Gewerkschaftskrise Morgenluft für Berthold Huber

Berthold Huber, Pragmatiker mit Patchwork-Biografie, ist Klaus Zwickels Wunschkandidat für den Chefposten bei der IG Metall. Trotzdem wurde der Traditionalist Jürgen Peters nominiert. Dessen Streik-Pleite eröffnet Huber ganz neue Karriereperspektiven.

Stuttgart - Mit der Krise in der IG Metall nach dem gescheiterten Streik in Ostdeutschland könnte seine große Stunde schlagen: Berthold Huber, Chef des einflussreichen Metallbezirks Baden-Württemberg und von vornherein Wunschkandidat des scheidenden Gewerkschaftsvorsitzenden Klaus Zwickel für dessen Nachfolge.

Im April hatten sich die jahrelang gehegten Hoffnungen Hubers noch zerschlagen, als der Vorstand den Gewerkschaftsvize Jürgen Peters für den Chefposten nominierte. Doch das Debakel um die angestrebte 35-Stunden-Woche im Osten und die damit verbundenen Rücktrittsforderungen an den Traditionalisten Peters eröffnen dem Schwaben neue Chancen.

Vielen innerhalb der Gewerkschaft gilt der 53-jährige Huber seit geraumer Zeit als Hoffnungsträger. Und auch in der Politik genießt der gebürtige Ulmer ein hohes Ansehen. Realistisch, pragmatisch, reformoffen - Huber werden viele Eigenschaften zugeschrieben, die für eine Modernisierung der Gewerkschaft von Nutzen wären. Anders als sein Kontrahent Peters, der mit Wortgewalt und dem Beschwören der alten Werte zu überzeugen versucht, verkörpert Huber eher den leisen, aber beharrlichen Vordenker und Intellektuellen.

Huber sollte eigentlich Priester werden

Die Karriere des Gewerkschafters verlief eher untypisch. Als Spross einer Großfamilie mit katholisch-humanistischer Prägung sollte Huber eigentlich Priester werden. Doch er entschied sich nach dem Abitur für eine Werkzeugmacherausbildung und trat 1974 in die Firma Kässbohrer - heute Evo-Bus - ein. Früh engagierte er sich für die IG Metall und wurde dort schon in jungen Jahren Betriebsratsvorsitzender. Dann folgte ein ungewöhnlicher Schwenk in die Geisteswissenschaften: Von 1985 bis 1989 studierte Huber an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main Geschichte, Philosophie und Politik.

Nach Abbruch des Studiums trat Huber hauptamtlich in den Dienst der IG Metall ein und war zunächst am Aufbau der Arbeitnehmervertretungen in Ostdeutschland beteiligt. Es folgte ein rascher Aufstieg auf der Karriereleiter: 1991 wurde Huber unter dem damaligen Gewerkschaftsboss Franz Steinkühler Leiter der Abteilung Erster Vorsitzender in der Frankfurter Zentrale, von 1993 bis 1998 koordinierte er als Abteilungsleiter die Tarifpolitik.

Den Bezirk Baden-Württemberg, traditionell ein Sprungbrett für die höchsten Vorstandsposten der Gewerkschaft, führt Huber seit Dezember 1998 an. Unter ihm wurde die lange Reihe von Pilot-Tarifabschlüssen für das gesamte Bundesgebiet fortgesetzt. So wurde der Tarifkonflikt 1999 im Rahmen einer Schlichtungsverhandlung im Südwesten unter der Vermittlung von Ex-SPD-Chef Hans-Jochen-Vogel beigelegt. Auch im vergangenen Jahr wurde die Tarifrunde in Baden-Württemberg besiegelt. Mit einer neuen Streiktaktik, die auf gezielte Nadelstiche statt lähmende Flächenstreiks setzte, konnte Huber einen weiteren Pilotabschluss durchsetzen. Zweistufige Tariferhöhungen um 4,0 und 3,1 Prozent sowie eine Einmalzahlung von 120 Euro kamen dabei heraus.

Die "Tandem-Lösung" steht nun auf der Kippe

Auch abseits der Lohnrunden wurde der Bezirk unter Huber seiner Vorreiterrolle mehrmals gerecht, etwa mit dem Qualifizierungstarifvertrag, der die Weiterbildung der Südwest-Metall regelt. Und erst in der vergangenen Woche wurde in Baden-Württemberg nach rund zehnjähriger Verhandlung der neue Entgeltrahmentarifvertrag (ERA) beschlossen, mit dem die Einkommen von Arbeitern und Angestellten angeglichen werden sollen. Vergleichbares brachten bislang nur die Tarifparteien in Norddeutschland zustande. Für Huber eines der wichtigsten Projekte seiner bisherigen Laufbahn.

Im April galt Huber als heißer Kandidat für die Zwickel-Nachfolge. Doch im Vorstand kam es bei der entscheidenden Sitzung zu einem Stimmen-Patt. Schließlich legte man sich auf eine "Tandem-Lösung" fest - mit Peters als Gewerkschaftschef und Huber als Vize. Der neuerliche Sprung nach Frankfurt ist Huber damit unabhängig vom Ausgang der gegenwärtigen Krise sicher. Die nächsten Tage werden voraussichtlich zeigen, ob er als zweiter Mann oder doch als erster Vorsitzender in die Zentrale einziehen kann.

Tanja Wolter, ddp

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