Russlands Rockefeller Der Öl-Zar

Michail Chodorkowski schickt sich an, in die Oberliga der Milliardäre vorzustoßen. Nachdem es dem 39-Jährigen gelungen ist, das viertgrößte Ölimperium der Welt zu schmieden, könnte er zum mächtigsten Mann Russlands neben Wladimir Putin werden.
Von Carsten Matthäus

Moskau - Vorsicht ist seine Sache nicht. Eben erst hat er die größte Fusion der russischen Wirtschaftsgeschichte bestätigt, schon gibt der 39-jährige Multimilliardär Chodorkowski eine neue Parole aus. Strategisches Ziel sei der "Aufstieg zur führenden Gesellschaft des globalen Energie-Marktes".

Seine Landsleute hat der mächtige Wirtschaftsboss längst abgehängt. Sein Ölkonzern Yukos rangierte schon vor der Fusion vor den halbstaatlichen Rivalen Lukoil, nun gehört auch Sibneft, das fünftgrößte russische Ölunternehmen, zu Chodorkowskis Reich.

Nach der Fusion wird die neue YukosSibneft in Bezug auf die Fördermenge ähnlich groß sein wie BP und Shell, ChevronTexaco und TotalFinaElf fallen hinter den russischen Großkonzern zurück. Überdies wird Chodorkowski zukünftig den größten Konzern in ganz Russland leiten, denn YukosSibnet überholt mit einem geschätzten Marktwert von 35 Milliarden Dollar sogar den Erdgas-Giganten Gasprom.

Einer der einflussreichsten Milliardäre der Welt

Auch in Bezug auf seine privaten Finanzen ist Chodorkowski ein Mann der Superlative. Mit einem Vermögen, das von "Forbes" auf rund acht Milliarden Dollar geschätzt wird, gilt er schon jetzt als der reichste Mann Russland.

Atemberaubend ist vor allem das Tempo, mit dem er sich in der Liste der reichsten Menschen der Welt vorarbeitet: 2001 lag er noch auf Rang 194, 2002 war er schon bei Platz 101 angelangt, in der Rangliste 2003 wurde er bereits an der 26. Stelle geführt.

Außerdem gehört Chodorkowski laut "Forbes" zum Club der zehn einflussreichsten Milliardäre der Welt, weil er es den Angaben zufolge schafft, den "Ölpreis gegen den Willen der Opec niedrig zu halten" und weil er "Transparenz in die düsteren Geschäfte des Landes" bringt.

Wie die anderen Öl-Oligarchen hatte sich Chodorkowski in den neunziger Jahren an den Filetstücken der maroden russischen Wirtschaft bereichert und die rechtliche Grauzone für eine ganze Reihe dubioser Geschäfte genutzt. In der Ära Jelzin sicherte er sich zu teils extrem günstigen Preisen die Rechte an staatlichem Rohstoffbesitz und brachte ehemalige Staatsbetriebe unter seine Kontrolle.

Gleichzeitig drängte er seine ausländischen Kreditgeber und Anteilseigner aus dem eigenen Unternehmen, nicht selten wurde diese mit einen Bruchteil des eingesetzten Kapitals abgefunden. Für die politische Rückendeckung sorgte Chodorkowski mit großzügigen Wahlkampfhilfen, unter anderem für den jetzigen Staatspräsidenten Wladimir Putin.

Kaum hatte der Oligarch aber sein Imperium aufgebaut, da wandelte er sich zum Musterknaben der internationalen Finanzwelt. Mittlerweile arbeiten rund 50 Ausländer im Top-Management von Yukos, in London lässt sich der russische Konzern vom ehemaligen britischen Außenminister Lord Owen repräsentieren. Die Bilanzen von Yukos werden von der international renommierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers testiert.

Wird Chodorkowski Chef im Kreml?

Chodorkowski selbst präsentiert sich in der russischen Öffentlichkeit immer häufiger als Bauherr vorbildlicher Arbeitersiedlungen, als Förderer von Schulen und Waisenhäusern und als Kunstmäzen. Der britische Prinz Charles hat bereits ein Zimmer im Londoner Somerset House nach dem russischen Milliardär benannt.

Die schöngeistigen Aktivitäten sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Chodorkowski ein knallharter Geschäftsmann ist. Bisher hat er sich geschickt aus den Machtkämpfen und Intrigen der russischen Politik herausgehalten.

Andere Oligarchen wie Boris Beresowski oder Wladimir Gussinski mussten außer Landes flüchten, nachdem sie es gewagt hatten, die Politik von Präsident Putin öffentlich zu kritisieren. Chodorkowski dagegen meldet sich nur dann zu Wort, wenn seine Geschäftsinteressen berührt sind.

Das wichtigste Interesse des russischen Rockefellers ist der Bau von Pipelines. Vor allem geht es ihm um eine eigene Ölleitung von Westsibirien bis zum Hafen von Murmansk. Von dort aus könnten die Russen den US-Markt zu niedrigen Kosten beliefern.

"YukosSibneft wird in unantastbar sein"

Außerdem hat Yukos den Bau einer eigenen Pipeline von Sibirien nach China beantragt. Bisher hat sich die russischen Regierung noch nicht abschließend zu diesen Projekten geäußert. Deshalb ließ Chodorkowski auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine gezielte Breitseite auf die Regierung los: "Ich dachte, der Staat hätte schon vor langer Zeit verstanden, dass der private Sektor effektiver arbeitete als der Staat."

Nach Ansicht mehrerer Marktbeobachter kann sich Chodorkowski mittlerweile solch offensive Töne leisten. Gegen den größten Unternehmer des Landes könne selbst der russische Präsident nicht mehr viel machen, urteilt beispielsweise Stephen O'Sullivan, Chefanalyst der United Financial Group. "YukosSibneft wird in gewissem Sinne unantastbar sein." Er erwartet, dass Chodorkowski und sein Unternehmen vom Kreml unterstützt werden und damit neben der Regierung zu einem der wichtigsten Repräsentanten des Landes aufsteigen.

Gut möglich, dass der reichste Mann Russlands irgendwann auch nach der Macht im Staat greift. In einem seiner Büros hängt ein Porträt von Katharina der Großen über dem Schreibtisch, und dem SPIEGEL sagte er von knapp einem Jahr: "Mit 45 will ich nicht mehr Wirtschaftsführer sein. Vielleicht gehe ich dann in die Politik." Damit käme er gerade rechtzeitig, um Putin nach dessen zweiter Amtszeit zu beerben.