Michail Chodorkowski Letzter Schuss vor den Bug

Wenn es um Macht in Russland geht, kann sich der Öl-Magnat Michail Chodorkowski mit Präsident Putin messen. Doch der lässt jetzt die Muskeln spielen: Eine Vorladung beim Generalstaatsanwalt deuten Beobachter als letzte Warnung aus dem Kreml.

Moskau - Als der Milliardär das Justizgebäude verließ, gab er sich extrem wortkarg. Nein, zu den geschäftlichen Aktivitäten des Yukos-Konzerns sei er nicht befragt worden, sagte er, schob die Mikrofone beiseite und verschwand in seiner Limousine.

Die Zurückhaltung des 40-Jährigen ist ein Indiz dafür, wie ernst er den Konflikt mit der Staatsmacht einschätzt. Seit Wochenbeginn bereits sitzt einer seiner engsten Vertrauten, der Manager Platon Lebedjew, in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Betrug und Diebstahl von Staatseigentum.

Dass sich die Vorwürfe gerichtsfest belegen lassen, daran glaubt in Russland zwar niemand. Die Vorladung von Chodorkowski selbst aber ist ein deutliches Signal der Behörden in einem Spiel um Geld und Einfluss.

Über die Hintergründe der Ermittlungen ranken sich deshalb die verschiedensten Spekulationen. Während manche Investoren befürchten, dass damit die Annullierung der umstrittenen Privatisierungen in Russland Mitte der neunziger Jahre eingeleitet werden könnte, dienen die Aktivitäten der Generalstaatsanwaltschaft nach Einschätzung von politischen Beobachtern wohl eher dazu, dem Ansehen Chodorkowkis zu schaden, der in letzter Zeit immer unverhohlener seine politischen Ambitionen durchblicken ließ. Wie es heißt, schiele er sogar auf das höchste Staatsamt.

Gentlemen's Agreement - über den Haufen geworfen?

Damit aber würde Chodorkowski gegen eine Verabredung verstoßen, die Russlands Präsident Wladimir Putin mit den Magnaten des Landes getroffen haben soll: Demnach schützt der Kreml-Chef angeblich die Entfaltung der Großkonzerne vor möglichen Nachstellungen der Justiz. Im Gegenzug sollten sich die Konzernchefs aus der Politik heraushalten.

Chodorkowski gehört zu der Handvoll Industrieller, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in den frühen neunziger Jahren den Grundstein für ihre Milliardenimperien legten. Durch seine guten Drähte zu den neuen Kreml-Herren war es ihm gelungen, Ölförder-Rechte und ehemals staatliche Unternehmen zu Schleuderpreisen zu kaufen und zu einem modernen Konzern zu formen, der auch westlichen Kapitalmarkt- und Management-Standards gerecht wird. Trotzdem ist Chodorkowski den Ruch, sein Vermögen durch Korruption erworben zu haben, nie ganz los geworden.

Yukos gibt bei Expansionen Gas

Kern seines heutigen Konzerns ist der Öl-Produzent Yukos, der erst im April die Übernahme des kleineren Konkurrenten Sibneft bekannt gegeben hatte. Nach der Transaktion, die bis zum Ende dieses Jahres abgeschlossen sein soll, wird Yukos das größte Unternehmen in ganz Russland sein - noch vor dem Erdgas-Produzenten Gasprom.

Auch im internationalen Vergleich kann sich Chodorkowskis Konzern sehen lassen. Nach der Fusion wird Yukos gemessen an der Fördermenge ähnlich groß sein wie die Öl-Riesen BP und Shell.

Ob Chodorkowski seinen ungeheuren Reichtum im Poker um politischen Einfluss letztendlich erfolgreich einsetzen kann, wird von Kennern der Szene allerdings bezweifelt. Denn Putin hat den Staatsapparat fest im Griff und kann zudem sein Vorgehen gegen Yukos nutzen, um sein Ansehen in der Bevölkerung zu mehren. Im Ringen um die öffentliche Meinung hat Chodorkowski keine Chance - Kapitalisten wie er sind bei den Russen so verhasst wie zu unseligen Sowjetzeiten.

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