Alexander Falk Millionär, patentgefaltet

Das Erbe seines genialen Vaters machte Alexander Falk vermögend, und dank des Neuen Marktes wurde er zum Multimillionär. Ob er das bleibt, ist ungewiss. Seit Pfingsten sitzt der Hamburger in Untersuchungshaft - wegen Verdachts auf Börsenschwindel.
Von Clemens von Frentz

Anleger, Kleinaktionäre zumal, sind ein merkwürdiger Menschenschlag. Wer daran jemals zweifelte, ist seit dem Ende der neunziger Jahre eines Besseren belehrt. In einem Akt kollektiver Besoffenheit stürzten sich die Börsianer damals auf jede Aktie, die nach "New Economy" aussah, zersägten in der Folge ein Milliardenvermögen und trösteten sich am Ende, als wirklich gar nichts mehr zu retten war, mit dem altbewährten Kalauer: "Das Geld ist ja nicht weg - es hat jetzt nur ein anderer."

Ganz falsch lagen sie damit nicht, makroökonomisch betrachtet. In manchen Fällen lässt sich sogar eruieren, wer dieser "Andere" ist. Nehmen wir nur die Firmen Ision , Energis, Hornblower Fischer  und Distefora . Alle vier Gesellschaften galten einst als große Hoffnungsträger, ihr Aktienkurs schien förmlich nicht zu bremsen, und als die Börsenparty sich dem Ende neigte, blieb nur der Gang zum Insolvenzgericht.

Die meisten Anteilseigner traf der jähe Absturz hart, fast alle mussten ihr Investment wertlos abschreiben - aber eben nur fast alle. Einige wenige, die etwas schlauer waren, kamen glimpflicher davon und konnten ihren Reichtum aus der virtuellen Welt der "New Economy" ins reale Hier und Jetzt hinüberretten. Womit wir bei Alexander Falk wären.

Der Geistesblitz mit der "Patentfaltung"

Um zu erklären, wie es dazu kam, ist ein kleiner historischer Exkurs vonnöten. Vor 58 Jahren, im November 1945, hatte der Berliner Gerhard Falk in Hamburg-Bergedorf eine bahnbrechende Idee, mit der er Kartographie-Geschichte schrieb. Der damals 23-Jährige entwickelte den nach ihm benannten Falk-Plan, der dank seiner "Patentfaltung" selbst große Karten übersichtlich machte.

Auch wenn das Falten der bedruckten Bögen mit mühseliger Handarbeit verbunden war (erst 1982 wurde auf Maschinen umgestellt), war der Siegeszug des Systems nicht aufzuhalten. Bereits 50 Jahre später hatte der Verlag weltweit rund 100 Millionen Falk-Falter verkauft.

Als der geniale Gründer 1978 einem Herzinfarkt erlag, ging seine Firma in der Folge an die Kinder über. Drei gab es davon, zwei Töchter und Sohn Alexander, geboren Juli 1969. Und wie sich das für eine ordentliche Unternehmerfamilie gehört, trat Letzterer bald in die Fußstapfen des Vaters - allerdings mit einer etwas anderen Philosophie. "Stadtpläne auf Papier", so ließ Erbe Alexander wissen, "das hat im Internetzeitalter keine Zukunft. Dafür wird im Jahr 2005 keiner mehr Geld ausgeben."

Für ihn selbst galt das übrigens damals schon, wie er der "Welt am Sonntag" anvertraute. Falk wörtlich: "Ich benutze nicht einmal Stadtpläne. Wenn ich nicht mehr weiterkomme und niemanden fragen kann, dann fahre ich an die Tankstelle, gucke mir schnell den Plan an und lege ihn unauffällig zurück."

"Stadtpläne haben keine Zukunft"

Ob diese pragmatische Einstellung zum eigenen Produkt in den acht Semestern an der Uni Hamburg reifte oder während Falks Studienjahr in Kapstadt, ist nicht verbindlich überliefert, aber es spielt auch keine Rolle für den Fortgang der Geschichte. Fakt ist, dass der Gründersohn schon 1995, ein Jahr nach dem Examen (BWL und Politik), Schwester Janina und Halbschwester Karin auszahlte und den väterlichen Verlag, der seit 1994 als AG firmierte, an Bertelsmann veräußerte.

Der Medienkonzern aus Gütersloh zahlte umgerechnet 25 Millionen Euro für den "unsportlichen Laden ohne Innovationskultur" (Zitat Alexander Falk) - wenig Geld für einen Marktführer mit circa 50 Millionen Euro Jahresumsatz, aber viel Geld für einen 26-jährigen Diplomkaufmann. Der allerdings dachte mitnichten daran, sich nun mit dem Ererbten auf die faule Haut zu legen. Das Geld wurde umgehend reinvestiert, zumindest teilweise, und zwar primär in ein Unternehmen in der Schweiz.

Wobei der Begriff Unternehmen etwas hochgegriffen ist - es handelte sich eigentlich nur um den leeren Mantel einer Pleitefirma namens Interdiscount. Diese hatte zwar mit dem Verkauf von Elektrowaren stolze Umsätze von über zwei Milliarden Franken pro Jahr erwirtschaftet, aber davon blieb zu wenig in der Kasse hängen. Also verkaufte man das Herzstück, die Interdiscount-Läden, an Coop und gab sich 1996 einen neuen Namen: Distefora (Abkürzung für "Distribution Television, Foto, Radio").

Alles begann mit Distefora

Kurze Zeit später tritt Falk als Retter auf den Plan. Er übernimmt 1997 insgesamt 1,76 Millionen nicht notierte Namensaktien und erwirbt damit 43 Prozent der Stimmrechte. Den Anlegern der Inhaberaktien macht er kein Übernahmeangebot, sondern verspricht blühende Landschaften. Die Distefora-Holding , so der Plan, soll künftig überwiegend Hightech-Firmen unter ihrem Dach vereinen und damit einer der ganz großen Player in der "New Economy" werden.

Natürlich geht das nur, wenn an der Spitze von Verwaltungsrat und Vorstand geballte Kompetenz versammelt ist. Aber dafür ist zum Glück gesorgt: Beide Positionen werden mit Falk besetzt, der sich fortan Chief Executive Officer (CEO) nennen darf.

Und wie es sich für einen CEO gehört, wird erst mal aufgestockt. Man kauft, und zwar reichlich. Unter anderem die Firma KK Kabelnetz Kiel (gegründet Februar 1998, Übernahme durch Distefora im Herbst 1998), was den Vorteil hat, dass man nicht lange mit dem Eigentümer feilschen muss. Der heißt nämlich, Überraschung, Alexander Falk.

Kein Taschenspielertrick, sondern in damaligen Zeiten ganz normal. Am Neuen Markt war Derartiges die Regel, wie Kleinanleger - oft recht spät - erfahren mussten. Vorteil dieser Konstruktion für Falk: Er ist jetzt nicht nur Vorstandschef von einem richtig großen Unternehmen, sondern auch Mehrheitsaktionär der Distefora. Am Kapital hält er zwar nur 33 Prozent, aber an Stimmrechten drei Prozent mehr als die Hälfte. Sehr komfortabel, denn nun kann ihn keiner mehr ausbremsen, wenn es um neue Käufe geht.

Der Einstieg bei Ision

Und die werden umgehend in Angriff genommen. Ziel diesmal: die Hamburger Providerfirma IS Internet Service. Gründer des Unternehmens war die MAZ GmbH, Abkürzung für Mikroelektronik-Anwendungszentrum, laut Eigenauskunft eine "Einrichtung zur Initiierung und Unterstützung anwendungsorientierter Forschungs- und Entwicklungsprojekte auf dem Gebiet der Mikroelektronik vor allem für kleinere und mittlere Unternehmen in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Hamburg Harburg".

Das klang nach so viel Kompetenz, dass auch die großen Dax-Konzerne aufmerkten. 1996 war es soweit: Die MAZ verkaufte ihre Start-up-Firma an den Ex-Stahlriesen ThyssenKrupp , ein "erster Meilenstein", wie stolz vermeldet wurde.

ThyssenKrupp allerdings blieb nicht lange Eigentümer von IS. Die Firma machte zwar nur einen Jahresumsatz von 23 Millionen Mark (1998) und hatte keine eigene Infrastruktur, aber sie war im Internetgeschäft aktiv, und allein das zählte. Anfang Februar 1999 traf sich Falk im Münchner Hotel "Kempinski-Airport" mit Thyssen-Manager Heinz Weilert und handelte mit ihm die Details für eine Übernahme aus.

Kurssprung vor der Übernahme

Merkwürdige Beobachtung am Rande: Obwohl dieses Gespräch vertraulich war, kam es urplötzlich zu enormen Kursgewinnen bei der Distefora. Und hier reden wir nicht von Peanuts - die Aktie legte binnen weniger Wochen bei hohen Umsätzen fast 1000 Prozent zu, was viele Fachleute damit deuten, dass Insider am Werke waren. Als Falk und ThyssenKrupp sich Mitte April 1999 einigten, wechselte die Firma für 75,6 Millionen Mark den Besitzer und erhielt den Namen Ision Internet AG .

Bis dahin alles ganz normal. So war das eben, damals in der "New Economy", als Umsatz alles war und nach Gewinnen keiner fragte: Der eine gründete, der andere kaufte; falls nötig, wurden Verluste munter abgeschrieben, und wenn man seiner Firma wieder überdrüssig wurde, suchte man sich halt einen neuen Eigentümer. Wer da nicht mitmachte oder gar Skepsis äußerte, galt schnell als hoffnungsloser Fall.

"Wer schlecht ist, muss auf die Reservebank"

Für solche Zeitgenossen hatte Sascha, wie ihn seine Freunde nennen, wenig übrig, genauso wenig wie für Leute ohne "Team-Spirit". "Wer gut im Team ist", verriet er einem Redakteur der "Welt", "bekommt die Bälle zugespielt. Wer schlecht ist, muss auf die Reservebank." Und: "Trittbrettfahrer kann ich nicht ausstehen. Die müssen raus, gnadenlos."

Und in der Tat, Falk war rigoros, wenn es die Situation erforderte. Die "Süddeutsche Zeitung" merkte dazu an: "Frühere Verhandlungspartner erzählen von einem sympathischen, jungen Mann, immer lächelnd, immer freundlich, der kurze Zeit später eiskalt Verträge brach."

Vielleicht war das ja einer der Gründe, warum der Erbe in der Hamburger Gesellschaft nie wirklich das fand, was er suchte: Anerkennung. Daran änderte auch seine Hochzeit mit der Unternehmertochter Nadia nichts, die ihn zum Schwiegersohn von Axel Schroeder machte.

230 Millionen Euro dank IPO

Der verkehrte zwar als geschäftsführender Mehrheitsaktionär der Hamburger MPC Capital in den obersten Kreisen, aber Falk, so die Beobachtung der Yellow-Press-Experten, blieb oft außen vor, wenn's um die wirklich wichtigen Events der Elb-Elite ging. Die einen sahen in ihm einen Spieler und Emporkömmling, die anderen einen Glücksritter und Spekulanten, der jeden Deal mitnimmt, den er zum eigenen Vorteil machen kann. Mit so einem gibt man sich an der Waterkant nicht gerne ab. Da ist der Kaufmannsadel eigen.

Auch die Inanspruchnahme eines Medien-Profis brachte wenig, obwohl Falk sich einen der besten holte, die man für viel Geld kriegen kann: Hans-Hermann Tiedje (Branchenspruch: "Was Bullrich-Salz für die Verdauung, ist Tiedje für die Weltanschauung"), Ex-Chef von "Bunte", "Bild" und "Tango" ("Wir kommen über Deutschland wie eine Feuerwalze") und jetzt Vorstand der Berliner PR-Agentur WMP Eurocom AG, die durch einen millionenschweren Beratervertrag mit der Bundesanstalt für Arbeit bundesweit bekannt wurde.

Tiedjes bislang letzte Veranstaltung für Falk: Er lud Mitte April 2003 eine erlesene Gästeschar ins Schiffahrtsmuseum seines Ex-Kollegen Peter Tamm, um dort dort die Gründung einer Tochterfirma zu begießen. Anwesend waren - neben Falk, der gerade bei der Bank Hornblower Fischer  eingestiegen war - Ex-Wirtschaftminister Günter Rexrodt und Ex-Bertelsmann-Manager Bernd Schiphorst, beide im Vorstand der Tiedje-Firma WMP Eurocom AG. Hornblower Fischer übrigens stellte Ende Juli Insolvenzantrag.

Börsengang kurz nach dem Crash-Beginn

Falk selbst focht dieses Hasardeur-Image nie an. Zumindest war ihm das nicht anzumerken. Die "Welt am Sonntag" zitiert ihn mit den Worten: "Als rational denkender Mensch steige ich dann aus, wenn mein Grenznutzen negativ wird, sprich, wenn es einen besseren Eigentümer für die weitere Unternehmensentwicklung gibt."

Und daran hielt er sich: Als Anfang 2000 die Hysterie am Neuen Markt so groß geworden war, dass selbst die Aktien kleinster Dotcom-Klitschen wie enthemmt gekauft wurden, sah Falk die Stunde für den Börsengang gekommen. Er führte eine Kapitalerhöhung durch und ließ rund drei Millionen Ision-Anteile am Neuen Markt platzieren.

Das Ision-IPO brachte rund 230 Millionen Euro ein

Der Börsengang am 17. März 2000 wurde zum Triumph: Die für 69 Euro ausgegebenen Papiere eröffneten mit 155 Euro und stiegen kurz danach auf 158 Euro. Bei Börsenschluss notierten sie bei 130 Euro - ein sattes Plus von fast 90 Prozent, jedenfalls für die wenigen Glücklichen, die sich über eine Zuteilung freuen durften. Nebenbei: 235.910 Anteile gingen an die Abteilung "Friends and Family", also Partner, wohlverdiente Mitarbeiter und Freunde, die Sonderkonditionen hatten.

Freuen durfte sich auch Alexander Falk: Immerhin hatte die Emission inklusive Greenshoe rund 230 Millionen Euro in die Kasse seines Unternehmens gespült. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass wenige Tage vor dem IPO der Crash am Neuen Markt begonnen hatte.

Aber das war erst der Anfang. Neun Monate nach dem lukrativen Börsengang, Ende Dezember 2000, setzte Falk noch einen drauf: Seine Distefora-Holding verkaufte ihren 75-Prozent-Anteil, den sie an Ision besaß, an den britischen Telekommunikationskonzern Energis und kassierte dafür laut Ad-hoc-Meldung die selbst aus damaliger Sicht unglaubliche Summe von 812 Millionen Euro.

Der Distefora-Akten-Krimi

210 Millionen Euro gab's in Cash, den Rest in Energis-Aktien und das für eine Firma, die mit 900 Mitarbeitern einen Umsatz von nur 67 Millionen Euro erwirtschaftete. Zumindest wurde diese Umsatzzahl gemeldet - und hier kommt die Justiz ins Spiel.

Die Staatsanwaltschaft nämlich glaubt den Zahlen nicht und ist heute davon überzeugt, dass Luftbuchungen getätigt wurden, um Ision als Unternehmen attraktiv zu machen und so für einen hohen Börsenkurs zu sorgen.

Sie stützt sich dabei unter anderem auf die Ergebnisse einer ausgedehnten Razzia in Hamburg, Berlin, Frankfurt und Zürich, die am 3. Juni 2003 stattfand. Aus den Unterlagen, die in den 24 durchsuchten Immobilien gefunden wurden, ergibt sich laut Hamburgs Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger der Verdacht "auf schweren Betrug und auf Verstoß gegen das Börsengesetz".

Anwalt Rudin: "Es wurde üppig abkassiert"

Bei der Ermittlungsarbeit haben Baggers Kollegen einen starken Verbündeten: Johann-Christoph Rudin, Anwalt in Zürich, Geschäftsführer der "Schutzgemeinschaft der Investoren Schweiz" (SIS) und seit Ende Dezember 2002 alleiniger Verwaltungsrat der Distefora. Der 38-jährige Jurist hatte schon früh den Eindruck, dass bei der Holding "üppig abkassiert" worden war. Daher übersandte er im März 2003 diverse Unterlagen an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), die wenig später Anzeige bei der Staatsanwaltschaft einreichte.

Auf die wartet nun eine ganze Menge Arbeit, denn Rudin hat sie mit reichlich exklusivem Material versorgt: 800 Ordner mit Distefora-Akten, säuberlich abgeheftet und beschriftet, vieles davon intern und nicht für Außenstehende bestimmt. Die Beibringung der Unterlagen war ein kinoreifes Meisterstück, das schweizerische Pfiffigkeit mit unglaublicher Dreistheit paarte.

Die Akten lagerten in einer Spedition in Hamburg und sollten dort zunächst auch bleiben, wenn es nach Falk gegangen wäre. Rudin jedoch engagierte einige Helfer und ließ sie am 16. Januar 2003 mit einem Laster bei dem Spediteur vorfahren. Der zögerte nicht lange, nachdem sich die Truppe als Distefora-Mitarbeiter ausgegeben und die noch offene Lagerrechnung beglichen hatte. Er rückte die Akten heraus und Rudins Leute fuhren mit ihrer Beute triumphierend davon.

Der Rest dieser Aktion lief mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Die Unterlagen wurden in eine eigens für diesen Zweck angemietete Wohnung gebracht, Rudin buchte für fünf Tage einen Copy-Shop in der Hamburger City und ließ die Akten dort kopieren - von einem Dutzend Ausländer aus Pakistan und Afrika, die man beim Arbeitsamt - Einstellungsbedingung: keine Deutschkenntnisse - für diesen Job geheuert hatte. Die Originale gingen an den Staatsanwalt, die Duplikate in einen Container, den Rudin zuvor für 2200 Euro gekauft hatte und nun per Bahn die Heimreise in die Schweiz antreten ließ.

Festnahme am Pfingstwochenende

Beweisen sollen diese Dokumente unter anderem, dass Alexander Falk sich am 19. September 2000, drei Monate vor dem spektakulären Deal mit Energis, mit einem kleinen Kreis von sechs Vertrauten im Hamburger Büro der Ision AG zu einem "Kick-off-Meeting" traf, um "kursstützende Maßnahmen" zu vereinbaren. Das jedenfalls glaubt Anwalt Rudin, der nach eigener Aussage ein Protokoll jenes denkwürdigen Treffens besitzt.

Grund genug für solch ein Vorgehen hätte Falk gehabt: Am ehemals so hoch gelobten Neuen Markt tobte seit Mitte März ein Crash, der alles übertraf, was deutsche Anleger bis dahin kannten, und langsam zeigte sich, dass viele der "Wachstumsunternehmen" nichts als heiße Luft verkauft hatten. Die Folge: Selbst große Werte kollabierten, und wer noch drin war, wollte nur noch raus.

In dieser Situation, so Rudin, beschloss Falk offenbar mit seinen Mitstreitern, die etwas schwachen Zahlen seiner Ision AG "aufzubohren". Zu diesem Zwecke wurden nach Erkenntnissen des Anwalts zahlreiche fiktive Aufträge verbucht und undurchschaubare Transaktionen mit befreundeten und eigenen Unternehmen durchgeführt.

Vorwurf: Luftgeschäfte zur "Kurspflege"

So ist nach Recherchen der "Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag" aus den Unterlagen beispielsweise zu ersehen, "dass allein im zweiten Quartal 2000 rund 20 Millionen Franken von Distefora an die Ision-Tochterfirma Bluetrix flossen". Mit diesem Geld seien "rückdatierte Aufträge an verschiedene andere Tochterunternehmen erteilt" worden, die "wiederum mit lautem Getöse über Ad-hoc-Mitteilungen den Ision-Aktionären kommuniziert wurden".

Die Staatsanwaltschaft war von Rudins Fang ganz offensichtlich schwer beeindruckt. Nach der Anzeige durch die Börsenaufsicht leitete sie am 17. April Untersuchungen ein und wenig später lagen Haftbefehle gegen Falk und sechs weitere Verdächtige vor. Sie alle sind inzwischen inhaftiert, auch Falk selbst, der sich am 6. Juni den Hamburger Behörden stellte. Und wie es derzeit aussieht, wird der Millionenerbe noch für ein Weilchen hinter Gittern bleiben.

Die Haftverschonung jedenfalls, die sein Anwalt Gerhard Strate - nach seiner Auskunft ist Falk unschuldig - beim Haftrichter beantragte, wurde bislang abgelehnt. Begründung, so das Magazin DER SPIEGEL: Falk soll versucht haben, kurz vor der Festnahme große Teile seines Vermögens in Sicherheit zu bringen, indem er einen zweistelligen Millionenbetrag nach Südafrika verschob. Das afrikanische Land bot sich wohl auch deshalb an, weil ihm die Gegend dort vertraut ist - der Multimillionär besitzt ein Anwesen bei Kapstadt.

Haftrichter sieht Verdunkelungsgefahr

Zudem soll Falk, ebenfalls kurz vor der Verhaftung, versucht haben, einen hohen Geldbetrag von einem Konto bei der Vereins- und Westbank auf ein Konto seiner Frau zu überweisen. Folglich sah der Haftrichter Verdunkelungsgefahr und ordnete die Beibehaltung in der U-Haft an.

Verschärfend kommt für Falk hinzu, dass man ihn Anfang Juli innerhalb der Haftanstalt verlegte - aus einer Standardzelle in die Sicherungsstation "B II", wie Springers "Bild" aus informierten Kreisen hörte. Grund für den Umzug: Falk soll aus dem Untersuchungsgefängnis heraus versucht haben, Kontakt zu seinen ebenfalls einsitzenden Geschäftspartnern aufzunehmen. Das galt es zu vermeiden, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.

Noch bitterer für den Millionenerben: Sein Geld, das ihn noch vor nicht allzu langer Zeit zu einem der 250 reichsten Deutschen machte, ist erst mal eingefroren. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft verfügten die Richter einen "dinglichen Arrest" über 532 Millionen Euro. Ein schwerer Schlag für Falk, aber es bleibt ein Trost: Das Geld ist ja nicht weg, es hat jetzt nur ein anderer. Jedenfalls vorerst.

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