Müller-Milch Hier werden Sie gemolken

Früher, da waren die bayerischen Müller-Milchmänner eine große Familie. Und heute? Die engsten Vertrauten haben Theo Müller schon vor Jahren verlassen, Ivan Rebroff verklagte ihn. Jetzt zerren auch die Kleinaktionäre der Sachsenmilch AG Müller vor den Kadi. Was ist los mit Deutschlands Megamilchmann?
Von Karsten Langer

Hamburg - Einst war die ostdeutsche Sachsenmilch AG ein Sanierungsfall. Doch dann kam der westdeutsche Milchmillionär Theobald Müller. Der kaufte die insolvente Molkerei zum Spottpreis und sanierte sie mit Hilfe von Steuergeschenken und Investitionszulagen.

Der Sachsenmilch-Großaktionär, bundesweit bekannt durch die Marke Müller-Milch, erwirtschaftete mit dem Unternehmen in Leppersdorf bei Dresden schließlich hübsche Gewinne. Nicht nur, weil Rekordergebnisse erzielt wurden, sondern auch, weil die Molkerei jahrelang einen höchst lukrativen Verlustvortrag von über 125 Millionen Euro mit sich herumschleppte. Der garantierte Steuerfreiheit.

Nun ist aber der Herr Theobald Müller kein Mann, der gerne teilt. Deswegen hat er sich allerlei hübscher Bilanztricks bedient, um den kümmerlichen Rest der Kleinaktionäre nicht am Gewinn beteiligen zu müssen. Schon seit Jahren zahlt der Milchmogul keine Dividende. Stattdessen bildete er trotz der umfangreichen Verlustvorträge Jahr für Jahr Steuerrückstellungen. Allein 2001 wurden in der Bilanz 16,5 Millionen Euro unter diesem Posten ausgewiesen, vor drei Jahren waren es immerhin 6,2 Millionen Euro.

Erst vor ein kleines Gericht, dann vor ein großes

Den Kleinaktionären der Sachsenmilch gefiel das Verhalten des Herrn Müller gar nicht. Sie zogen erst vor ein kleines Gericht, dann vor ein großes. Die Klage, die eine Instanz nach der nächsten durchlief, ist unterdessen beim BGH vorstellig und droht in Justitias müden Mühlen verlustig zu gehen.

Denn inzwischen hat die Bundesregierung qua Reform die steuerliche Wirksamkeit von Verlustvorträgen drastisch reduziert. Der Klagegrund ist damit hinfällig. Außerdem mindert der vom Großaktionär geplante Kapitalschnitt von 750 : 1 die Erfolgsaussichten der Kleinaktionäre immens. Sollte der BGH grünes Licht für die Maßnahme geben, stünden Prozess- und Gutachterkosten in keinem Verhältnis zum Ertrag.

Müller hingegen stört die Änderung der Gesetzeslage nicht, im Gegenteil. Neuerdings werden Gewinne reinvestiert (zum Beispiel in den neuen Erweiterungsbau für 144 Millionen Euro). Für das Gesamtjahr 2002 wird Gerüchten zufolge ein Verlust von 15 Millionen Euro erwartet. Dividende ade!

So ist er, der Müller, der Kapitalist, schimpfen die Aktionäre. Das mag sein.

Aber nicht immer war er so, der Müller

Noch Anfang der neunziger Jahre - da war Theo Müller schon lange bajuwarischer Provinzbaron - versicherte der erfolgreichste Molkereimeister Deutschlands dem manager magazin glaubhaft, er hätte "seine Macht weitgehend abgegeben". Das Geheimnis seines Erfolgs sei nicht sein Verdienst, sondern das seiner Leute. Seine Leute - das waren zum Beispiel sein damaliger Freund Hermann Langenmayr, der Wirtschaftsprüfer aus München.

Oder Gerhard Schützner, der treue Betriebswirt, der seit Mitte der siebziger Jahre Produktion und Absatz erfolgreich vorantrieb. Und Betriebsleiter Günter Meyer, der nicht nur was von Maschinen verstand, sondern als alter Seemann mit Engelsgeduld auch ein Vorbild an Menschenführung war.

Nicht zu vergessen Milcheinkäufer Erich Weikl, der mit Zähigkeit und Stallgeruch die Bauern aus dem Umland überredete, ihre Milch an den Großabnehmer und nicht an die genossenschaftlich organisierten Molkereien zu verkaufen. Und Marketingchef Edwin Hägele, der der Marke Müller-Milch immer wieder zu spektakulären Öffentlichkeitsauftritten verhalf. Und, und, und ...

Von dem harmonischen Wir-Gefühl, einst Basis des Milchimperiums, ist nichts mehr übrig. Von Gerhard Schützner trennte sich Müller 1995 im Zorn. Schützner wollte die hemmungslose Expansionsstrategie nicht mehr mitmachen. Auch Hägele schied im Unfrieden. Die anderen Weggefährten verließen Müller aus Altersgründen und so war der Pionier der Milch als Marke plötzlich verlassen von den guten Mächten seiner Vergangenheit. Zu allem Übel liefen die Geschäfte schlechter, zwischenzeitlich machte es den Eindruck, als hätte sich Milchmann Müller schwer verhoben.

"Öko-Sau"

Die persönlichen Dissonanzen müssen den bodenständigen Bajuwaren zutiefst verunsichert haben. Denn plötzlich entpuppte sich der einst gemütliche und umgängliche Schwabe als grantelnder Sauertopf.

Erst stritt er sich mit einem Grünen-Landtagsabgeordneten, der ihn als "Öko-Sau" beschimpft hatte, dann mit seiner Heimatzeitung, der "Augsburger Allgemeinen". Grund: Der Schwiegersohn der Verlegerfamilie hatte es gewagt, auf Müllers Nachbargrundstück zu bauen. "Kapitalismus pur" habe er beim Blick über den Gartenzaun entdeckt, schimpfte Müller damals.

Überall, bei Personen jeden Standes, Adeligen, Bauern und Aktionären, witterte er Neid und Missgunst. Sarah Ferguson, Duchess von York, eingeheiratet im Hause Windsor, lag mit Müller im Clinch, weil er ihr nicht das volle Honorar für ihre Leistungen als Eröffnungsfee der Müller-Molkerei in England zahlen wollte. Ein Irrtum, wiegelte ihr Auftraggeber ab. Ivan Rebroff dagegen erstritt vor Gericht 155.000 Mark Schadenersatz, weil Müller mit Harald Juhnke als Rebroff-Double für seinen Kefir warb.

"Der hat einen knallhart am Wickel"

Im vergangenen Jahr schließlich protestierten 2000 wütende Milchbauern gegen den Milchbaron, weil der ihnen im Handstreich die Preise um zehn Prozent gekürzt hatte. Auf den Vorwurf, er treibe die Landwirte in den Ruin, reagierte Müller mit geradezu majestätischer Ignoranz: Nicht er übe Druck auf die Bauern, ließ er über seine Geschäftsleitung mitteilen, sondern die Bauern übten in "unangebrachter Weise" Druck auf das Unternehmen aus. "Damit" so Müller weiter, "schaden die nur sich selbst."

Folge des herrischen Verhaltens: Wer in der Keimzelle des Milchimperiums im bayerischen Molkereistandort Aretsried, Licht in das Dunkel der Müller'schen Persönlichkeit bringen will, stößt auf eine Mauer des Schweigens. "Der hat einen knallhart am Wickel", sagte ein Aretsriederin der "Süddeutschen Zeitung" verbittert, als die Reporter des Blattes vor einem Jahr versuchten, mehr über den Provinzfürsten zu erfahren.

So ist er, der Herr Müller - von dunklen Mächten wunderbar umgeben und Sonnenkönig von Aretsried. Das und da will er bleiben, vertraute er vor Jahren dem SPIEGEL an: "Aretsried ist der ideale Standort. Da kann ich machen, was ich will."

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