Ingenieure Quo vadis, Daniel Düsentrieb?

Der Beruf des Ingenieurs verändert sich dramatisch. Fachliche Kompetenz allein reicht nicht mehr. Gesucht sind Ingenieure mit Managementqualitäten. VDI-Direktor Willi Fuchs erklärt im Interview mit manager-magazin.de, worauf es bei der Karriereplanung vor allem ankommt.

mm.de:

Die Industrie sucht händeringend nach Ingenieuren mit Managementeignung. Können deutsche Ingenieure nur basteln?

Fuchs: Nein, das wohl nicht. (Lacht.) Grundsätzlich ist jeder Berufszweig von seiner eigenen Spezies geprägt. Sie dürfen aber davon ausgehen, dass der Ingenieurnachwuchs heute ein wesentlich weiteres Blickfeld hat als früher und nicht mehr dem Typ des stillen Tüftlers entspricht, Stichwort: Daniel Düsentrieb.

mm.de: In welcher Weise hat sich der Beruf des Ingenieurs denn in den vergangenen Jahren gewandelt?

Fuchs: Sagen wir so: Das Umfeld wandelt sich und prägt dadurch den Beruf. Zum einen sind die technischen Anlagen wesentlich komplexer geworden. Zum Beispiel Autos: Die Steuerungen im Fahrzeug sind Sache eines Informatikers, ein Elektroniker kümmert sich um die Automatisierungstechnik - etwa an der Einspritzanlage, die den Vergaser ersetzt hat - und Sie brauchen nach wie vor den Maschinenbauer, der die Mechanik beherrscht. Zum Schluss kommt der Dynamiker, der dafür sorgt, dass der Wagen nicht umfällt wie beim Elchtest. Sie sehen also: Automobile werden nicht von Einzelnen konstruiert, sondern im Team, interdisziplinär.

mm.de: Was heißt das für den einzelnen Ingenieur?

Fuchs: Der muss zwar weiterhin seinen thematischen Schwerpunkt haben, aber genauso muss er offen sein für die anderen Disziplinen und sie zumindest in ihren Grundlagen kennen. Mit der Teamarbeit einher geht die Globalisierung. Ingenieure müssen mit Technikern in anderen Ländern verhandeln können. Ich glaube, es gibt keine andere Berufsgruppe, die so von der Globalisierung erfasst wird wie die der Ingenieure.

mm.de: Welche Qualitäten muss ein Ingenieur mitbringen, der in Führungsverantwortung übernehmen will?

Fuchs: Na ja, wir brauchen nicht nur Chefs, sondern auch noch Leute, die unsere Produkte entwickeln. Aber davon abgesehen: Wer ins Management will, muss lernen, sich selbst und die Arbeit seines Teams zu präsentieren. Man muss Verhandlungsgeschick haben, mindestens in Deutsch und in Englisch. Dazu gehören außerdem eine Persönlichkeit, die begeistert, und gewisse Elemente des "Verkaufens". Entscheidend ist aber, dass die gruppendynamischen Prozesse beherrscht werden.

"Sich öffnen und flexibel machen"

mm.de: Wie kann man bereits als Ingenieursstudent oder Berufsanfänger diese so genannten Soft Skills erwerben und ausbauen?

Fuchs: Das klassische Beispiel sind Seminare zu Präsentation und Moderation, wie sie heute vielfach an den Hochschulen angeboten werden. Solche Kurse sollten Studenten auf jeden Fall nutzen. Darüber hinaus bieten technisch-wissenschaftliche Organisationen - unter anderem der VDI - die Möglichkeit, in der Gremienarbeit mitzuwirken: Unsere Fachgesellschaften erörtern, wo der technische Trend in den kommenden Jahren hingeht und all unsere Fachgesellschaften sind mit Studierenden besetzt. Hier lernt man ganz nebenbei wie Meinungsbildungsprozesse funktionieren, wie man präsentiert und wie man andere für die eigenen Ideen begeistert. Vieles von dem, was ein Rhetorikkurs vermittelt, erlernen Sie hier anhand realer Sachverhalte.

mm.de: Nehmen wir einen angehenden Bauingenieur, der bangen Blicks die schlechte Entwicklung in seiner Branche verfolgt. Was kann er im Bereich der Soft Skills tun, um seine Chancen zu verbessern?

Fuchs: Er sollte sich öffnen und flexibel machen. Nehmen wir einen Bauingenieur, der im Bereich der Baustatik groß geworden ist. Der könnte sich zum Beispiel in der Festigkeitsstatik im Maschinenbau fortbilden. Das wäre kein allzu großer Schritt, würde aber die Tür zu einem ganz anderen Bereich öffnen. Wenn er bisher nicht präsentieren musste, dann ist es natürlich ratsam, entsprechende Seminare zu belegen. Auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse machen einen Ingenieur für Arbeitgeber attraktiver.

mm.de: Welche Rolle spielt soziales Engagement? Lohnt sich die Mitgliedschaft in Parteien oder Verbänden auch für den Berufsweg?

Fuchs: Es gibt bei den Ingenieuren kein Parteibuch. Aber wenn ich mich irgendwo engagiere, dann lerne ich dabei viele Menschen kennen. Dieses Netzwerk kann selbstverständlich hilfreich sein. Es ist etwas anderes, ob ich einen Bewerber schon einmal persönlich kennen gelernt habe oder nicht. Auch soziales Engagement würde ich mit dem Blick auf Soft Skills empfehlen. Jugendarbeit, sei es bei der Gemeindejugend oder auf Jugendfreizeiten, wirkt sich sehr positiv aus.

mm.de: Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Fuchs: Ja, ich habe in jungen Jahren und während des Studiums immer wieder Jugendfreizeiten betreut. Das hat mir unheimlich viel gegeben. Selbst auf unserer Hochzeitsreise sind meine Frau und ich mit 35 Kindern zum Zelten in die Eifel gefahren. Das sind Erfahrungen, die nicht nur Spaß machen, sondern alle Teilnehmer für die Zukunft stärken. Die Prozesse, die in einem sozialen System ablaufen, sind fast überall gleich.

"Die großen Aufgaben für Ingenieure"

mm.de: Wie steht es mit formalen Qualifikationen? Ein Auslandsjahr, eine Promotion?

Fuchs: Ein Auslandsjahr ist ungeschränkt zu empfehlen. Dabei ist gleichgültig, wohin man fährt. Es kommt darauf an, selbst die Erfahrung gemacht zu haben, fremd in einem Land zu sein und sich dort zurechtfinden zu müssen. Die Angebote der Hochschulen sind hier in den vergangenen Jahren sehr gut geworden. Ich weiß, dass zum Beispiel die Universität Siegen den Studiengang "Internationales Projektmanagement" anbietet. Ein Teil dieses Studiengangs findet im Ausland statt. Solche Erfahrungen sind für Ingenieure mit Managementambitionen ein Muss.

Bei der Promotion kommt es wieder darauf an, welche Ziele dahinter stehen. Im Forschungs- und Entwicklungsbereich ist das sicher von Vorteil, in der Produktion kann man darauf verzichten.

mm.de: Kann die Promotion da hinderlich sein?

Fuchs: Das glaube ich kaum, außer Sie werden erst mit 49 Jahren fertig und haben noch keine Berufserfahrung. Man sollte aber bedenken: Nach vier bis fünf Jahren Berufserfahrung spielt eigentlich nur noch das persönliche Profil eine Rolle. Wenn man dann noch promoviert, wird man die Frage hören, warum man in dieser Zeit nicht lieber weitergearbeitet hat.

mm.de: Gibt es bei der Bewerbung Besonderheiten zu beachten, wenn junge Ingenieure ins Management streben?

Fuchs: Hier gilt im Wesentlichen das Gleiche wie bei jeder anderen Bewerbung auch. Sagen Sie klar, was Sie wollen und was Sie bisher gemacht haben. Es ist wichtig, dass der Lebenslauf lückenlos ist. Keine Angst davor, dort Exotisches anzugeben. So lange deutlich wird, warum Sie etwas gemacht haben, wird ihnen das nicht schaden - auch wenn Sie ein Jahr durch Südamerika getingelt sind. Vielleicht wird ja ein Südamerika-Kenner gesucht, dann ist das sogar ein Bonus.

mm.de: Welche Branchen suchen zurzeit die meisten Ingenieure?

Fuchs: Die klassischen Zweige: Maschinenbau und Elektrotechnik.

mm.de: Und welchen Bereichen gehört die technische Zukunft?

Fuchs: Mit Sicherheit werden die optischen Technologien immer stärker in den Vordergrund rücken. Da ist Deutschland eine der führenden Nationen. Ein großer Schrittmacher verspricht die Nanotechnologie zu werden. Und auch die Gesundheitstechnik wird weiter eine Wachstumsbranche sein.

mm.de: Trotz Sozialstaatsdebatten?

Fuchs: Natürlich. Die Menschen werden immer älter und geben immer mehr Geld aus, um das Leben angenehmer zu machen. Ein Beispiel ist das Blutdruckmessgerät. Früher war Blutdruckmessung eine Sache für das medizinische Fachpersonal. Man brauchte eine aufblasbare Manschette und ein Stethoskop und man musste lauschen, wie der Puls schlägt. Heute erledigt das alles ein winziges Digitalgerät. Die Diagnosetechniken werden immer weiter verfeinert. Das alles erschwinglich zu halten, ist eine große Aufgabe für Ingenieure.

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