Zum Teil wird über Greves Baukunst laut, überregional und langanhaltend gestritten. Besonders deutlich wurde das am Beispiel der Universität Hamburg. Der raumnotleidenden Alma Mater stiften die Greves 1996 zwei 35 Millionen Euro teure Flügelbauten, die das Hauptportal einrahmen.

"Der Senat ist knechtselig und gierig

Die Kritik besorgter Feuilletonisten, Architekturexperten und Hamburger Professoren entzündete sich dabei vor allem an dem Bauverfahren. Der - nach Fertigstellung der Planung - unter anderem von der Architektenkammer geforderte Architekturwettbewerb wurde durch den Senat ablehnt, um die Durchführung des Bauvorhabens nicht zu verzögern. In dem Streit bekam auch der Hamburger Senat sein Fett weg - dafür, dass er dem edlen Spender keinerlei Bedingungen stellte, wurde er als "knechtselig und gierig" verspottet.

Der anfängliche Sturm im Blätterwald legte sich nach Fertigstellung der Gebäude allerdings bald. Sowohl die Bauherren als der mitplanende Architekt erhielten für die Bauten einen Preis des BdA, und heute gilt der Bau als gelungenes Beispiel einer Synthese von alt und neu.

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