Dienstag, 18. Juni 2019

Marktschreier Unerhörte Schreihälse

2. Teil: Wer schreit, bleibt

Wer schreit, bleibt

Wurst-Achim, ein kräftiger Metzger-Typ mit tiefer Bass-Stimme, erwies sich als Naturtalent. Meist ist er es, der vom Publikum zum besten Marktschreier gewählt wird. "Man kann aber längst nicht jeden als Schreier gebrauchen. Von sechs Interessenten, die sich bei uns bewerben, geben fünf von selbst auf und der sechste entspricht dann auch nicht den Anforderungen", sagt Borgschulze.

Salami gefällig? Marktschreier Wurst-Peter
Etwa 20 Marktschreier haben sich in der Gilde organisiert, erst vier Mal habe es schon einen Generationenwechsel gegeben. Zurzeit ist es Blumen-Udo aus Kamen, der einen Nachfolger sucht. Er ist seit über 30 Jahren und damit am längsten im Geschäft. Einen Übernahme-Kandidaten hat er noch nicht. "Blumen sind schwierig zu verkaufen, da braucht man auf jeden Fall eine Zusatzausbildung", sagt Borgschulze.

Wer Marktschreier werden will, muss erst mal bei einem Altmeister ein Praktikum absolvieren - "so lange, bis man's alleine packt" - und kann sich anschließend als Mitglied der Gilde bewerben. Zurzeit gibt es zwei Praktikanten. Eine richtige Lehre, etwa als Metzger oder Florist, ist nicht nötig, dennoch erwartet die Gilde, dass sich die Bewerber kaufmännische und spezielle Fachkenntnisse aneignen. Vor allem sind aber Spontaneität, ein loses Mundwerk und eine laute Stimme gefragt.

"Das Publikum wird nicht aussterben"

Das kommt an, und deshalb wird die Marktschreierei auch nicht aussterben, glaubt Gilde-Manager Borgschulze. 1962 habe ein Gesetz das laute Anpreisen der Ware auf Wochenmärkten verboten. "Aber die Menschen mögen das", glaubt er. Die eigenen Märkte, die sein Vater Elmar acht Jahre später nach dem Vorbild des Hamburger Fischmarktes in Berlin organisierte, seien von Anfang an ein großer Erfolg gewesen.

Der heute 69-Jährige gründete die "Gilde der Marktschreier" und damit eine neue alte Tradition, die sich bis heute nicht überlebt hat. Dass die Marktschreier auch noch in 20 Jahren von Stadt zu Stadt ziehen werden, steht für den Sohn fest. "Das Publikum wird nicht aussterben - höchstens die Schreier selbst."

Katrin Pinetzki, dpa

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