Karriere Traumjob Gastarbeiter

"Die ganze wirtschaftliche Lage hier kann man doch in die Tonne treten". So wie Eventmanager Marko Flegel suchen immer mehr Deutsche ihr Glück im Ausland. Doch der berufliche Aufstieg nach dem Ausstieg ist steinig.

Berlin - In Therese Dietrichs Zimmer sitzen sie alle, die Frustrierten, die Hoffnungslosen und Entmutigten. Sie blicken die Chefin des Berliner Europa-Job-Centers so erwartungsvoll an, als sei sie eine Gralshüterin.

Denn Therese Dierich kann Arbeit vermitteln, Jobs im Ausland. "Die Menschen hier wollen nur noch weg, raus aus Deutschland, lieber nach Irland als nach Bayern", sagt sie. Ihre Kunden geben sich so entschlossen wie der arbeitslose Eventmanager Marko Flegel. "Die ganze wirtschaftliche Lage hier kann man doch in die Tonne treten", sagt der 31-jährige Berliner.

Noch sind es keine Massen, die ihre Idee in die Tat umsetzen. Rund 111.000 Deutsche kehren ihrer Heimat laut Bundesstatistik im Jahr den Rücken. Weiterbildung, Karrierehoffnungen oder Abenteuerlust gehören zu ihre Motiven. Doch immer häufiger ist auch drohende Arbeitslosigkeit die Triebfeder für den Blick über die Grenzen. Dieser ungewohnte Trend im einstigen Land der Gastarbeiter wird für die Arbeitsvermittler immer spürbarer.

"Die Leute wollen Arbeit, egal wo"

Rund 7000 Berliner und Brandenburger informierten sich im Jahr 2001 bei Kerstin Whalley im Arbeitsamt Südwest über Jobs im EU-Ausland. "In diesem Jahr hatten wir allein 10.000 Anfragen bis Oktober", berichtet die Beraterin, die wie ihre rund 50 Kollegen in Deutschland an das europäische Netzwerk der Arbeitsverwaltungen "Eures" angeschlossen ist. Zwei Drittel aller Ratsuchenden hatten ihre Arbeit verloren.

Wie viele ihrer Kunden sich wirklich ins Ausland aufmachen, kann Kerstin Whalley nicht registrieren, doch sie hat Erfahrungswerte. "Bei 50 Bewerbungen geht vielleicht jeder zehnte", schätzt sie. "Viele vergessen, dass sie ja Sprachkenntnisse brauchen. Viele ahnen nicht, was es heißt, die Brücken abzubrechen und allein zu sein".

Doch viele Ostdeutsche seien entschlossener als früher, urteilt die Beraterin. "Die Wende-Hoffnungen sind wohl endgültig verpufft. Die Leute wollen jetzt Arbeit, egal wo". Und so vermittelt sie Bauarbeiter nach Holland und Norwegen, Hotelkräfte nach Österreich oder Kaufleute nach Irland.

"Ich würde sofort gehen"

Silke Dümichen zum Beispiel ist zu allem bereit. Im Oktober musste die 33-jährige Bauingenieurin ihren Job kündigen, weil die Berliner Firma vor der Pleite stand. Die Baustoff-Kennerin will sich nun Arbeit im englischsprachigen Raum suchen. "In Berlin ist nichts zu finden, in Deutschland bisher auch nicht", sagt sie. "Wenn ich ein Angebot im Ausland bekäme, würde ich sofort gehen".

5492 Berliner haben ihre Stadt nach den Tabellen des Statistischen Landesamtes im vergangenen Jahr Richtung Ausland verlassen - rund 2000 Menschen mehr als noch 1995. Begehrte Ziele waren die Schweiz, Großbritannien, Spanien und die Benelux-Staaten. Auch die USA, Kanada und Australien stehen hoch im Kurs.

Oft muss Therese Dietrich ihre Besucher bremsen. In einstündigen Gesprächen erstellt sie Profile der Bewerber, schätzt Chancen ein. Die sind nicht immer gut. "Ungelernte haben auch im Ausland keine Chance", sagt sie. Wen die Arbeitslosigkeit zermürbt, der schafft es auch nicht.

Angst vor der letzten Konsequenz

Noch wird der Berater-Job vom Arbeitsamt mit finanziert, doch wenn sie wirtschaftlich arbeiten müsste, könnte Dietrich ihr Büro schließen. Von April bis September hat sie von 1590 Profil-Kandidaten nur 43 ins Ausland vermittelt. "Oft ist der Wunsch nach der Ferne eine Trotz- und Frustreaktion. Wenn ein konkretes Angebot vorliegt, schlagen es die Menschen aus. Sie haben Angst".

Und doch gibt es immer wieder Glücksfälle. Ein arbeitsloser 57-jähriger Maler fand in Schweden Arbeit. Ein norwegischer Bauunternehmer kam nach Berlin und stellte noch in seinem Hotel deutsche Bauarbeiter ein. Therese Dietrich rät vielen ihrer Kunden, das Risiko Ausland zu wagen. Denn von einem sind sie und ihre Kollegin Kerstin Whalley fest überzeugt: "Wenn sich die wirtschaftliche Lage hier bessert, kommen sie zurück".

Ulrike von Leszczynski, dpa

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