Amazon Jeff vom Jupiter

Der milliardenschwere Chef des Online-Versandhauses, Jeff Bezos, hat noch Träume. Insgeheim lässt er sich eine eigene Weltraumfähre bauen, um damit die anderen Superreichen im Silicon Valley zu übertrumpfen.

New York - Die Stellenausschreibung ist kurz und prägnant. Vier Grundqualifikationen werden darin aufgelistet: Der Bewerber muss "in einer kleinen Firma arbeiten wollen", "ein Bastler sein" und "zu den technisch Begabtesten seines Feldes zählen". Und, nicht zu vergessen, "eine ehrliche Leidenschaft für den Weltraum haben".

Blue Origin LLC heißt das mysteriöse Unternehmen, das über seine tiefblaue Website um Experten in "Flugmechanik, Avionics, GNC-Software und Systemintegration" wirbt. Deren Job werde es sein, "Raumschiffe und Abschussvorrichtungen" zu entwickeln - "mit dem Endziel, zu einer dauerhaften Präsenz des Menschen im All beizutragen". Und zwar, wie es weiter selbstbewusst heißt, sicher und billig.

Strengste Geheimhaltung

Sicher, billig und - anders als die Regierungsbehörde Nasa - privat. Der Kopf und Finanzier hinter der Firma, die ihren Sitz in einem Warenhaus in Seattle hat, ist der schwerreiche Online-Pionier Jeff Bezos. Dessen Internet-Versandhaus Amazon.com machte 2002 knapp vier Milliarden Dollar Umsatz und katapultierte seinen jungen Gründer und CEO damit auf die "Forbes"-Liste der 100 reichsten Amerikaner.

Nun steht dem 39-jährigen Selfmade-Milliardär der Sinn nach unendlichen Weiten anderer Art. Offiziell will er nicht über seinen Ableger Blue Origin reden: "Jeder Kommentar wäre verfrüht." Dennoch sickern immer mehr Details über das Unterfangen durch.

Blue Origin, im Jahr 2000 unauffällig gegründet und bis heute nur unter seinem Alias Blue Operations im Telefonbuch zu finden, beschäftigt längst ein paar Dutzend hochkarätige Experten: Physiker, frühere Nasa-Leute, Erfinder, selbst der Science-Fiction-Kultautor Neal Stephenson ("Cryptonomicon") ist mit von der Partie. Um das Thema "Aerospace" kümmert sich beispielsweise Jim French, der in den achtziger Jahren für das Jet Propulsion Laboratory der Nasa arbeitete. Chefingenieur Tomas Svitek sammelte bei den Weltraum-Startups Transorbital und Blastoff einschlägige Erfahrung. Amazon-Vizepräsident und Chefjustitiar Alan Caplan kümmert sich bei Blue Origin um Patentfragen.

Unter strengster Geheimhaltung werkelt das Team an einem neuartigen Raketen- und Antriebssystem, das schon innerhalb der nächsten Jahre eine wiederverwendbare, landefähige Weltraumfähre mit bis zu sieben Menschen an Bord ins All schießen soll. Das futuristische Gerät hat sogar schon einen Namen: "New Shepard" - ein Tribut an Alan Shepard, den ersten Amerikaner im All.

214 Milliarden Dollar Gewinn

Wie ernst es Bezos ist, erschließt sich bei einem kurzen Blick in seine Biografie. Sein Großvater forschte in der Weltraum-Technologie. Bezos selbst war schon als Kind fasziniert von futuristischen Erfindungen. Aus einem Spielzeugroboter und einem kaputten Regenschirm baute er ein "solares Kochgerät", einen Hoover-Staubsauger verwandelte er in ein Hoover-Luftkissenfahrzeug.

Er wollte Astronaut werden - nein, "Weltraum-Unternehmer", erinnert sich sein einstiger Lehrer Bill McCreary. In seiner High-School-Abschlussrede in Miami prophezeite Bezos 1982 die Kolonialisierung des Alls, auf dass die Zukunft der Menschheit gesichert werde. Als eine ehemalige Schulfreundin vor ein paar Jahren juxte, er habe Amazon nur gegründet, um genug Gelder für seine persönliche Weltraumstation zu sammeln, erwiderte Bezos sybillinisch: "Ich fände es nicht schlecht, dabei mitzuhelfen."

"New Shepard" soll offenbar nur der Anfang sein. Kürzlich ließ sich Bezos von Wissenschaftlern des California Institutes for Technology das Konzept der privaten Space Station "Heliopolis" präsentieren. Demnach soll "Heliopolis" ein "profitabler, selbstständiger Stützpunkt der Menschheit im All" werden. Zu erbauen bis zum Jahr 2039, werde das Projekt nach Abgeltung der Investitionskosten von 105 Milliarden Dollar 214 Milliarden Dollar Gewinn abwerfen - pro Jahr. Dafür sollen "Tourismus, Asteroiden-Bergbau und künftige Weltraum-Abenteuer" sorgen.

Lesen Sie im zweiten Teil, welche Stars der Net-Economy mit Bezos um den ersten Platz im All kämpfen.

Stars der Net-Economy balgen um den 1. Platz im All

Das Versprechen eines buchstäblich astronomischen Geschäfts lockt neben Bezos aber auch andere Internet-Größen ins All-Geschäft. Elon Musk, 31, Gründer der Online-Finanzfirma Paypal, baut in einer Fabrik in Kalifornien mit Hilfe von 20 Ingenieuren an einer Rakete namens "Falcon" (Falke), die von Flüssig-Wasserstoff und Flugbenzin angetrieben wird. Die "Falcon" soll im kommenden Jahr schon getestet werden und privaten Satellitenfirmen später eine Billigalternative zur Nasa bieten.

John Carmack, 32, der Erfinder von Computerspielen wie "Doom" und "Quake", steckt sein ganzes Vermögen in die texanische Firma Armadillo Aerospace. Die entwickelt eine Recycling-Rakete mit einem Fallschirm zur sanften Landung.

Mit dem Gerät bewirbt sich Carmack um den mit zehn Millionen Dollar dotierten Weltraum-Preis "X Prize". Den hat eine Privatstiftung in St. Louis, der Heimatstadt von Flugpionier Charles Lindbergh, für den erfolgreichen Versuch ausgeschrieben, drei Personen in 100 Kilometer Höhe zu befördern (dort beginnt offiziell das All), sicher zur Erde zurückzubringen und das Ganze innerhalb zweier Wochen fehlerfrei zu wiederholen. Sinn des Wettbewerbs: "Reisen ins All für alle zu ermöglichen".

Zähne ausbeißen

Zwei Dutzend Teams bewerben sich um den Preis. Darunter auch der Flugzeugdesigner Burt Rutan, der jetzt die Entwürfe für die Raumschiffe "SpaceShipOne" und "White Knight" vorstellte. Angeblich hat hier ein weiterer Amerikaner die Hände im Spiel, der mit Informationstechnologie Milliarden scheffelte: Microsoft-Mitgründer Paul Allen. Auch dessen Faible fürs All ist bekannt: Er spendete 11,5 Millionen Dollar zur Suche nach außerirdischen Lebewesen und plant ein Science-Fiction-Museum.

Dass die Internet-Gurus plötzlich von neuen Sphären träumen, ist für Space-Unternehmer Musk kein Wunder. "Mögen sich die Besten der Welt an dieser Darwin'schen Auslese die Zähne ausbeißen", sagt er.

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