Dienstag, 17. September 2019

Flowtex-Skandal "Monströse Überblähungen"

Ist Manfred Schmider nur vermindert schuldfähig? Der Psychiater Willi Schumacher attestiert dem Ex-Flowtex-Chef eine schwierige Kindheit. Außerdem habe er wegen seiner "Gigantomanie" vermutlich unter einem "Zwang zum Weitermachen" gestanden.

Mannheim - Ein Psychiater hat dem ehemaligen Flowtex- Chef Manfred Schmider am Freitag vor dem Landgericht Mannheim "abnorme Persönlichkeitsprobleme" bescheinigt.

Außenseiterrolle in der Schulzeit: Manfred Schmider
Eine verminderte Steuerungs- und Schuldfähigkeit sei nicht auszuschließen, sagte der Gießener Sachverständige Willi Schumacher. Im Flowtex-Betrugsskandal habe der Firmenchef wegen seiner "Gigantomanie" vermutlich unter einem "Zwang zum Weitermachen" gestanden.

Auf Anordnung des Bundesgerichtshofs überprüft das Landgericht im neuen Flowtex-Prozess das gegen Schmider verhängte Strafmaß von zwölf Jahren Haft. Im ersten Verfahren war eine verminderte Schuldfähigkeit Schmiders ausgeschlossen worden.

Was wussten die Finanzbehörden?

Für eine endgültige Beurteilung dieser Frage muss nach Ansicht Schumachers geklärt werden, ob die Finanzbehörden die Machenschaften des Flowtex-Chefs erleichtert haben und eine Mitverantwortung tragen.

Eine Prüfung dieser Frage lehnte das Gericht aber erneut aber. Eine mögliche Mitverantwortung von Dritten werde im laufenden Verfahren bei der Frage der Strafzumessung nicht berücksichtigt, sagte der Vorsitzende Richter. Es werde nur über das neue Strafmaß verhandelt. Die Verurteilung Schmiders im Dezember 2001 sei voll rechtskräftig.

Der Psychiatrieprofessor Schumacher attestierte dem 53-jährigen Angeklagten "monströse Überblähungen" seines Erfolgs- und Geltungsstrebens. Dies resultiere aus Schmiders schwieriger Kindheit in einem reichen Elternhaus und seiner Außenseiterrolle in der Schulzeit.

Manfred Schmider selbst nahm die Ausführungen regungslos zur Kenntnis. Nach Ankündigung seines Pflichtverteidigers Bernd Kroner will er erst in der nächsten Woche umfassend Stellung zu den Vorwürfen beziehen.

Mitte April hatte der Angeklagte erstmals sein Schweigen gebrochen und sein früheres Geständnis widerrufen. Ohne die Mitwirkung der Finanzbehörden sei der milliardenschwere Betrug um nicht existente Horizontalbohrmaschinen gar nicht möglich gewesen, hatte er betont.

Flowtex-Chronik: Kleingeist und Größenwahn

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