Citigroup Magners Charta

Die Polizistentochter Marjorie Magner prägte bereits vor drei Jahren den Verhaltenskodex der weltgrößten Bankengruppe, der Citigroup. Jetzt steigt die korrekte Karrieristin an die Spitze des Privatkundengeschäfts auf. Und wird eine der mächtigsten Managerinnen der Welt.

New York - "Es war so, wie mit Eltern aufzuwachsen, die sich ständig über die Erziehung streiten" - die Rede ist von der jahrelangen Zusammenarbeit mit dem früheren Traveller-Chef Sanford Weill und Citicorp-Boss John Reid. Die Frau, die das sagt, hat in jener Zeit in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern vermutlich alles gesehen, was mit dem Bankengeschäft zu tun hat. Im selben Interview mit dem Magazin "Fortune" setzt sie in einem Stoßseufzer hinzu: "Und das war ganz schön hart."

Die Fusion von Traveller und Citicorp liegt lange zurück, die daraus entstandene Citigroup  ist heute die größte Finanzgruppe der Welt und Sanford Weill ihr Herrscher - bis ihn Anfang 2004 sein designierter Nachfolger Charles Prince ablösen wird. Eine Personalentscheidung geht noch auf Weills Konto: Marjorie Magner (54), die Frau, die alles gesehen hat, wird die Leitung des Privatkundengeschäfts antreten.

Seine Ziehtochter hat Weill damit erstklassig untergebracht. Schon jubiliert die "New York Daily News": "Die Citigroup durchschlägt die Glasdecke", jene, die bisher Frauen davon abhält, auf der Karriereleiter so hoch zu steigen wie Marjorie Magner.

"Marjorie ist nie eine schlechte Idee"

Eigentlich gibt es keinerlei Zweifel daran, dass die studierte Psychologin auf Grund ihrer überdurchschnittlichen Leistungen in diese Position gelangt. Doch in der Männerdomäne Finanzwelt muss man das immer noch betonen. So strichen die Konzernherren fast schon penetrant deutlich heraus, welches Gewicht ihre Entscheidung hat. Weill nannte Magner "dank ihrer Erfahrung als Manager, Stratege, Einkäufer und Integrator von Geschäften" eine "hervorragende Wahl". Und ehemalige Kollegen wie Jeffrey Lane, heute CEO bei Neuberger Berman, schwärmten: "Es ist nie eine schlechte Idee, Geschäfte von Marjorie führen zu lassen."

Magner selbst machte klar, dass sie Großes vorhat: "Wir freuen uns, den Geschäftsbereich zu vergrößern, wenn sich die Gelegenheit bietet."

Dabei erwartet sie schon im Business as usual alles andere als der Posten eines Frühstücksdirektors. "Das Privatkundengeschäft ist für Citigroup der Schlüssel zum Wachstum", erläutert William Batcheller, ein Portfolio Manager bei National City Investment gegenüber der Agentur Reuters. "Die Bank will schneller als der Markt wachsen." Keine leichte Sache bei ohnehin schon großen Dimensionen: Der Geschäftszweig mit 135.000 Angestellten in 50 Ländern generierte in den ersten beiden Quartalen des laufenden Geschäftsjahres 53 Prozent des Gesamtumsatzes, rund 4,47 Milliarden Dollar.

Sicher ist die Ernennung Magners wenig überraschend angesichts ihrer bisherigen Leistungen. Erste Meriten sammelte sie als Direktorin der Abteilung Chemical Technologies bei der Chemical Bank. 1987 dann stieg sie bei Commercial Credit ein, einer Vorläuferfirma der späteren Citigroup. Dort hat sie sich stetig nach oben gearbeitet, und so nachhaltig, dass "Fortune" sie in den vergangenen drei Jahren in Folge zu den 50 mächtigsten Geschäftsfrauen der Vereinigten Staaten zählte.

Sprachrohr gegen sexuelle Belästigung

Andererseits hat sie sich in der Männerriege der New Yorker Finanzwelt in den vergangenen Jahren durchaus Feinde gemacht. Sie avancierte 2000 zum Sprachrohr gleich mehrerer Frauen, die sich über sexuelle Belästigung im Topmanagement des Finanzkonzerns beklagten. Die von den Kolleginnen eingeforderten Verhaltensgrundsätze gehören inzwischen zum bankinternen Verhaltenskodex.

Doch Magners Streitbarkeit vermochte ihren Aufstieg nicht zu bremsen. Das mag einerseits an ihrer sozialen Kompetenz liegen, die sie sich selbst zugute hält. Sie könne besser zuhören als andere, befand sie in einem Interview.

Vor allem aber mag der Tochter eines Polizisten geholfen haben, dass sie einen guten Draht zu den richtigen Leuten hat. Wie bisher, so wird auch nach dem Stabwechsel 2004 die Citigroup von einem Kreis alter Bekannter geführt. Der künftige COO der Citigroup und damit Magners Vorgesetzter, Robert Willumstad, erklärte es so: "Sandy Weill, Marjorie und ich, wir drei haben etwas gemeinsam. Wir alle kommen aus Brooklyn, und das ist es, was hier wirklich zählt."

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