Otto Beisheim Otto der Umtriebige

Die Metro machte ihn zum Milliardär. Längst aber mischt Otto Beisheim auch in anderen Bereichen der Wirtschaft kräftig mit: Der Cash-and-carry-Pionier gilt als einer der größten Internetunternehmer Europas. Mit einem gigantischen Hochhauskomplex in Berlin feiert er nun seinen 80. Geburtstag.
Von Tilman Weigel

Hamburg - Die Lehrer waren zufrieden. Der Sohn eines Gutsverwalters aus Vossnacken galt als ausgesprochen guter Schüler. Doch die Eltern hatten nicht das Geld, ihrem Otto den Besuch des Gymnasiums zu finanzieren. Statt des Abiturs machte der Junior deshalb eine Lehre in der Lederindustrie.

Auch ohne die "höhere Schule" besucht zu haben, wurde Otto Beisheim einer der reichsten und mächtigsten Männer der Republik. Nachdem er im Elektrohandel bis zum Prokuristen aufgestiegen war, machte er sich schließlich 1964 mit einem Cash-and-carry-Großhandel selbstständig.

Bei dieser Geschäftsform wird auf teure Lieferungen verzichtet. Die Kunden bezahlen ihre Waren sofort und nehmen sie gleich selbst mit. Die Idee dazu kam Otto Beisheim angeblich bei einem USA-Besuch. Anderen Quellen zufolge soll er sich das Konzept bei der Großhandlung "Terfloth & Snoek" abgeschaut haben.

Milliarden durch Cash-and-carry

Metro machte nicht nur Beisheim zum Multimilliardär. Auch die Familien Schmidt-Ruthenbeck und die Haniel-Holding verdanken ihren Wohlstand zu einem Gutteil dem Erfolg des Großhändlers. Die Brüder Michael und Reiner Schmidt-Ruthenbeck waren Spar-Großhändler im Ruhrgebiet und wurden wegen ihrer Branchenerfahrung mit an Bord genommen. Die Haniel-Dynastie, durch Kohle und Stahl zu Wohlstand gekommen, suchte eine lukrative Geldanlagemöglichkeit und stieß 1967 hinzu.

Um die Großhandelsmärkte herum ist mittlerweile ein Imperium entstanden, das sein Geld außer in den Handel auch in Internetfirmen und Immobilien investiert. Über die Beisheim Holding Schweiz (BHS) hält der Multimilliardär derzeit rund 70 Beteiligungen an Unternehmen vor allem aus der "New Economy". Schon 1988 war Beisheim selbst Schweizer geworden. Von der Alpenrepublik aus zieht er seit seinem Rückzug aus diversen Metro-Gremien die Fäden seiner Beteiligungen.

Die Metro  selbst ist längst ein Dax-notierter Handelsriese, zu dem neben den Großhandelsmärkten unter anderem die Ketten Kaufhof und Real, der Baumarkt Praktiker sowie der Elektronikhändler Saturn gehören. Das Unternehmen entstand im Juli 1996 aus der Verschmelzung von Metro Cash & Carry, der Kaufhof Holding AG und Asko Deutsche Kaufhaus AG.

Im Alter hintergangen

Immer für eine Finte gut

Durch den Gang an die Börse musste die Metro AG erstmals ihre Bilanzen offen legen. Wie die Aldi-Brüder oder Lidl-Patriarch Dieter Schwarz scheut Beisheim die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser. An Hauptversammlungen der Metro AG soll er angeblich unerkannt teilnehmen.

Was hinter den Türen der Otto Beisheim Vermögensverwaltung und der Beisheim Schweiz AG vorgeht, bleibt Normalsterblichen auch weiter verborgen: Keine der beiden Firmen ist an der Börse notiert, der Publizitätspflicht unterliegen sie nicht.

So ist der umtriebige Beisheim immer für eine Finte gut. Zum Beispiel gab Metro im Sommer 2002 den Verkauf des 44-Prozent-Anteils am Internetkaufhaus Primus Online bekannt. Beisheim jedoch hatte mitnichten vor, sich von seiner Internetsparte zu trennen: Das Aktienpaket ging an die schweigsame Beisheim Holding.

Im Alter hintergangen

Seine Schlitzohrigkeit schützt ihn nicht davor, selbst ausgetrickst zu werden. Anfang vergangenen Jahres schickte er seinen langjährigen Weggefährten Hans-Dieter Cleven in die Wüste - offiziell, um dessen eigenem Rücktrittswunsch zu entsprechen. Geschäfte Clevens  mit seiner eigenen Aureus Holding legen aber den Verdacht nahe, dass der einflussreiche Manager und Duzfreund Boris Beckers, der Metro mit groß gemacht hat, seinen Mentor bei mehreren Internetdeals offenbar hinterging. Von Beisheim selbst drang dazu nie ein Kommentar in die Öffentlichkeit. Aber es ist unwahrscheinlich, dass er diesen Vertrauensbruch auf sich beruhen ließ.

Bereits früher rückte Otto Beisheim öfter ins Licht der Öffentlichkeit als ihm vermutlich lieb ist. Dafür sorgte schon seine enge Verbindung zum - inzwischen gestürzten - bayerischen Medienmogul Leo Kirch. 1990 kaufte Beisheim 2500 Filme von dem Münchener Rechtehändler, die er an Privatsender weiterverkaufte.

Der Deal rettete Kirch damals vor dem Aus. Beisheim engagierte sich auch bei Kabel1, einem Fernsehsender der damals von Kirch dominierten ProSieben-Gruppe, bevor er 1995 aus dem direkten Fernsehgeschäft wieder ausstieg und stattdessen online aktiv wurde.

Leberkäs im "Bräustüberl"

Leberkäs im "Bräustüberl"

Daneben sorgen wiederholt die Beschwerden von Einzelhändlern, Gewerkschaften und Lieferanten für schlechte Presse. Überzogene Rabattforderungen und unerlaubte Geschäfte mit dem Endverbraucher wurden moniert. Im Herbst 2002 geisterte die Meldung übers Parkett, der amerikanische Weltmarktführer Wal-Mart plane die Übernahme von Metro. Die Spekulationen erwiesen sich aber rasch als substanzlos.

Dem Erfolg der Metro tat die Kritik keinen Abbruch. Selbst der Vorwurf, Beisheim habe im Dritten Reich der Waffen-SS angehört, konnte weder bestätigt noch dementiert werden.

Auf das breite wirtschaftliche Fundament der Metro baut Beisheims Online-Engagement auf - ungewöhnlich in Zeiten wie diesen, aber dennoch weiter Erfolg versprechend. Schätzungsweise 70 Internetunternehmen mit rund 5000 Beschäftigten kontrolliert die Beisheim Holding. Dazu zählte bis vor wenigen Wochen auch die erfolgreiche Schweizer Gruppe Scout24, deren Verkauf an T-Online Anfang Dezember bekannt wurde.

Prunkturm am Potsdamer Platz

Im hohen Alter - seinen 80. Geburtstag begeht er am 3. Januar - verliert Beisheim endlich seine Scheu vor der Öffentlichkeit. Zwar versinkt er winters in Florida und Lugano noch in nebelhafter Anonymität. Sommers aber zeigt sich der Witwer in Rottach-Egern ganz ungeniert mit seiner Top- und Spitzenfreundin Liese Evers: Sie driven und putten im Tegernseer Edelgolfklub Bad Wiessee, essen Leberkäs im "Bräustüberl" oder beim "Hirschbergler" und lassen so gut wie kein Waldfest rund um das Gewässer aus.

Über gemeinnützige Stiftungen engagiert sich Beisheim auch außerhalb der Wirtschaft. So verdankt ihm unter anderem die private Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung (WHU) bei Koblenz eine millionenschwere Zuwendung. Zum Dank wurde sie nach ihm benannt. Vor allem in Deutschland gehört er seit Jahrzehnten zu den großen Mäzenen und förderte unter anderem Universitätsorchester, Golfclubs und Kindergärten.

Fast beängstigend untypisch protzt Beisheim in Berlin: Am Potsdamer Platz, dessen letzte Lücke sich damit schließt, wächst für fast 500 Millionen Euro ein 70 Meter hoher Beisheim-Tower, samt zwei Fünf-Sterne-Hotels und den teuersten Wohnungen Deutschlands. Es ist die größte Investition eines privaten Bauherren in der Hauptstadt. Beisheim will sich ein Denkmal setzen. Warum nicht? Ist ja nicht verboten.

Deutschlands Unternehmer: Von Siegern und Verlierern


Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.