Arbeitstrend "Karriereplanung gehört der Vergangenheit an"
Hamburg - Eine Dreiviertelstunde hatte Reinhard K. Sprenger Zeit. Nicht viel für das gesteckte Ziel. Sein Thema: "Zeitorganisation in der Ökonomie der Zukunft". Und weil das als Titel recht trocken klingt, fing er mit schönen Dingen an. Das neue Zeitmanagement in der Wirtschaft werde mehr Freiheit schaffen, um sich Zeit zu nehmen für das, was einem wichtig ist.
So folgten die rund 500 Gäste des 8. Deutschen Trendtages seinen Ausführungen gerne. Sie waren gekommen, um zu diskutieren, wie sich die Ablösung des Industriezeitalters durch die Informationsgesellschaft auf die Lebens- und Arbeitsgewohnheiten auswirkt.
Bald schon rückte Sprenger mit den bitteren Pillen heraus. Es werde immer mehr gearbeitet werden, die staatlichen Vorschriften etwa zum Renteneintrittsalter seien schon heute nicht mehr zeitgemäß. Sein Trost: "Wer sich auf die Rente freut, macht ohnehin den falschen Job."
Qualifikation ersetzt Zuständigkeit
Wie also sieht die Zukunft der Arbeitszeit aus? Der klassische "9-to-5-Job", die feste Arbeitstelle also, auf der man jeden Werktag von neun bis fünf Uhr arbeitet, werde bald die Ausnahme sein. An seine Stelle trete Projektarbeit mit freier Zeiteinteilung. Er vereinfachte das Szenario in der Formel "0,5 x 2 x 3": Nur noch die Hälfte der Arbeitsplätze blieben langfristig fest Stellen, in denen doppelt so viel gearbeitet werden müsse wie heute, aber auch das Dreifache bezahlt werde.
Seine Aufgabe sah er vor allem darin, die positiven Seiten dieser Entwicklung darzulegen, vorausgesetzt man stelle sich darauf entsprechend ein. So könne man die Vokabel "Karriereplanung" zwar getrost vergessen, dafür suche sich die qualifizierte Arbeitskraft der Zukunft aber hauptsächlich Aufträge aus, die ihren Interessen und Talenten entsprächen.
Mehr Spaß bei der Arbeit, mehr Qualität
Das sei für Auftraggeber wie Dienstleister gleichermaßen von Vorteil: Mehr Spaß bei der Arbeit, mehr Qualität. Damit werde die Frage "Wer ist zuständig?" ersetzt durch "Wer kann es am besten?"
Um in diese komfortable Situation zu gelangen, werde Bildung aber wieder zur Schlüsselqualifikation werden, Bildung gemäß dem humanistischen Ideal, im Gegensatz zu reiner Ausbildung. Nur das entsprechende geistige Rüstzeug erlaube es, auch in ungewohnten Feldern Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und so die schwere Aufgabe der freien Zeiteinteilung zu meistern.
Gezielter Freilauf für den Genius
Die Entwicklung hin zur Projektarbeit müsse sich nicht auf das Outsourcen von Arbeit an Selbständige beschränken. Sprenger führte als Beispiel seine alten Arbeitgeber 3M an, der 25 Prozent der bezahlten Arbeitszeit den Mitarbeitern zur freien Verfügung stellt. Was sie in dieser Zeit - selbstverständlich im Dienste des Unternehmens - machen, bleibt völlig ihnen überlassen.
Diese Quote werde womöglich demnächst auf 40 Prozent angehoben. Solche kreativen Freiräume seien ein Gewinn für alle. Die Arbeitnehmer fühlten sich ernst genommen, ihre freigesetzten Energien kämen ganz dem Unternehmen zugute. Bei 3M entstand in dieser Arbeitszeit die Idee zu den "Post-its", den weltweit erfolgreichen selbstklebenden gelben Notizzetteln.