Boris Berezovsky "Ich will kein Blut sehen"

"Mafia-Boss" darf ihn niemand mehr nennen: Um sich öffentlich zu rehabilitieren, schaltete der russische Tycoon, einer der mächtigsten Geschäftsmänner der Erde, ganzseitige Anzeigen auch in deutschen Tageszeitungen. Was trieb ihn zu diesem Schritt?

London - Selbstliebe ist das Einzige, was Boris Berezovsky unumwunden eingesteht. "Wenn mich jemand fragt, was Liebe bedeutet, dann antworte ich: Egoismus." Dabei wurde ihm schon alles Mögliche vorgeworfen: Untreue, Unterschlagung, Auftragsmord - alles erfunden, um ihm zu schaden, wie er beteuert.

Auf seinen guten Ruf legt er viel Wert. Verständlich, als einflussreicher Geschäftsmann, der mit Autos, Medien, Öl, Fluglinien und überhaupt mit einem unüberschaubaren Geflecht von Geschäftsaktivitäten ein Vermögen gescheffelt hat - zurzeit angeblich über drei Milliarden Dollar. Mehr als fünf Jahre prozessierte er für seinen Ruf gegen das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes", weil es ihn 1996 in einem Artikel einen "Mafia-Boss" nannte. Dort wurde behauptet, er trage die Verantwortung für den Tod des russichen Fernsehstars Vladislav Listiew. Überschrift des Artikels: "Pate des Kremls?"

"Forbes" muss sich nicht entschuldigen

Anfang März endlich fiel das Urteil des High Court in London, das "Forbes" verbietet, diese Behauptungen aufrecht zu erhalten. Das Magazin wurde verpflichtet, entsprechende Korrekturen abzudrucken, nicht jedoch, sich zu entschuldigen. Konziliant verzichtete Berezovsky auf mögliche Entschädigungsansprüche. Wohl, um dem von "Forbes" verbreiteten Klischee entgegenzutreten, sagte er dazu: "Ich bin kein Mann, der Blut sehen will. Ich wollte nur meinen Ruf wiederherstellen."

Offensichtlich war das Medienecho, mehr als sechs Jahre nach der Publikation des strittigen Artikels, für seinen Geschmack zu gering. Und so wurden Leser auch deutscher Tageszeitungen am vergangenen Donnerstag mit ganzseitigen Anzeigen überrascht, die das Urteil in knappen Worten zusammenfassten.

Warum ist Putin mit auf dem Bild?

Dazu eine karikierende Fotomontage im Comic-Stil: Ein cooler Berezovsky, ein rätselhafter Richter, ein etwas unterbelichtet dreinblickender "Forbes"-Redakteur und Vladimir Putin, der "keinen Kommentar" gibt.

Geschaltet hatte die Anzeige LogoVAZ, ein Unternehmen aus Berezovskys Imperium, dass unter anderem Anteile an der Fluggesellschaft Aeroflot und Sibneft Oil hält sowie an AvtoVAZ, Hersteller der Automarke Lada. Eine kostspielige Richtigstellung in eigener Sache.

Allerdings dürfte sich den meisten deutschen Zeitungslesern nicht erschlossen haben, was Kreml-Chef Putin auf dem Bild zu suchen hat. Der wahre Pate des Kreml? Ein schweigender Kronzeuge? Tatsächlich waren seine Beziehungen zu Berezovsky einst eng. Der half Putin tatkräftig im Wahlkampf, mit Geld und guten Worten in den zahlreichen landesweiten Medien, die ihm gehören.

Gesucht wegen Untreue und Landesverrat

Gesucht wegen Untreue und Landesverrat

Heute wechseln die beiden kein Wort mehr mit einander. Und tatsächlich will Putin nicht kommentieren, was genau sich zwischen beiden zugetragen hat. Daher ist nur Berezovskys Version bekannt: Dass sich Putin nach seinem Aufstieg an die Macht gegen ihn gewandt hätte und ihn nun mit aus der Luft gegriffenen Vorwürfen attackiere: "Putin will mich davon abhalten, am politischen Leben in Russland teilzunehmen", so seine Deutung.

So lebt der Magnat im Exil in London - in seiner Heimat würde er sofort festgenommen. Laut den Ermittlern soll er Mitte der neunziger Jahre 13 Millionen Dollar von LogoVAZ veruntreut und überdies tschetschenische Guerillas finanziert haben.

Nun kündigte Berezovsky offen an, bei den nächsten russischen Präsidentschaftswahlen all seinen Medieneinfluss einzusetzen, um Putin zu stürzen. Denn dann könne er wieder in seine Heimat zurückkehren, und dort in die Politik.

"Geniales Talent, die richtigen Leute für sich zu nutzen"

Schon einmal hat er es dort zu großem Einfluss gebracht. Mit einem, wie die kanadische Biografin Chrystia Freeland schreibt, geradezu "genialen Talent, zur richtigen Zeit die richtigen Leute zu treffen und sie maximal für sich zu nutzen", gewann er in den neunziger Jahren das Vertrauen des damaligen Präsidenten Boris Jelzin. Er erwies sich als dessen treuester Gefolgsmann während des August-Putsches 1991 und half, wiederum mit Medieneinfluss und Geld, dessen Stellung gegen die Kommunisten zu sichern. 1999 schließlich wurde der Tycoon selbst in das russische Parlament gewählt.

Für Berezovsky gehörten Politik und Wirtschaft immer zusammen. Er baute ein unbezahlbares Netzwerk auf, für das ihn "Forbes" 1997 zum neuntmächtigsten Mann der Welt erkor. Das war die Basis für eines der größten Vermögen Russlands. Dabei machte er sich viele Feinde: 1994 riss eine Autobombe seinen Chauffeur in den Tod. Viele seiner Landsleute halten ihn für den Prototypen des russischen Geschäftsmanns, der sich mit skrupellosen, turbo-kapitalistischen Methoden seine Position ergaunert hat.

Nachweisen lässt sich das aber nicht. Weshalb auch dem Forbes-Redakteur in der Comic-Anzeige in den Mund gelegt wird: "Da war nichts mehr zu richten."

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