Gründer-Kolumne Risikominimierung führt zum Stillstand!

Das zurückliegende Jahr war für die Beteiligungsbranche wahrlich eine Ernüchterung. Im Moment gilt oft die Formel: Minimale Unsicherheit = kein Investment. Doch macht es Sinn, in Businessplänen nur nach den Schwachpunkten und nicht mehr nach Chancen zu suchen?

Der Begriff "Risikominimierung" kann getrost als Wort des Jahres 2002 im Venture Capital-Bereich bezeichnet werden. Das Bestreben, bei einem Investment das Risiko zu reduzieren, spiegelt sich in den derzeitigen Marktregeln der Branche wider:

  1. Vermeidung von Investments in der Seed-Phase;
  2. Hände weg vom Internet;
  3. weniger Deals mit mehr Kontrollmechanismen und
  4. weit reichende Prüfung von Investmentanfragen.
Venture Capital-Geber (VCs) sind im Zuge dieser Regeln zu Recht selektiver geworden und betreiben eine möglichst gründliche Risikosuche im Rahmen der Due Diligence. Im Ergebnis führt dies zu einer zeitintensiven Unternehmensprüfung, die sich über Monate hinziehen kann.

Und die Liste an Oberpunkten, die geprüft werden können beziehungsweise müssen, ist sehr lang: Produkt und Angebot, Alleinstellung, Markt und Wachstum, Finanzen, Technologie, Management, Schutzrechte, Verträge und so weiter.

Nach den Gründen für diese Entwicklung gefragt, antworten viele Venture Capital-Geber mit ihren schlechten Erfahrungen aus der jüngeren Vergangenheit. Dabei wird oftmals das viel zitierten Bild der gescheiterten "Boygroups" angeführt.

Doch lag der Fehler wirklich in der Tatsache, dass man jungen kreativen aber unerfahrenen Unternehmern Geld gegeben hat? War es nicht fataler, dass man sie nach der Kapitalüberweisung alleine gelassen und zu früh zum Börsengang getrieben hat?

Anstatt aber die Betreuungsqualität zu steigern, wurde in vielen Fällen die Komplexität der Prüfverfahren enorm gesteigert. Mehrstufige Verfahren von der Businessplan-Prüfung über die Einbindung externer Experten bis hin zur Primärrecherche hinsichtlich der Kundenakzeptanz sind heute die Regel.

Dabei scheint es so, dass mental in erster Linie nur noch nach Schwächen und nicht mehr nach Stärken gesucht wird. Dies gleicht dem Streben nach dem perfekten Investment beziehungsweise der Suche nach der "eierlegenden Wollmilchsau", wobei vollkommen klar ist, dass gerade im Early Stage-Bereich noch nicht alle Felder perfekt abdeckt werden können.

Die Pipeline trocknet aus

Die Pipeline trocknet aus

Um keine Missverständnisse zu erzeugen: Eine gründliche Investmentprüfung ist notwendig. Jedoch wird immer eine Restunsicherheit bleiben, denn schließlich ist Venture Capital immer noch Risikokapital.

Das Streben nach Risikominimierung im Rahmen der Unternehmensprüfung hat dazu geführt, dass sich Venture Capital-Geber aus der Frühphasenfinanzierung zurückziehen.

Und hier liegt die Gefahr: Wen wollen die VCs in den späteren Phasen denn noch finanzieren, wenn die Unternehmen keine Startfinanzierung mehr bekommen? Die Pipeline für Deals im Later Stage-Bereich trocknet zunehmend aus.

VC-Geschäft darf kein Bankgeschäft werden

Es sei daher die Frage erlaubt, ob die passive Lean-back-Strategie mit einer Perfektionierung von Prüfverfahren und dem Warten auf den perfekten Deal das richtige Verfahren für die Zukunft ist. VC-Geschäft darf kein Bankgeschäft werden!

Als Idealfall könnte man vor diesem Hintergrund eine Situation ansehen, bei der ein VC eine tragfähige Idee in seinem Investmentbereich aktiv sucht, das optimale Management-Team für die Umsetzung zusammenstellt und die Gründung beziehungsweise Finanzierung nach seinen Kriterien gestaltet.

Die Chancen sind vorhanden

Der VC stellt sich seine optimale Investmentsituation damit selbst zusammen. Es erfolgt erst eine Analyse von Markt- und Nachfragepotenzialen, für die dann nach Ideen gesucht beziehungsweise die Ideenfindung in eine bestimmte Richtung gelenkt wird. "Boygroups" könnten so gar nicht mehr entstehen, wobei gleichzeitig das junge kreative Potenzial nicht verloren ginge.

Neben dem Prüfen von Investmentanfragen könnte der VC somit in Zukunft ein aktivere Rolle im Aufbau von Investmentszenarien ausüben und gerade jetzt, wo die Unternehmensbewertungen wieder eine realistische Größe angenommen haben, antizyklisches Denken an den Tag legen.

So merkt Edoardo Bugnone vom europäischen Venture Capital Verband in diesem Zusammenhang zurecht an: "Investitionen in der VC-Rezession 90/91 haben über die letzten 10 Jahre das beste Ergebnis erzielt." Chancen hierzu sind vorhanden.

Venture Capital: Eine Branche hat sich verspekuliert Gründermarkt: Kapital und Kontakte für Start-ups


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