Glosse Ökonomische Genetik

Den einflussreichen und ehrenvollen Job des Wirtschaftsweisen mag Michael C. Burda nicht machen. Hat er gar nicht nötig: Mit einer bahnbrechenden These könnte er auch so in die Annalen eingehen.

Berlin - Es ist, wie immer, eine Frage der Gene. Die Deutschen sind zur Reform nicht bereit, weil ihnen die Mobilitätsgene verlustig gegangen sind. Der Aderlass fand vor 200 Jahren statt, als alle mobilen Deutschen dem Reformstau den Rücken kehrten. Sie landeten in Amerika.

Von dort kommt Michael C. Burda, Arbeitsmarktökonom, Harvard-Absolvent und seit knapp zehn Jahren Professor an der Berliner Humboldt-Universität. Er ist ein Muster an Mobilität, war in kürzester Zeit zunächst einfacher Professor, dann designierter Wirtschaftsweiser und nun designiert gewesener Wirtschaftsweiser.

Er selbst lehnte den renommierten Posten ab. Nicht, das er nicht weise genug wäre. Im Gegenteil: Die Tätigkeit passe derzeit nicht in seine Karriereplanung, ließ er die Presse wissen.

Für gewöhnlich ist es nicht schwer, einen Wissenschaftler für diese Aufgabe zu mobilisieren. Zwar veröffentlicht der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung - so der volle Name des Gremiums - nur einmal im Jahr ein gewichtiges Gutachten im Auftrag der Bundesregierung. Doch seine Mitglieder sind beliebte Gesprächspartner der Medien und wecken damit mehr Aufmerksamkeit als mit jeder noch so brillanten akademischen Arbeit.

Burda zieht schon jetzt alle Blicke auf sich. In einem Interview mit der "Berliner Zeitung" beklagte er die Reformunwilligkeit der Deutschen und brachte en passant eine Theorie unter das Volk, die vielleicht einmal das Fach der Ökonomischen Genetik begründen wird: "Die meisten deutschen Arbeitnehmer sind doch nicht einmal bereit, für einen neuen Job umzuziehen", sagte er da. "In den USA ist das ganz anders. Vielleicht liegt das daran, dass vor 200 Jahren so viele Deutsche nach Amerika gegangen sind. Die mobilen Gene sind vielleicht zum großen Teil schon drüben."

Das freilich eröffnet einen ganz neuen Blick auf die Debatte um Stammzellenimporte - als ein langfristiges Instrument für den Arbeitsmarkt. Die Devise ist klar: Baut uns den Arbeitnehmer der Zukunft! Holt die mobilen Gene zurück!

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