Chef-Orchester Schicksalsymphonie der deutschen Manager

Während andere eine Totenmelodie für den Standort Deutschland summen, stimmen 80 deutsche Manager Beethovens Fünfte an. "The Management Symphony" im Leipziger Gewandhaus ist Musikereignis, Ehemaligentreff und Führungskräftetraining in einem.

Leipzig - Sachte hebt Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt den Dirigentenstab - und 80 deutsche Manager, sonst das letzte Wort gewohnt, sind mucksmäuschenstill. Bereits zum fünften Mal treffen sich die Mitglieder von "The Management Symphony", einem Orchester aus Führungskräften der deutschen Wirtschaft in Leipzig, um vier Tage lang das Notebook mit dem Notenpult zu tauschen.

Auf dem Programm steht Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie - auch "Schicksals-Sinfonie" genannt. Ein heiteres Werk würde schlecht zur düsteren Stimmung in der deutschen Wirtschaft passen.

"In deutschen Vorstandsetagen und Banken sitzen begabte Musiker", sagt Blomstedt nach der ersten gemeinsamen Probe. Doch Beethoven habe seine Tücken. "Das Stück ist so bekannt, das viele denken, es sei leicht zu spielen", sagt er. Der langjährige Chef der Dresdner Staatskapelle und der San Francisco Symphony legt Wert auf die Nuancen. Deswegen lässt er die musizierenden Manager ihr wackeliges Crescendo wieder und wieder durchpauken - noch einmal ab dem Tutti-Einsatz, bitte!

"Musizierende Manager haben keine Krise"

Anders als in den Vorjahren fehlen dieses Jahr die großen Namen im Orchester. Die Angst vor der Rezession geht um, und viele Bosse bangen um das Überleben der eigenen Firma. Andere hingegen schöpfen aus der Musik neue Kraft. "Manager, die ein Instrument spielen, haben keine Krise. Und wenn doch, dann bewältigen sie das durch Musik", sagt Peter Gartiser, einer der beiden Initiatoren.

Mit von der Partie ist auch der frühere Leipziger Oberbürgermeister und Bratschist Hinrich Lehmann-Grube. Leipzigs amtierendes Stadtoberhaupt, der passionierte Cello-Spieler Wolfgang Tiefensee (SPD), ließ sich wegen seines vollen Terminkalenders entschuldigen.

"Ich habe mich schon so lange auf das Konzert gefreut", sagt Otmar Zwiebelhofer am Violoncello, Vizepräsident des Gesamtverbandes der metallindustriellen Arbeitgeber. Nach vier Wochen Streiks und dem Kampf um die 35-Stunden-Woche in der ostdeutschen Metallindustrie sei das Intermezzo in Leipzig eine kleine Auszeit. "Ich bin für drei Tage einfach nicht zu erreichen. Ist das nicht herrlich", jubiliert er. Außerdem habe die Veranstaltung auch pädagogischen Wert. "Ob Professor oder Direktor, jeder muss sich unterordnen. Wichtig ist nur, den Einsatz zu finden und den eigenen Part zu beherrschen."

Unterschiedliche Branchen: Die Mischung macht's

Doch nicht jeder, der ein Instrument spielen kann, wird in den illustren Kreis aufgenommen. Neben einschlägigen Referenzen müssen die Aspiranten ihre Kenntnisse mit einer musikalischen Vita belegen. "Von den 125 Bewerbern haben wir dieses Jahr 80 eingeladen", sagt Violinist Gartiser. Neben dem musikalischen Gleichklang achtet er auf die Mischung aus Vertretern unterschiedlicher Branchen. Sie alle bekommen die Noten ein Vierteljahr vorher zugeschickt. Und dann heißt es: Üben, üben, üben.

Doch mit den Einzelstimmen ist es nicht getan. "Das Zusammenspiel ist das schwierigste dabei", so Hinrich Lehmann-Grube. Seit Gründung der "Management Symphony" hat er sich keine Probe entgehen lassen. "Am wichtigsten ist der menschliche Zusammenhalt. Das Berufliche tritt in den Hintergrund", meint er. Immer wieder faszinierend sei, unter dem Top-Dirigenten Blomstedt zu arbeiten. "Er ist ein begnadeter Pädagoge mit der einzigartigen Mischung aus Strenge, Güte und Humor."

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