Bewerber-Check "Ein Job-Interview ist kein Verhör"

Die Versuchung lockt, einen krummen Lebenslauf gerade zu biegen. Doch spätestens im Vorstellungsgespräch rächt sich die Mogelei. Andreas Kiefer überprüft Bewerbungsunterlagen im Auftrag von Unternehmen. Im Interview mit manager-magazin.de warnt er vor Tricks und Finten: Als Arbeitsgrundlage taugt nur gegenseitiges Vertrauen.

mm.de:

Herr Kiefer, haben Sie schon einmal in einer Bewerbung etwas hübscher formuliert?

Kiefer: In die Versuchung bin ich nicht gekommen. Um ehrlich zu sein: Ich habe mich bisher nur einmal schriftlich beworben, direkt nach meinem Studium. Alle anderen Vorstellungsgespräche kamen durch persönliche Kontakte oder die Vermittlung von Personalberatern zu Stande.

mm.de: Sie Glücklicher. Ihre amerikanische Konzernmutter hat im vergangenen Jahr drei Millionen Mal Bewerbungen überprüft. Es gab Unregelmäßigkeiten bei rund zehn Prozent der Unterlagen. Wie hoch ist die Quote in Deutschland?

Kiefer: Noch können wir das nicht sagen. In Deutschland bieten wir entsprechende Überprüfungen erst seit diesem Monat an. Verlässliche Zahlen können wir frühestens in einem Jahr liefern.

mm.de: Mit welcher Art von Unregelmäßigkeiten muss man rechnen, wenn man eine Stelle ausschreibt?

Kiefer: Meist geht es um das Auslassen von Informationen, die den Bewerbern unangenehm sind. Sei es, dass sie Vorstrafen nicht angeben, sei es, dass sie finanzielle Probleme haben, mit denen sie für bestimmte Positionen - etwa im Kreditwesen - nicht infrage kommen. In Amerika sind außerdem die Driving Records ein großes Thema, vergleichbar den Punkten in Flensburg. Ein sauberer Driving Record gilt als Seriositätsbeweis. Solche Prüfungen wird es aber auch in Zukunft bei uns nicht geben. Interessant ist Flensburg nur, wenn sich jemand als Fahrer bewirbt.

mm.de: Wie ist denn die Rechtslage? Was muss ein Bewerber von dem, was Sie genannt haben, angeben?

Kiefer: Das Punktekonto ist Ihre Privatsache, letztlich auch die Kreditwürdigkeit. Ist allerdings jemand vorbestraft, so hat er seinen potenziellen Arbeitgeber davon zu unterrichten.

mm.de: Wie hat sich das Problem in den vergangenen Jahren entwickelt? Wird in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit mehr geschummelt als sonst?

Kiefer: Es wird Sie überraschen, aber das Gegenteil ist der Fall: Je höher die Arbeitslosigkeit, desto weniger wird getrickst.

mm.de: Wie erklären Sie sich das?

Kiefer: Im Moment sind die Ausschreibungen viel gezielter und spezifischer als in Boom-Zeiten, in denen Stellenangebote offener formuliert werden. Damit findet schon beim Leser der Stellenanzeige eine Vorauswahl statt. Ich denke, dass sich in solch einer Situation viele mit ihrer Bewerbung zurückhalten, statt relativ wahllos auf alle Stellen zu reagieren, die entfernt infrage kommen könnten.

Wenn der eigene Lebenslauf aber ohnehin recht gut zur Stellenbeschreibung passt, dann ist die Versuchung auch geringer, ihn mit einem "Feintuning" passend zu machen. Darüber hinaus glaube ich, dass die Angst aufzufliegen größer ist, weil Firmen ihre Bewerber sorgfältiger auswählen können.

Wenig Arbeit - wenig Mogeleien

Wenig Arbeit - wenig Mogeleien

mm.de: Ist diese Einschätzung richtig?

Kiefer: Ja. Heute sucht man schließlich nicht mehr 50 Berater, sondern zwei - wenn's hoch kommt. Wir merken das auch bei unseren eigenen Services. Wo wir vor wenigen Jahren noch ein bis zwei Gespräche pro Bewerber geführt haben, sind es heute zwei bis drei, und oft findet zusätzlich ein Assessment-Center statt. Da fliegen die meisten Ungereimtheiten auf.

mm.de: Gibt es Berufsgruppen, die den eigenen Lebenslauf bereitwilliger schönen als andere?

Kiefer: Da will ich niemandem zu nahe treten ... Im Ernst: Das lässt sich aus unseren Erfahrungen nicht ablesen.

mm.de: Ist das auch eine Frage der technischen Möglichkeiten?

Kiefer: Vielleicht. Generell gilt, der technische Standard bei der Gestaltung von Bewerbungen ist inzwischen überall enorm hoch. Immer mehr Bewerbungen haben den Charakter einer Broschüre - der PC hat die Möglichkeiten potenziert. Ich halte das für keine gute Tendenz. Natürlich sollten gewisse Formalien bei einer Bewerbung eingehalten werden. Aber Farbdruck, fünfzig Schrifttypen und ein Umschlag im Kaufwert von zehn Euro sind überflüssig.

mm.de: Offensichtlich geben aber viele Bewerbungsberater Tipps in diese Richtung.

Kiefer: Das stimmt, aber dieser Trend begünstigt Talente, die oft gar nicht gesucht sind. Die Bewerber sollten sich auf ihre persönlichen Vorzüge konzentrieren. Ich finde es interessanter, auch die Sprünge im Lebenslauf stehen zu lassen, statt sie ständig glätten zu wollen. Das muss kein Nachteil sein. Mir sind bei der Auswahl Persönlichkeiten lieber als runde Lebensläufe.

mm.de: Online-Bewerbungen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, doch viele Arbeitgeber fürchten, dass sie auf diesem Bewerbungsweg häufiger betrogen werden könnten. Zu Recht?

Kiefer: Das glaube ich ganz und gar nicht. Wir sind an sich sehr froh über diesen Trend, weil er das Bewerbungsverfahren für Unternehmen wie Bewerber günstiger macht.

mm.de: Aber bei der Online-Bewerbung ist die Echtheit von gescannten Dokumenten praktisch nicht zu überprüfen.

Kiefer: Ob Internet oder Postweg - die Mechanismen zur Überprüfung eines Kandidaten sind immer die gleichen. Letztlich zählen das Gespräch und der persönliche Eindruck. Die Frage nach der Echtheit eines Dokumentes stellt sich dann oft gar nicht mehr. Ihr neuer Arbeitgeber wird sehr schnell herausfinden, ob Sie eine bestimmte Schulung, die Sie für die neue Position benötigen, tatsächlich gemacht haben. In der Regel stellt sich das schon beim Erstgespräch heraus - und wer will sich da schon eine Blöße geben? Wenn Sie den Nachweis über angegebene Fertigkeiten nicht erbringen, spielt es eine untergeordnete Rolle, ob Ihr Zertifikat echt war.

"Was soll ich sagen? Der ist ganz nett ..."

"Was soll ich sagen? Der ist ganz nett ..."

mm.de: Wie sieht generell eine Bewerbungsüberprüfung vor dem Gespräch aus?

Kiefer: Da können wir in Deutschland aus Datenschutzgründen weniger tun als unsere amerikanischen Kollegen. Wir prüfen, ob alle dargestellten Abläufe plausibel sind und mit den eingereichten Unterlagen zusammenpassen. Sind Referenzen angegeben, besteht die Möglichkeit, sich telefonisch über den Bewerber zu erkundigen. Es passiert häufig, dass Referenzen aufgeführt werden, die davon gar nichts wissen. Das erzeugt großes Erstaunen: "Nett, dass ich als Referenz angegeben wurde, da weiß ich aber jetzt nix von." So etwas erzeugt wiederum bei uns großes Erstaunen.

Diesen Organisationsaufwand sollte ein Bewerber also schon betreiben, dass er die Personen vorher informiert, die er als Referenz angibt. Denn wenn dann Sätze fallen wie: "Was soll ich Ihnen sagen? Der ist eigentlich ganz nett", dann werden auch Bewerber ausgesiebt, die ansonsten interessant sind.

mm.de: In welchen Fällen können Sie aus Gründen des Datenschutzes nicht weiter recherchieren?

Kiefer: Grundsätzlich können immer nur Angaben überprüft werden, die der Bewerber selbst macht.

mm.de: Aber es ist doch niemand verpflichtet, sich im Bewerbungsgespräch zu belasten.

Kiefer: So ist es. Schließlich handelt es sich um ein Bewerbungsgespräch und nicht um ein Verhör. Man darf nie vergessen, Mitarbeit braucht eine Vertrauensbasis, und man ist schlecht beraten, diese schon beim Bewerbungsgespräch zu untergraben. Es macht keinen Sinn, sich als Arbeitgeber im Bewerbungsverfahren von Misstrauen leiten zu lassen. Die Grundannahme sollte immer sein, dass die Unterlagen korrekt sind. Und nicht zuletzt hat der neu Eingestellte eine Probezeit zu absolvieren.

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