Ford Gnadenlose Jagd

Im krisengeschüttelten Konzern lauern viele darauf, dass Präsident Nick Scheele einen entscheidenden Fehler macht. Möglicherweise ist ihm der gerade unterlaufen: Er erteilte einen millionenschweren Werbeauftrag an die Agentur eines Freundes.

Dearborn - Einen lauten Tusch wird es geben, wenn am 13. Juni das Detroit Symphony Orchestra die Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen der Firma Ford einleitet. Bei einer "Auswahl bekannter Pop-, Jazz- und Klassikmelodien und einem umwerfenden Feuerwerk", so die Ankündigung, werden auch die Manager des Autobauers für eine kurze Zeit ihre Sorgen vergessen.

Vor allem Nick Scheele kann ein wenig Ablenkung gut gebrauchen. Der Präsident und COO der Ford Motor Company gerät zunehmend unter Beschuss. Nun sickerte durch, dass der Konzern eine interne Untersuchung gegen ihn eingeleitet hat. Der Vorwurf: Er soll bei der Erteilung von Werbeaufträgen den Arbeitgeber seines Sohnes bevorzugt haben.

Doppelter Verdacht

Die Stimmung in der Konzernführung ist gereizt und Beobachter deuten die Untersuchung als ersten Hinweis darauf, dass Nick Scheele schwer angeschossen ist. Der weltweit zweitgrößte Automobilhersteller steckt in der Krise, und Schuldzuweisungen unter den Führungsfiguren sind an der Tagesordnung.

Tatsache ist, dass Ford in den vergangenen Monaten die Werbeaufträge für die Londoner Agentur WPP Group aufgestockt hat. Tatsache ist außerdem, dass Scheeles Sohn James bei der New Yorker Tochter von WPP arbeitet, bei Young and Rubicam. Die Überprüfung soll nun klären, ob Scheele mit seiner Auftragsvergabe gegen konzerninterne Regularien verstoßen hat, die verhindern sollen, dass sich Ford in zu starke Abhängigkeit von einem Geschäftspartner begibt.

Umstrittener Rabatt-Krieg mit der Konkurrenz

Dass der COO den Arbeitgeber seines Sohnes bevorzugt haben könnte, ist zwar nicht offiziell Gegenstand der Untersuchung, steht aber unausgesprochen im Raum. Der stumme Vorwurf ist ein doppelter: Präsident der Londoner Agentur ist Sir Martin Sorrell, mit dem Scheele seit seiner Zeit als Jaguar-Vorstandschef auf Du und Du ist.

Der doppelte Verdacht könnte genügen, um ihn in seinem Amt wackeln zu lassen. Scheele wird seit langem nicht nur wegen der katastrophalen Geschäftsergebnisse des Autobauers kritisiert, sondern auch für die Methoden, mit deren Hilfe Ford auf dem amerikanischen Markt wieder Fuß fassen soll: Rabatte jenseits der betriebswirtschaftlichen Schmerzgrenze locken Kunden in Fords Ausstellungsräume. Die Umsätze konnte Scheele damit steigern, doch Gewinn brachte das zunächst kaum.

Dennoch gab sich die Führung im vergangenen Sommer optimistisch: Man rechnete damit, schwarze Zahlen zu streifen, und es gab durchaus Anzeichen, dass das Sanierungsziel eines jährlichen Vorsteuergewinns von sieben Milliarden Dollar bis 2005 noch früher zu schaffen ist.

Konkurs liegt in der Luft

Konkurs liegt in der Luft

Doch der Break-even wurde nicht erreicht. Zwar konnte der Rekordverlust von 5,45 Milliarden Dollar im Jahr 2001 verringert werden, doch auch in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2002 sind Verluste von 850 Millionen Dollar aufgelaufen. Das Sorgenkind bleibt die britische Tochter Jaguar, die aufgrund von Produktionsproblemen im vergangenen Jahr zum Verlust mit 500 Millionen Dollar beigetragen hat.

Ein Paukenschlag war es, als vergangene Woche Zweifel an der Liquidität des Konzerns laut wurden. Ein Konkurs des Unternehmens sei nicht mehr auszuschließen, meldete die Ratingagentur Egan-Jones, die bekannt wurde, weil sie als erste vor den Zusammenbrüchen von Enron und WorldCom gewarnt hatte. Unter anderem seien Fords Pensionsfonds bedenklich unterfinanziert, monierten die Analysten.

Die Ford-Führung wies den Bericht umgehend zurück - die Zweifel aber bleiben. Seit Jahren fährt Ford ein rigides Sparprgramm, und auch 2003 sollen durch Entlassungen und Werksschließungen 300 Millionen Dollar eingespart werden.

Guter Deal auch für Ford

So kommt der Verdacht der Vetternwirtschaft für Scheele zur Unzeit, auch wenn ein Unternehmenssprecher den Fall herunter zu spielen versuchte: Die Untersuchung sei eine reine Routinemaßnahme, im Rahmen des Sparprogramms würden alle neuen Aufträge überprüft. Warum der Fall Scheele publik wurde und andere Controlling-Maßnahmen nicht, ließ er offen.

Fest steht, dass Ford bei dem umfassenden Deal mit WPP durchaus spart. Scheele konnte bei seinem Freund Sorrell besonders günstige Konditionen herausschlagen. Immerhin verdient die Agentur, die auch die preisgkrönten Ford-Puma-Spots mit Steve McQueen produzierte, an dem Ford-Auftrag noch pro Jahr geschätzte 5,7 Millionen Dollar.

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