AOL Time Warner Ich bin draußen

Top und Hopp: Steve Case verkörperte wie kein anderer den Internetboom, auf sein Konto geht die meistgescholtene Fusion der amerikanischen Geschichte. Jetzt kündigte das AOL-Urgestein an, im Mai von seinem Posten als Verwaltungsratschef zurückzutreten.

New York - Auf dem Höhepunkt seines Einflusses, als die Kurse an der Technologiebörse Nasdaq noch nicht darniederlagen, war Steve Case mächtig genug, einen der größten Medienkonzerne der Welt zu übernehmen.

Es war Case, damals CEO des Internetanbieters America Online (AOL), der Anfang 2001 die 100-Milliarden-Dollar-Fusion mit dem nach Mitarbeiterzahl und Umsatz weitaus größeren Time-Warner-Konzern ("Time", Warner Bros.) plante und durchzog. Eine Zeit lang hielten er, der den Posten des Chairman übernahm, und seine Alliierten im neuen Konglomerat alle Fäden in der Hand.

Seit vielen Monaten aber läuft die Konterrevolution, denn die versprochenen Synergien von New Economy und altem Mediengeschäft haben sich nicht eingestellt. So ist Case inzwischen der letzte der ehemaligen America-Online-Spitzenmanager, der bei AOL Time Warner noch eine führende Rolle spielt. Inzwischen besteht das gesamte Spitzenmanagement aus Time-Warner-Führungskräften.

AOL: Die Netzsparte als Wachstumsbremse

Nun also wird auch Chairman Case seinen Posten aufgeben, wie er am Sonntag in New York bekannt gab - er reagiere damit auf die fortdauernde Unzufriedenheit vieler Anteilseigner mit der jüngsten Geschäftsentwicklung. Diese werde ihm persönlich angelastet, sagte er.

Case wird nach seinem Rücktritt weiter dem Verwaltungsrat und dem Strategiekomitee angehören. "Die Entscheidung ist mir persönlich sehr schwer gefallen, weil ich mich noch gerne einige Jahre als Vorsitzender in den Dienst dieses großen Unternehmens gestellt hätte", sagte Case.

Gewinn, aber Zweifel an den Bilanzen

Gewinn, aber Zweifel an den Bilanzen

AOL Time Warner  hatte im dritten Quartal 2002 trotz des schwachen Geschäfts von America Online einen leichten Gewinn erzielt. In der Zeit von Juli bis Ende September wurde ein Gewinn von 57 Millionen Dollar eingefahren - nach einem Verlust von 997 Millionen Dollar in der Vorjahresperiode. Der Umsatz lag den Angaben zufolge bei 9,98 Milliarden Dollar gegenüber 9,07 Milliarden Dollar im Vorjahresquartal.

Die Aktien des Unternehmens notierten am vergangenen Freitag mit 14,88 Dollar um 54 Prozent unter dem Zwölfmonatshoch. Das Unternehmen hatte wegen des dramatischen Wertverfalls bereits im vergangenen Jahr Wertberichtigungen von 54 Milliarden Dollar vorgenommen und könnte möglicherweise weitere zehn Milliarden Dollar abschreiben.

Während der Konzern nach eigenen Angaben in den Sparten Film, Fernsehen und Kabel im dritten Quartal jeweils ein deutliches Umsatzplus (25 Prozent im Filmgeschäft, 14 Prozent beim Kabel und zehn Prozent beim Fernsehen) erzielen konnte, musste America Online das ganze Jahr hindurch kämpfen. Zum einen belasteten sinkende Werbeeinnahmen das AOL-Geschäft, zum anderen war eine Regierungsuntersuchung im Zusammenhang mit möglichen Bilanzfehlern anhängig.

Gerald Levin, der frühere Time-Warner-Chef und spätere CEO von AOL Time Warner, war bereits 2002 ausgeschieden. Er hatte gemeinsam mit Case den Zusammenschluss von America Online und Time Warner durchgedrückt. Robert Pittman, der die Tagesgeschäfte von AOL Time Warner und zeitweise auch AOL geführt hatte, musste im vergangenen Jahr ebenfalls seinen Posten aufgeben.

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