Horst Siebert Abschied zum Geburtstag

Er gilt als Deutschlands renommiertester Ökonomieprofessor und Gegner eines ausufernden Sozialstaats - nun geht Horst Siebert in Pension. Seine Laufbahn begann er als Volkswirtschaftsprofessor und Umweltaktivist in Mannheim.

Kiel - Rege Medienpräsenz hat auch Schattenseiten. "Derzeit wird in der Presse manches über mich geschrieben", beklagt sich Horst Siebert auf seiner Internetseite, "vieles ist sachlich falsch". So werde die fünfte Auflage seines Buches "Economics of the Environment" dem Jahr 1985 zugeschrieben, obwohl sie in Wirklichkeit erst 1998 erschienen sei.

Der Mann mit dem sauber gezogenen Seitenscheitel und der Fliege am Kragen duldet keine Nachlässigkeiten, wenn es um Zahlen und Fakten geht.

Tatsache ist, dass Horst Siebert an diesem Donnerstag Geburtstag feiert und Ende des Monats in Ruhestand geht: "Mit 65 ist gesetzlich Schluss". Nach 14 Jahren legt er sein Amt als Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft nieder. Auch seinen Sitz im Sachverständigenrat der fünf Wirtschaftsweisen hat Siebert nach zwölf Jahren geräumt und dem Mannheimer Kollegen Wolfgang Franz überlassen. Dass ihn die Medien längst als bekanntesten Ökonomieprofessor Deutschlands bezeichnen, dürfte Siebert weniger stören.

Ein Nachfolger für den Posten des IfW-Präsidenten steht noch nicht fest. Der Geldtheoretiker Jürgen von Hagen, Direktor des Bonner Zentrums für Europäische Integrationsforschung (ZEI), hat einen Ruf an das Institut erhalten. Doch momentan laufen die Verhandlungen noch. Siebert hinterlässt einen Wissenschaftsbetrieb mit etwa 170 Mitarbeitern, rund 8 Millionen Euro Jahresetat – und mit exzellentem Prestige. Bei der jüngsten Überprüfung im Jahr 1998 gab der Wissenschaftsrat dem IfW bessere Noten als den übrigen fünf deutschen Forschungsinstituten.

Kritik an Ausuferungen des Sozialstaats

Doch es gibt auch kritische Stimmen, die Siebert als schonungslosen Neoliberalen betrachten. Die Folgen falscher staatlicher Anreize skizzierte der Volkswirtschaftsprofessor in seinem Buch "Der Kobra-Effekt": Ein indischer Gouverneur, so die Parabel, setzte eine Belohnung auf Kobra-Köpfe aus, um die Schlangenplage in den Griff zu bekommen. Aus lauter Gier auf die Prämien züchteten daraufhin viele Inder Kobras.

Siebert trat ein für Marktwirtschaft und Freiheit des Einzelnen, dagegen prangerte er stets Ausuferungen des Sozialstaats an: "Bei uns ertönt sehr schnell der Ruf nach dem Staat", kritisierte er den ökonomischen Sachverstand der Deutschen im Gegensatz zu den Amerikanern, "der Drang nach Absicherung und Regulierung ist hier einfach größer."

Große Pläne für die Zeit nach der Pension

Auch an Gerhard Schröders Reformplänen, die der Kanzler vergangenen Freitag in seiner Regierungserklärung verkündete, hatte Siebert einiges auszusetzen. Die Maßnahmen würden weder die Dynamik in der Wirtschaft fördern noch zu mehr Investitionen führen, so der Mann ohne Parteibuch. Der Kanzler habe es etwa versäumt, die Lockerung der Flächentarifverträge in Angriff zu nehmen.

Vom Umweltaktivisten zum Wirtschaftsweisen

Siebert will seine Rolle als mahnende Instanz weiter spielen. Ruhe geben, erklärt er, das würde nicht zu ihm passen. Zwar wandert er gerne in Südtirol und am Bodensee. Doch der Mann, der stets Eigenverantwortung und Dynamik forderte, hat ganz andere Pläne als Erholung in den Bergen: Zunächst erwartet ihn eine vierteljährige Gastprofessur in Paris, dann für zwölf Monate ein Lehrstuhl in Bologna. Anschließend wird er ein weiteres halbes Jahr als Gast an einem niederländischen Forschungsinstitut lehren.

Seine akademische Laufbahn hat Siebert schon nach Mannheim, Konstanz und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) geführt. Außerdem ist er Mitglied der "Group of Economic Analysis" der Europäischen Kommission.

Vom Umweltaktivisten zum Wirtschaftsweisen

Geboren in Neuwied am Rhein, studierte Siebert zunächst Volkswirtschaftslehre in Köln – wo er Vorlesungen von Alfred Müller-Armack, des geistigen Vaters der sozialen Marktwirtschaft hörte - und an der Wesleyan Universität in Middletown / USA. Bereits mit 27 Jahren promovierte er in Münster, habilitierte vier Jahre später und bekam noch im selben Jahr einen Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre und Außenwirtschaft an der Universität Mannheim.

In der Stadt nahe des Chemiekonzerns BASF fühlte er sich von der starken Luftverschmutzung belästigt. Deshalb engagierte sich der Professor als früher Umweltaktivist. 1972 erschien sein erstes Umweltbuch: "Das produzierte Chaos", neun Jahre später das Standardwerk "Economics of the Environment".

Der Korrektheit halber sei erwähnt, dass nicht 1985, sondern erst 1998 die fünfte Auflage des Werks veröffentlich wurde. "Das Buch erfreut sich also auch aktuell großen Interesses", konstatiert der Ex-Wirtschaftsweise stolz.

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