Lidl Aldis kleiner Bruder

Es kann nur einen geben, und das ist Aldi. Dieses eherne Gesetz der deutschen Discounterlandschaft untergrub Dieter Schwarz langsam, aber beharrlich. Seine Supermarktkette Lidl expandiert - der Strippenzieher im Hintergrund jedoch bleibt ein Geheimniskrämer.
Von Karsten Langer

Neckarsulm - Lidl-Lebensmittelmärkte gibt es in Deutschland an fast jeder Ecke. Im vergangenen Jahrzehnt expandierte der Discounter auch in die meisten Länder Europas und ist dort inzwischen breiter aufgestellt als der Hauptkonkurrent Aldi.

In der Branche gilt Lidl als besonders aggressiv. Doch darüber hinaus ist nur wenig bekannt über das Unternehmen. Während Aldi sich in den vergangenen Jahren etwas geöffnet hat, dringt aus der Lidl-Zentrale im schwäbischen Neckarsulm kaum eine Information nach außen. Dafür hat sich der Lebensmittelriese den Spitznamen "Geheimniskrämer" eingehandelt.

Lidl ist Teil des Imperiums von Dieter Schwarz (63), einem verschlossenen Unternehmer, der sein milliardenschweres Vermögen steuersparend in eine Stiftung eingebracht hat. Zu dem Konzern, der Nummer sechs im deutschen Lebensmittelhandel, gehören auch die Großflächenmärkte Kaufland und Handelshof. Sie werden allerdings getrennt von der Discountsparte geführt.

"Der Schlüssel unseres Erfolgs ist die Einfachheit"

"Unser Grundprinzip und der Schlüssel unseres Erfolgs ist die Einfachheit", teilt Lidl auf seiner Internetseite mit. Alles soll möglichst preiswert sein. Aldi setzt bei seinen Aktionen auf feste Partner wie zum Beispiel den Elektronikprodukte-Anbieter Medion. Für Lidl zähle allein das billigste Angebot, beklagen Lieferanten des Unternehmens. Doch mit seiner Marktmacht sitzt der Konzern am längeren Hebel. "Jeder stöhnt über den bösen Lidl, aber am Ende wollen alle mit dabei sein", berichtet ein Branchenkenner.

Seine Öffentlichkeitsscheu und Heimlichtuerei reichen locker an die der "Aldi-Brüder" heran. Wie Karl und Theo Albrecht wünscht auch der Vorsteher der Lidl & Schwarz-Gruppe kein allzu großes Publikum für seine unternehmerischen Aktivitäten: Fotografieren lässt er sich fast nie, Interviews lehnt er jahrzehntelang strikt ab, Auskunft zur wirtschaftlichen Lage seines Firmenkonglomerats erteilt er nur Mitstreitern. Und so spielt sich die Erfolgsgeschichte des Dieter Schwarz über weite Strecken im Verborgenen ab.

Ihren Anfang nimmt sie 1930 mit Vater Josef. Dieser tritt als Komplementär in die Südfrüchte Großhandlung Lidl & Co. ein, die er rasch zur Sortiment-Großhandlung für Lebensmittel umgestaltet. Sie wird 1944 zerstört. Binnen zehn Jahren gelingt der Wiederaufbau. Die Firma erhält in Heilbronn erneut ein eigenes Domizil und tritt zugleich in die A&O Handelskette ein. 1972 wird die Zentrale nach Neckarsulm verlegt. Fünf Jahre später stirbt Schwarz senior im Alter von 74 Jahren. Die Macht im Hause Lidl fällt an seinen Sohn Dieter, der die Familiengeschäfte schon seit einigen Jahren an der Seite des Vaters führt.

Einen Tausender für Lidl

Gleich zu Beginn seiner Karriere beweist der Jungmanager ein gerüttelt Maß Cleverness. Den Namen Lidl, der die väterliche Firma ziert, darf er aus rechtlichen Gründen nicht ohne weiteres übernehmen. Aber mit einem "Schwarz-Markt" sein Glück versuchen? Kurzerhand kauft er einem pensionierten Gewerbeschullehrer namens Ludwig Lidl dessen Namensrechte für 1000 Mark ab und sorgt fortan ganz legal mit seiner Gesellschaft "Lidl & Schwarz" für Furore.

Diese ist vor allem auf zwei Feldern aktiv, dem Discount und den SB-Warenhäusern. Von Süddeutschland aus startet Dieter Schwarz mit seinen Supermärkten. Erfolg ist ihm beschieden, da er vor allem eines ist: billiger als die Konkurrenz. Er gehe jeden Preis mit, heißt es, was nicht nur den Schwaben gefällt.

Das Unternehmen expandiert zunächst in die Region, bald in die ganze Republik und schließlich auch über die Grenzen hinaus in das europäische Ausland. Weithin unbemerkt arbeitet sich Schwarz bei den Discountern wie auch den SB-Warenhäusern in Deutschland hinter die Branchenführer "Aldi" und "Real" (Metro-Gruppe) jeweils auf Rang zwei vor.

Die Profiteure der Krise

Experten schätzen, dass der schweigsame Konzernlenker unterdessen über 4000 Supermärkte und SB-Warenhäuser betreibt und damit zum fünftgrößten Lebensmittelhändler des Kontinents aufgestiegen ist. Den Gesamtumsatz für 2001 beziffert die Schwarz-Gruppe selbst auf mehr als 23 Milliarden Euro, die Zahl der Mitarbeiter liegt bei rund 75.000. Trotz der Konsumflaute konnten die Lidl-Märkte nach Branchenangaben im vergangenen Jahr im Inland um 13 Prozent zulegen und gehörten damit neben Aldi zu den Profiteuren der Krise.

Vor zwei Jahren nun hat Schwarz, der als weitsichtiger Patron mit Fingerspitzengefühl gilt, seinen Rückzug in die Wege geleitet. Er übertrug das Eigentum an seinem Handelsunternehmen auf die gemeinnützige Dieter-Schwarz-Stiftung GmbH, deren Zweck unter anderem die Förderung von Wissenschaft und Forschung, von Kunst und Kultur ist.

Diese Stiftung wiederum hält 99,9 Prozent des Kapitals der Schwarz Beteiligungs GmbH, in der alle Beteiligungen an operativen Gesellschaften gebündelt sind. Die beiden wichtigsten: die Kaufland Stiftung & Co. KG, unter deren Dach das Warenhausgeschäft zusammengeführt wird; daneben die Lidl Stiftung & Co. KG, der die "Lidl"-Discounter zugeordnet sind.

"Für Lidl spielt es keine Rolle, ob Aldi schon dort ist"

Zwar verfügt die Dieter-Schwarz-Stiftung über die Kapitalmehrheit an der Beteiligungsgesellschaft, Stimmrechte hingegen besitzt sie nicht. Diese liegen bei der Schwarz Unternehmenstreuhand KG, die ihrerseits die restlichen 0,1 Prozent der Kapitalanteile besitzt. Der Holding, dem eigentlichen Machtzentrum des Konzerns, gehören mehrheitlich langjährige Weggefährten von Dieter Schwarz an.

Sie wie auch die Stiftungskonstruktion sollen gewährleisten, dass die Lidl & Schwarz-Unternehmensgruppe auch in Zeiten wachsender Konzentration in der Branche unabhängig bleibt und "noch in zehn Jahren als eigenständige Firma zu den ersten Zehn des hiesigen Einzelhandels" gehört.

Jedoch so ganz auf den Ruhestand und die Verwaltung seines Privatvermögens mag sich der 63-jährige Vater von drei Töchtern nicht verlegen. Der Treuhand KG gehört Dieter Schwarz weiterhin als außerordentliches Mitglied an. Missliebige Entscheidungen kann er mit seinem exklusiven Vetorecht zur Not auch künftig jederzeit blockieren.

In Europa sucht Lidl ständig neue Grundstücke zum Kauf oder zur Miete. Branchenbeobachter vermuten, dass das Unternehmen bald den amerikanischen Markt ins Auge fassen könnte. "Für Lidl spielt es keine Rolle, ob Aldi schon dort ist", meint Herbert Kuhn von der Unternehmensberatung M+M Eurodata.

Mit dem Ehrgeiz eines jüngeren Bruders versuche das Unternehmen, die bewährten Methoden des Vorreiters zu imitieren und sich immer neue Märkte zu erschließen. Ob die riskante Strategie tatsächlich aufgeht oder eines Tages in der Pleite enden könnte, weiß vermutlich nur Dieter Schwarz selbst.