Gründer-Kolumne Die Venture-Capital-Challenge

Zugegeben, es ist als junges Unternehmen der Net-Economy schwieriger geworden, Risikokapital zu bekommen. Schwierig, aber nicht unmöglich! Es existieren immer noch eine ganze Reihe von Unternehmen, die zeigen, wie man Kapitalgeber überzeugen kann.

Ein Blick in die Tagespresse im Jahr 2003 zum Thema "Unternehmensgründungen" zeigt es schnell: Die Euphorie ist verflogen; Ernüchterung und Pessimismus haben sich schon lange in allen Teilen der Wirtschaft breit gemacht. Die Gründerwelle ist auf ein Normalmaß abgeebbt und kapitalsuchende Unternehmer sehen sich seit nunmehr gut zwei Jahren einer Dürreperiode ausgesetzt.

Niemand wagt es, das Ende dieser Durststrecke zu prognostizieren. Vom Höhepunkt der Euphorie aus gesehen haben sich die Investitionen von Wagniskapitalfinanziers - nach aktuellen Statistiken des Bundesverbandes deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) - zwischenzeitlich halbiert. Die Krise der Wagnisfinanziers ist nun allgegenwärtig.

Dennoch: Das Finanzierungsvolumen der deutschen Venture-Capital-Branche befindet sich immer noch auf einem Niveau, das weit über dem unterentwickelten Markt für Wagniskapital der achtziger und neunziger Jahre liegt. So hat es nur auf den ersten Blick den Anschein, dass eine Finanzierung von Unternehmen der Net-Economy in der Early oder auch Later Stage unmöglich geworden ist.

Risikokapital trotz Wirtschaftskrise

Dieser Eindruck täuscht jedoch. Der Unwillen der Anleger an den Börsen findet nicht zwangsläufig seine Entsprechung in der Weigerung von Risikokapitalgebern, ihre Fondsmittel in E-Business-Unternehmen zu investieren. Denn viele der Argumente für elektronische Geschäftsmodelle haben ihre Gültigkeit behalten und werden nun von den Unternehmen an die geänderten Marktverhältnisse angepasst. Darüber hinaus: Break-even-Meldungen aus den Start-ups nehmen täglich zu, während sich die Insolvenzen der Branche stabilisieren.

Venture Capitalisten (VC) haben sich keineswegs auf die reine Pflege und Bereinigung ihrer bestehenden Portfolios zurückgezogen. Zu den Unternehmen, die auch nach dem Stimmungsumschwung erfolgreich Wagniskapital aufnehmen konnten, zählen sowohl sehr junge Start-ups als auch verhältnismäßig reife Unternehmen aus der Expansion Stage oder der Later Stage.

Diese werden antizyklisch finanziert von Business Angels, Venture Capitalisten und auch immer noch von Corporate-VCs, denen man auf Grund der engen Konzernanbindung vielfach nur prozyklische Investitionsstrategien unterstellt. Die Bandbreite der finanzierten Geschäftsmodelle entspricht den vielfältigen Möglichkeiten der Net Economy. Verkaufsunterstützung und -beratung, klassische E-Commerce-Modelle und virtuelle Marktplätze stellen immer noch gültige Themen dar.

Fünf Argumente für die Finanzierung

Was sich geändert hat

Contentmanagement, Wissensmanagement sowie mobile Applikationen werden von vielen Investoren weiterhin als zukunftsträchtige Investmentbereiche erachtet. Die Märkte, auf denen in der Krise finanzierte Unternehmen aktiv sind, ähneln also denen der späten neunziger Jahre.

Was aber hat sich geändert? Wie lautet die Equity-Story 2003, die den Venture Capitalisten überzeugt? Eine Studie des Lehrstuhls für Electronic Business am Multimedia Campus der Universität Kiel hat hierzu zehn Unternehmen analysiert, die nach dem Zusammenbruch der Technologiemärkte Risikokapital erhalten haben.

Gründe für die Finanzierung

Argument 1: Das Geschäftsmodell erfüllt selbstverständlich die klassischen Kriterien hinsichtlich Skalierbarkeit, klar definiertem Kundennutzen und ist in Zukunftsmärkten angesiedelt. Allerdings sind die Leistungen der angeschlagenen allgemeinen Stimmung angepasst; das Start-up-Unternehmen hilft, die Probleme des Abschwungs zu lösen und geht echte wunde Punkte an (zum Beispiel Kostenreduktion).

Argument 2: Die Manager des Unternehmens blicken teilweise auf jahrzehntelange Erfahrung zurück; sie kennen die Methoden der Konzerne aus der Praxis und implementieren diese Konzepte im Start-up so schnell wie möglich und wo immer es sinnvoll erscheint.

Argument 3: Die Planung des Unternehmens ist fokussiert, nüchtern und zurückhaltend. Sie trägt der "neuen Sachlichkeit" der Wagnisfinanziers Rechnung.

Argument 4: Die Steuerung des Unternehmens wird durch bewährte Controlling-Konzepte unterstützt; auf modische Kennziffern wird verzichtet. Das Controlling-System ist dabei an die Erfordernisse eines jungen Wachstumsunternehmens angepasst.

Argument 5: Das Produkt schafft echte Umsätze. Dem Unternehmen gelingt es, die Marktgesetze wesentlich zu beeinflussen und teilweise sogar zu ändern. Internationalisierung wird lediglich als Option betrachtet und nicht als Pflicht verstanden.

Ausblick

Es hat sich gezeigt, dass antizyklisches Investieren keinesfalls mit einem Vabanquespiel gleichgesetzt werden darf, sondern vielmehr von durchaus rationalen Erwägungen geleitet wird. Damit soll nicht gesagt sein, dass Investitionsstrategien der Vergangenheit leichtfertig und voreilig waren; vielmehr sehen wir uns nach der Euphorie der Aktienmärkte mit einer Professionalisierung des gesamten Beteiligungsprozesses auf beiden Seiten konfrontiert.

Nun punkten Geschäftskonzepte, die in weiten Teilen auf die veränderte Lage der Kunden in einem neuen Abschnitt der Branchenentwicklung zugeschnitten sind (zum Beispiel durch die Ermöglichung von Kostenreduktionen). Die aktuell finanzierten Geschäftsmodelle tragen nicht mehr allein den Wünschen des nächsten Finanziers oder den Hoffnungen eines tendenziell unkritischen Börsenpublikums Rechnung, sondern konzentrieren sich vielmehr auf die tatsächlich vorhandenen Bedürfnisse der Kunden.

Die Ergebnisse der Studie können in dem Buch "E-Venture-Capital"  nachgelesen werden.

Gründermarkt: Kapital und Kontakte für Start-ups


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