Donnerstag, 20. Juni 2019

Mannheimer Schreiber tritt zurück

Der Vorstandschef der schwer angeschlagenen Versicherungsgruppe Mannheimer AG, Hans Schreiber, ist zurückgetreten. Er zog damit die Konsequenzen aus der Finanzkrise des Unternehmens.

Frankfurt - Schreiber werde mit sofortiger Wirkung vom 13. Juni 2003 seine Ämter niederlegen, teilte die im SDax gelistete Mannheimer AG Holding Börsen-Chart zeigen mit. Lothar Stöckbauer sei zum neuen Sprecher des Vorstandes ernannt worden.

Gescheitert: Ex-Mannheimer-Chef Schreiber
Der Hauptgrund: Kurz vor dem 125-jährigen Bestehen steckt der Versicherungskonzern in seiner schwersten Krise. Der einstige Garant für zweistellige Millionengewinne ist 2002 mit 50 Millionen Euro in die Verlustzone gerutscht. Fallende Aktienkurse und sinkende Kapitalmarktzinsen haben die Bewertungsreserven des Konzerns kräftig gedrückt. Er braucht schnell frisches Kapital. Für die Krise machen Experten schon seit langem Ex-Chef Schreiber verantwortlich.

Mit atemberaubender Geschwindigkeit krempelte der gelernte Psychologe Mitte der 90er Jahre den ehemaligen Transport- und Industrieversicherer um, setzte fortan verschärft auf das Geschäft mit Lebens- und Krankenversicherungen. Der Erfolg gab ihm zunächst Recht. Die Gewinne sprudelten. Die Wachstumsstory kam an, die positiven Schlagzeilen waren Schreiber sicher. Doch mit der einsetzenden Börsenbaisse schmolzen die Bewertungsreserven, das Geschäft wurde immer schwieriger. Die Aktie kannte nur noch eine Richtung - abwärts. Seit dem Höchstkurs bei rund 75 Euro Mitte Januar 2001 hat das Papier rund 88 Prozent verloren.

"Der Markt hat immer Recht, ist aber unfair"

"Der Markt hat immer Recht, ist aber unfair", sagt Schreiber. In diesen Worten schwingt eine gehörige Portion Trotz mit. Es sind die Worte eines selbstbewussten, erfolgsverwöhnten Geschäftsmannes, der auf getunte Dienstwagen ebenso viel Wert legt wie kostspielige Äußerlichkeiten. "Schreiber ist dominant, ein Jäger, aber ein wenig beratungsresistent. Und er mag sich, er mag sich sehr", bestätigt ein Insider. Er habe einen Hang, Modetrends intensiv zu folgen. "Das war nicht nur bei Aktien so."

Die geringe Marktkapitalisierung indes macht das Unternehmen zu einem potenziellen Übernahmekandidaten - für Schreiber vermutlich ein Alptraum. "Seine große Panik war immer, dass er als mittelgroßes, börsennotiertes Unternehmen geschluckt wird", sagt der Insider. Deshalb habe er den schnellen Erfolg gesucht, mit aller Macht auf Wachstum gesetzt, um die Übernahmegefahr zu bannen. "Dabei sind ihm die Pferde durchgegangen. Er war zu ungeduldig für so ein Geschäft", urteilt der Branchenkenner.

Um eine Lebens- und Krankenversicherungen groß und erfolgreich zu machen, bedürfe es weit mehr Zeit, als sich Schreiber offenbar selbst zugestanden hat. "Das sind Generationenprodukte, und die vertragen keine hektischen Bewegungen. Da muss man mit einer sehr langfristigen Strategie rangehen", urteilt der Branchenkenner. Das Tempo, das Schreiber beim Ausbau dieser Personenversicherungen vorgelegt habe, sei schlicht zu hoch und sein eigentlicher "strategischer Fehler" gewesen, konstatieren auch andere Experten.

Zerschlagung nicht ausgeschlossen

Die Zukunft des Mannheimer Versicherungen ist ungewiss. Sicher ist aber: die Holding kann weitere Verluste ihrer Töchter kaum noch abfangen und benötigt dringend Geld. Eine Kapitalerhöhung wäre aus Perspektive des Konzerns die beste Lösung. Sollten hier alle Großaktionäre einwilligen, wonach es derzeit nicht aussieht, bleibt immer noch offen, ob damit genügend Geld in die Kassen kommt.

Variante zwei ist, dass die Mannheimer ihr 125-jähriges Bestehen im kommenden Jahr unter dem Dach eines neuen Großaktionärs und Eigentümers feiern. Eine Zerschlagung des Konzerns ist dann allerdings nicht mehr auszuschließen.

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