Dienstag, 26. Mai 2020

Johanna Quandt "Unsere Familie steht zu Deutschland"

Während Infineon, Epcos oder die Oetker-Erben offen mit Abwanderung drohen, steht Johanna Quandt zum Standort Deutschland. "Wo wir unser Geld verdienen, da zahlen wir auch Steuern", bekennt die verschwiegene Industrielle freimütig.

Hamburg - In Bad Homburg residiert die inzwischen 77 Jahre alte Dame in einer schmucklosen Villa – abgeschirmt von hohen Hecken, unspektakulär und diskret, wie sie es schon immer schätzte.

Klares Bekenntnis zum Standort Deutschland: Johanna Quandt
Über Jahre hielt sich Johanna Quandt an das Familiencredo: Verschwiegenheit. Jetzt hat die zeitweise reichste Frau Deutschlands ihr Schweigen mit einem unerwarteten Bekenntnis gebrochen: "Unsere Familie steht zu Deutschland", sagte die Unternehmerwitwe nach Informationen der Nachrichtenagentur "Bloomberg" in München. "Wo wir unser Geld verdienen, da zahlen wir auch Steuern".

Mit diesem Bekenntnis grenzt sich Johanna Quandt von der gegenwärtig grassierenden Haltung ab, dem Industriestandort Deutschland aufgrund steigender Lohnnebenkosten und hoher Steuern den Rücken zu kehren. Nachdem erst Infineon-Chef Börsen-Chart zeigen Schumacher kürzlich wegen angeblich zu hoher Abgaben mit Abwanderung in die Schweiz gedroht hatte, waren auch Epcos Börsen-Chart zeigen und die Oetker-Gruppe in die Standort-Diskussion eingeschwenkt und hatten ihrerseits mit Steuerflucht gedroht.

Eine der reichsten Frauen Deutschlands

Die Worte von Johanna Quandt haben Gewicht - in der Familie und in der Republik. Nicht nur, weil die Industriellenerbin hierzulande hohe Steuern auf ihr geschätztes Vermögen von 3,5 Milliarden Euro zahlt, sondern auch, weil sie die Witwe einer der integersten Industriemagnaten Deutschlands ist.

Zusammen mit ihren Kindern Stefan Quandt und Susanne Klatten hält Johanna Quandt 46 Prozent der Anteile am Autokonzern BMW Börsen-Chart zeigen – aktueller Börsenwert rund zwölf Milliarden Euro. Sie wäre die reichste Frau Deutschlands, wenn ihre Tochter Susanne nicht noch reicher wäre.

Ihr Mann Herbert war es, der 1960 den vom Konkurs bedrohten Autobauer BMW rettete und wieder in die schwarzen Zahlen führte – gegen den Widerstand seines Bruders und seiner Finanzberater. Auch als BMW Ende der Neunziger aufgrund des Rover-Debakels erneut ins Schlingern geriet und schon als Übernahmekandidat gehandelt wurde, sprangen die Quandts dem Autokonzern erneut bei.

"Wir führen unsere Unternehmen an der langen Leine"

Noch heute versteht sich die Familie trotz ihrer üppigen Beteiligungen nicht als Unternehmenslenker. Stefan und Susanne sitzen im BMW-Aufsichtsrat und greifen nur dann ein, wenn Gefahr im Verzug ist.

"Wir führen unsere Unternehmen an der langen Leine und regieren nicht in operative Entscheidungen hinein", sagte Stefan Quandt in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt". Gleichwohl gestalte man die Unternehmensentenwicklung aktiv über die Aufsichtsräte.

Bei allem - meist sehr diskreten - Engagement ist aber keineswegs Shareholder-Value das Leitmotiv der Quandt-Geschwister, sondern eher das "Stakeholder-Konzept". Die Familienmitglieder achten sehr darauf, dass Unternehmen, in die sie investieren, ihre Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern ebenso ernst nehmen wie ihre Verpflichtung zu umweltverträglichem Wirtschaften. Und die Verantwortung gegenüber dem Land, in dem sie reich geworden sind.

Reichste Deutsche: Die stille Witwe und die rastlosen Erben

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