New York "Mikes schöner Mist"

Michael Bloomberg ist so unbeliebt wie seit Jahrzehnten kein New Yorker Bürgermeister mehr. Bis heute überschattet von seinem Vorgänger, dem kernigen Volkshelden Rudy Giuliani, wird er inzwischen für alles verantwortlich gemacht, was in der Millionenmetropole schief läuft - vom Milliardenloch im Haushalt bis zum schlechten Wetter.

New York - Die Braut trug Weiß, der Bräutigam Schwarz mit Sternenbanner am Revers. Unter den 400 VIP-Gästen: Henry Kissinger, Lord und Lady Rothschild, Donald Trump. Solch einen Auftrieb hatte New Yorks Bürgermeisters-Residenz Gracie Mansion in 200 Jahren nicht gesehen. "Gott muss ein Republikaner sein", gurrte die Klatschkolumnistin Cindy Adams.

Doch der Glamour-Akt auf Manhattans Upper East Side galt nicht dem Hausherrn selbst, sondern dessen Vorgänger.

Als Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani am vorvergangenen Wochenende seiner Lebensgefährtin Judith Nathan ewige Liebe schwor, öffnete ihm Amtsnachfolger Michael Bloomberg noch mal die Tore zur alten Wirkstätte Gracie Mansion. Es war bezeichnend, dass der 61-Jährige seinem politischen Übervater Giuliani an jenem Maisonntag freiwillig Rampenlicht und Hausrecht abtrat - als habe er die Ausweglosigkeit der eigenen Lage längst akzeptiert. Dem langen Schatten des Nationalhelden entkommt er nicht.

Im Gegenteil: Am Vorabend seiner bisher größten Schlacht, der am Donnerstag stattfindenden Stadtratsdebatte um den Pleitehaushalt der Millionenmetropole, steht Bloomberg vor einem politischen Scherbenhaufen. Lange nicht mehr hat ein Bürgermeister so tief im Umfrageloch gesteckt. Gerade mal 32 Prozent der New Yorker sind mit dem Republikaner zufrieden. Die meisten halten ihn zwar für intelligent, doch nur 40 Prozent würden ihn zum Dinner einladen. "Mikes schöner Mist", schlagzeilt die "New York Post".

Gemeinsam auf den Putz hauen, gemeinsam verhungern

Die Lokalpresse macht Bloomberg längst nicht mehr nur für die schlimmste Finanzmisere seit Generationen verantwortlich. Oder für die astronomischen Kommunalsteuern, die Rekord-Arbeitslosigkeit, die wachsende Obdachlosigkeit, die neu aufflammende Polizei-Brutalität. Inzwischen soll er allen Ernstes auch schuld sein am verregneten Frühling, dem Bloomberg gern zum Golfen nach Bermuda entfleucht, wo er ein Ferienhaus hat.

Das ist nicht nur für Bloomberg, der vor eineinhalb Jahren mit einem Popularitätswert von 65 Prozent angetreten war, ein neues Tief. Der letzte Chef der City Hall, der in solche Missgunst absank, war Giulianis schwarzer Vorgänger David Dinkins, dessen Amtszeit von Rassenunruhen und Kriminalität geprägt war.

Bloombergs Probleme liegen woanders. Und viele davon sind nicht mal selbst gemacht, sondern aus Giulianis Heldenzeiten geerbt.

Allen voran die Haushaltsverschuldung. Nach dem Ende von Börsenboom und Dotcom-Illusion, dem Terror des 11. September 2001 (der die Stadt 120.000 Arbeitsplätze kostete) und einer US-weiten Rezession steht New York vor dem Bankrott.

Die Bürger sollen bluten

Der vierfache Milliardär, doch Polit-Laie Bloomberg ging das schwere Erbe genau so an wie seinen Medienkonzern Bloomberg L.P., den er in 20 Jahren aus dem Nichts zu einem Konglomerat mit 8200 Angestellten in 126 Ländern aufbaute: Nachdem er seinen Rathaus-Sieg 2001 mit fast 75 Millionen Dollar aus eigener Tasche finanziert hatte, setzte Bloomberg bei den Stadtfinanzen ganz auf Pump.

Das ging nicht lange gut. Und so klafft jetzt im Budget für 2003/4 ein Loch von 3,8 Milliarden Dollar - das entspricht dem gesamten Haushalt von Houston. Vor einer gnädigen Geldspritze des Bundesstaats New York waren es sogar 6,4 Milliarden Dollar.

Unter dramatischem Zeitdruck - der neue Haushalt muss zum 1. Juli stehen - versucht Bloomberg nun, zumindest noch Sparmaßnahmen von 620 Millionen Dollar durchzuprügeln. Darunter die größte Erhöhung der Immobilien- und Einkommenssteuern in der Geschichte New Yorks, die Schließung von sechs Feuerwachen, die Einschränkung der Müllabfuhr und die Entlassung von über 3000 städtischen Angestellten. Selbst das Metropolitan Museum of Art soll einige Galerien dicht machen.

Bluten sollen aber vor allem die Bürger - und ahnungslose Touristen. Denn 662,7 Millionen Dollar des Bloomberg-Haushalts sind prognostizierte Einnahmen aus Strafzetteln. New York, gruselt sich da die Bloomberg-freundliche "New York Times", drohe "der Sommer der Knöllchen".

Tauben füttern verboten

Das entsprechende Regelwerk, der City Code, ist tausende Seiten stark und untersagt den New Yorkern allerlei Abstrusitäten: über Feuerwehrschläuche zu fahren, bei Nacht Auktionen abzuhalten, Handschellen zu besitzen, beide Füße gleichzeitig vom Fahrradpedal zu nehmen. Ab sofort, droht Charles Sturcken vom Umweltamt, "wird alles geahndet".

So etwa das unsachgemäße Bündeln von Recycling-Papier (25 Dollar), die Beanspruchung von mehr als einem U-Bahn-Sitz (50 Dollar), das Füttern von Tauben (50 Dollar) und das Kramen in Mülltonnen (100 Dollar). Bloomberg hofft auf allein 1,7 Millionen zusätzliche Parkverbots-Knöllchen zu je 105 Dollar.

Die Polizei verkommt zur Kassierbehörde, klagt Patrick Lynch von der Polizeigewerkschaft, und startete sogleich die eine Anzeigenkampagne: "Don't blame the cop" - wir sind nicht dran schuld.

Schuld sind die Cops dagegen an jüngsten, schlagzeilenträchtigen Fällen polizeilicher Übergriffe. Die Zahl der Bürgerbeschwerden über Misshandlung durch Streifenbeamte ist seit Jahreswechsel um 18,2 Prozent auf 4616 angestiegen. Ende Mai erschoss ein Polizist bei einer Razzia auf ein Lagerhaus einen unbewaffneten schwarzen Antiquitätenhändler. Kurz zuvor war in Harlem die 57-jährige städtische Angestellte Alberta Spruill an Herzschlag gestorben, als ein Einsatztrupp aufgrund eines falschen Tipps mit Gasgranaten ihre Wohnung stürmte.

Bürgermeister ohne Botschaft

Unbeliebt machte sich Bloomberg zudem mit einer Reihe politischer Missgriffe. Sein Rauchverbot für alle öffentlichen Innenzonen, inklusive der 19.000 Restaurants der Stadt, hat die Raucher auf die Barrikaden getrieben. Allein 10,5 Milliarden Dollar jährlich verlören Firmen durch die Zigarettenpausen ihrer Angestellten vor der Tür, rechnete die "New York Post" vor.

Hinzu kommt Bloombergs sperrige Persönlichkeit. Trotz rührender Versuche, Herz zu zeigen (so unterdrückte er bei der Trauerfeier für Alberta Spruill sichtlich die Tränen), bleibt der Bürgermeister "ein Rätsel im Paul-Stuart-Anzug", findet die "New York Times".

Bloomberg ist eben nicht Giuliani. Seine Abneigung gegenüber öffentlichen Auftritten grenzt an eine Phobie. Die Schließung der Feuerwachen beichtete er den Feuerwehrleuten auf einer hastigen Rundfahrt durch drei Stadtteile. Die Demonstranten, die ihm dennoch vor der Feuerwache 212 in Brooklyn auflauerten, ignorierte er.

"Mayor ohne Message", nennt ihn der Politologe Andrew White. "Er muss lernen, dass die Zeitungen hier nichts verzeihen, dass jede harmlose Dinner-Bemerkung zur fetten Schlagzeile aufgeblasen wird", seufzt sein Pressesprecher Edward Skyler.

Rettungskampagne im Regen

Angetreten mit dem Gelübde, sich nicht von Interessengruppen und Gewerkschaften gängeln zu lassen, fehlt es Bloomberg nun an deren Rückendeckung. Alle sind sie mittlerweile gegen ihn: Stadträte, Lehrer, Feuerwehrler, Cops, Raucher. Bloomberg, so der legendäre Ex-Bürgermeister Ed Koch, vernachlässige außerdem das wichtigste Wähler-Potential der Stadt: "Moderate, Juden, die schwarze Mittelklasse."

Bloombergs Kommunikationsdirektor William Cunningham hat deshalb eine Rettungskampagne gestartet, um die versteckten Errungenschaften seines Chefs ans Licht zu bringen. Dazu zählen auch Veranstaltungen wie neulich die offizielle Eröffnung des Sommers, zu der sich Bloomberg auf die Promenade von Coney Island bemühte. "Nach einem langen, harten Winter", sprach er da, "freue ich mich, dass New Yorks Strände ab diesem Wochenende ihren Betrieb wieder aufnehmen."

Kurz darauf begann es zu regnen.