Deutsche Bank Ackermanns Retter

Ohne Anshu Jain hätte die Deutsche Bank ein Problem. Denn der Chef des Bereichs "Global Markets" erwirtschaftete 2002 mit Anleihen und Termingeschäften mehr als zwei Drittel des Gewinns. Wie abhängig ist Josef Ackermann vom Erfolg seines gewieften Investmentbankers?
Von Karsten Langer

Anshu Jain (40) ist für die Deutsche Bank auch in schwierigen Zeiten ein Garant für Prosperität. Der feingliedrige, eloquente und stets korrekt gekleidete Manager indischer Abstammung verwaltet seit über zwei Jahren den gegenwärtig profitabelsten Geschäftsbereich des Bankhauses, die Abteilung "Global Markets".

Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Netzwerk von mehr als 2800 Spezialisten, die Tag und Nacht die Märkte prüfen, Kursbewegungen analysieren oder Devistenbewertungen vergleichen. In der Abteilung ist das gesamte Renten- und Anleihengeschäft sowie das damit zusammenhängende Derivategeschäft angesiedelt, die Schaltzentrale ist in London.

Für die Zukunft der Deutschen Bank spielt Jain eine Schlüsselrolle. Gelingt es ihm, seinen Geschäftsbereich weiter auszubauen, kann sich das Bankhaus gerade im wichtigen Markt Nordamerika positionieren. Eine schwierige Aufgabe, denn die einschlägigen Investmentbanken und die Citigroup haben nicht die Absicht, Marktanteile kampflos abzugeben.

"Ich bin Gott"

Dennoch stehen die Chancen für Jain nicht schlecht. Ihm ist es gelungen, das von der Investmentlegende Edson Mitchell aufgebaute, von den Bankern auch liebevoll "Flow Monster" genannte Ungetüm nicht nur zu bändigen, sondern auf noch mehr Effizienz zu trimmen.

Mitchell, der vor zwei Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, soll einmal behauptet haben: "Ich bin Gott." Nach dem Tod des erfolgreichen Investmentbankers wusste Josef Ackermann erst nicht, wer Mitchell ersetzen sollte. Mit Anshu Jain hat er, wie sich im Nachhinein herausstellt, die richtige Wahl getroffen.

Jain stieß 1995 nach achtjähriger Tätigkeit bei Merrill Lynch zeitgleich mit Mitchell zur Deutschen Bank. Seine Ausbildung hatte er unter anderem bei der amerikanischen Elite-Uni Amherst absolviert, den MBA schob er mit 24 Jahren nach. Neben Kevin Parker und Michael Cohrs war Jain der vierte Kopf im Profitcenter um Edson Mitchell.

Ackermann: "Wir standen nah am Abgrund"

Als das Erfolgsquartett das internationale Kapitalmarktgeschäft der Deutschen Bank federführend übernahm, ging es der Investmentbank allerdings mitnichten gut. "Sie wissen gar nicht, wie nah wir Mitte der neunziger Jahre im Investmentbanking am Abgrund standen", gab Josef Ackermann erst Ende vergangenen Jahres zu.

Mit Jain und Mitchell zog auch die streng durchorganisierte Merril-Lynch Kultur in das Bankhaus in London ein. Die ist zwar durchaus umstritten, zeitigte aber umgehend Erfolg. Heute hat die Abteilung "Global Markets" internationale Bedeutung, zwei Drittel des Gewinns hat der Bereich im abgelaufenen Geschäftsjahr erwirtschaftet.

Im Gegensatz zu Mitchell genießt sein Nachfolger allerdings nicht den Ruf eines Söldnerführers. "Jain kann seine Mitarbeiter motivieren", heißt es aus dem engeren Umfeld des Investmentbankers. Unter anderem damit wird Jains Erfolg begründet.

Kleine Geheimnisse unter Freunden

Diese Meinung wird nicht überall geteilt. Mangelnde Fähigkeiten bei der Menschenführung werde ihm nachgesagt, wusste die "Financial Times Deutschland" anlässlich seiner Ernennung in den erlesenen Kreis des Group Executive Committees der Deutschen Bank zu berichten.

Auch über die Details des Erfolgs von Jain scheiden sich die Geister. Die einen behaupten, er wäre als Anhänger der Chaos-Theorie von Ralf Nelson Elliot schon vor Jahren short gegangen und hätte so der Deutschen Bank einen Milliardengewinn beschert. Das aber will Pressesprecher Weichert so nicht gelten lassen: "Der Bereich Global Markets profitiert vor allem vom anziehenden Derivategeschäft", so Weichert.

Andere Analysten glauben, Kreditderivate wären Jains Schlüssel zum Erfolg, die nächsten behaupten, nur wegen der (noch) guten Bonitätseinstufung des Bankhauses aus Frankfurt könnte das Derivategeschäft so profitabel betrieben werden. Jain selbst verhält sich zu den Spekulationen wie ein Gentleman: Er schweigt und genießt.

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