Montag, 22. April 2019

Garri Kasparow Die Jerusalemer Variante

Eine Bank wollte den Schach-Großmeister in den USA matt setzen und scheiterte. Einer erneuten Attacke in Israel wich Kasparow aus - indem er dort erst gar nicht hinflog. Ein strategischer Geniestreich?

Jerusalem - Er hat sich noch vor keiner Partie gedrückt. Doch diesmal blieb ihm nichts anderes übrig. Garri Kasparow, unangefochten weltbester Schachspieler, wird nicht nach Jerusalem fahren. Nicht, weil er sich vor seinem Gegner fürchtete, dem israelischen Schachcomputer "Deep Junior" - gegen den wird er am 23. Januar ohnehin antreten. Sondern weil er um seine Freiheit fürchtet.

 Auf dem Rückzug: Garri Kasparow
DPA
Auf dem Rückzug: Garri Kasparow
Kasparow ist nämlich hoch verschuldet. Nachdem Schach im Internet das ideale Verbreitungsmedium gefunden hat, erschien Kasparow ein Schach-Portal mit seinem Namen wie eine Lizenz zum Gelddrucken. So sah das auch die First International Bank of Israel (FIBI) und gewährte seiner Firma Kasparov Chess Online (KCO) 1999 einen großzügigen Kredit von 1,4 Millionen Dollar. Dort gab es viele Schachtipps, Online-Turniere, und Fans - aber kaum Umsatz.

So ereilte www.KasparovChess.com dasselbe Schicksal wie viele andere Dotcom-Unternehmen auch. Als das Geld zur Neige ging, schloss das Internetportal vor sechs Monaten. Seitdem versucht die FIBI, ihr Geld wieder zu bekommen. Kasparow wähnt sich im fernen Moskau sicher, ein amerikanisches Gericht erklärte sich nicht für zuständig.

"Kontrolle über meinen Namen ist völlig lächerlich"

Als der Großmeister also den Jerusalemer Vorwettkampf mit "Deep Junior" aus Sympathie für Israel ankündigte, reichte die Bank kurzerhand in Israel ihre Klage ein. Sie verlangt von Kasparow Schadenersatz, die Rechte an dem Konzept der Internetseite sowie die Namensrechte.

Letztere dürfte der wichtigste Teil der Forderung sein - aber auch der, über den Stratege am meisten in Zorn gerät: "Die Idee von der Kontrolle über meinen Namen ist völlig lächerlich", zitiert der "Tagesspiegel" Kasparow. Seine Anwälte führen ins Feld, es habe nie ein Abkommen über die Nutzung von Kasparows Namensrechten gegeben, daher sei auch jetzt nicht daran zu denken, diese zu verpfänden.

Schmachvolle Niederlage

Die Bank hingegen wirft ihm vor, eine neue Internetseite mit seinem Namen aufbauen zu wollen, ohne den Verpflichtungen nachzukommen. Kasparow will von alledem nichts wissen. Er meidet stattdessen die Felder, auf denen er geschlagen werden könnte. Bei dem Spiel in New York geht es ihm um nichts Geringeres als um die Wiedergutmachung seiner schmachvollen Niederlage gegen den IBM-Computer "Deep Blue" von 1997. Da kann er die Winkelzüge seiner Gläubiger nicht gebrauchen.

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