Familie Blickle Die bewegten Männer

Gepäckstücke, Kinderkarussells oder Industrieanlagen - für jedes Bewegungsproblem haben die Erben Ernst Blickles den passenden Motor. Doch auch die schrittmachenden Bruchsaler haben zu strampeln, damit ihr Geschäft nicht erlahmt.

Bruchsal - Das bewegliche Dach einer Fußballarena, der Mullgurtförderer in einem Kieswerk, die Looping-Bahn im Heide-Park oder die Rolltreppe beim Herrenausstatter - sie alle brauchen Motoren, um sich zu bewegen.

Eine wenig glamouröse Aufgabe: Funktionieren sie reibungslos, dann stehen nicht die Motoren und ihre Steuerung im Vordergrund, sondern das Länderspiel, der Kiesausstoß, der Dreifach-Looping oder die neue Frühjahrskollektion. So kommt es, dass kaum jemand die SEW-Eurodrive GmbH & Co. KG aus Bruchsal kennt, aber so gut wie jeder schon die Produkte des Mittelständlers genutzt hat.

Eine typisch deutsche Gründergeschichte, möchte man meinen: 9000 Mitarbeiter in rund 40 Ländern, angetrieben von den Brüdern Rainer und Jürgen Blickle, zwei Abkömmlingen des Firmenpatriarchen Ernst Blickle. Die beiden werkeln wie ihre Antriebssysteme am liebsten hinter den Kulissen.

Und sie denken nicht im Traum daran, die Umsatzmaschine SEW aus dem Familienbesitz zu geben, durch die jährlich rund 1,03 Milliarden Euro fließen.

Globalisiert zwischen South Carolina und Kraichgau

Dabei ist hier längst nicht alles so, wie man es von vergleichbaren deutschen Mittelständlern kennt. Zwar steht das Hauptwerk weiter am Stammsitz in Bruchsal, mit 1100 Beschäftigten die größte Niederlassung. Doch die geschäftsführende Holding des globalisierten Players wurde im Zuge einer Neuordnung 1995 nach Rotterdam verlegt, Jürgen Blickle hat seinen Wohnsitz in South Carolina, während Rainer weiter im gemütlichen Bruchsal am Rande des Kraichgaus die Stellung hält.

Zogen die meisten deutschen Gründer ihr Geschäft mit unglaublichen Expansionsraten in den 50er Jahren hoch, so begann das Geschäft der Blickles eher bescheiden. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs übernimmt Ernst Blickle die Führung der Süddeutschen Elektromotoren-Werke (SEW), die Christian Pähr 1931 als Reparaturwerkstatt gegründet hatte. Die Geschäfte laufen gut, eine explosionsartige Entwicklung bleibt aber zunächst aus.

Bloß keinen Trend verschlafen

Bloß keinen Trend verschlafen

Das ändert sich relativ spät, dafür umso nachhaltiger. Blickle entwickelt 1968 ein Konzept, das unter dem trockenen Namen "Modularität" bis heute in den Ingenieurwissenschaften als Trend der Zukunft gilt. Dieses Baukastensystem wendet er nicht nur für seine Produkte an, sondern auch für das eigene Unternehmen. Ergebnis: eine Effizienz, von der andere nur träumen.

Modularität bei den Produkten heißt: Der Kunde, der eine Anlage bauen will, muss sie sich nicht von Grund auf für seine Zwecke konstruieren lassen, sondern stellt sie aus verschiedenen aufeinander abgestimmten Motoren, Getrieben, Umrichtern und Schaltschränken zusammen. Modularität im Unternehmen heißt: Die Einzelkomponenten werden in elf Fertigungswerken hergestellt und in 56 Montagewerken, möglichst vor Ort, zu den bestellten Systemen zusammengefügt. Eine Arbeitsteilung, die selbst große Konzerne oft erst im vergangenen Jahrzehnt einführten.

Damit zählen die Blickles zu den treibenden Kräften ihres Gewerbes, auch wenn Rainer 2003 feststellte, dass SEW-Eurodrive in der "weltweiten Rezession" des vorangegangenen Jahres "nur leicht gewachsen ist".

"Geben Sie diese Ideale weiter"

So fortschrittlich wie in den späten 60ern waren die Blickles allerdings nicht immer. Eine eigene Elektronikfertigung für Steuerungskomponenten bauten sie erst im Laufe der vergangenen zehn Jahre auf, den Trend zu Komplettlösungen in der Automationstechnik drohten sie gar völlig zu verschlafen.

Als Wecksignal besiegelten sie auf der Hannover-Messe 2002 eine Partnerschaft mit der Linzer Keba KG, die auf Maschinen- und Robotersteuerungen spezialisiert ist. So müssen auch die Blickles dafür Sorge tragen, nicht den Anschluss zu verlieren in einem Markt, in dem es von Billiganbietern und Elektromultis nur so wimmelt.

Ein Schlüssel dafür könnte die Mitarbeitermotivation sein. In der indischen "Business Today" beschrieb einmal Chandra Bose, Manager der SEW-Südostasien-Zentrale in Por Ramangamdi, wie er bei den Auswahlgesprächen in Frankfurt stürzte und sich einen Knöchel brach. SEW kam für die Krankenhauskosten auf, obwohl Bose zu der Zeit noch gar kein Angestellter war. Als er sich bei den Blickles dafür bedankte, sagten die: "Geben Sie diese Ideale an Ihre Kollegen in Indien weiter." Deutsche Mittelständler eben, wie im Bilderbuch.

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